Tübingen · Theater: Die Liebe und das Streben nach Ruhm

Schwäbisches Tagblatt
.Für Ansehen und Geld würde ein Politiker vieles tun - sogar seine moralische Integrität vernachlässigen. Das zumindest behauptet der irische Schriftsteller Oscar Wilde in seinem Stück „Ein idealer Gatte“, das 1895 in London uraufgeführt wurde. Im Original trägt es den Namen „An Ideal Husband“, unter dem es diese Woche im Brechtbautheater zu sehen ist. Die Provisional Players, eine englischsprachige Universitätstheatergruppe, haben am Montag Premiere vor einem begeisterten Publikum gefeiert.
Zu Beginn des Stücks scheint noch alles in perfekter Ordnung zu sein. Der reiche Staatssekretär Sir Robert Chiltern und seine Frau Gertrude unterhalten in ihrer Villa vornehme Partygäste, bis die geheimnisvolle Mrs. Cheveley ungeladen dazustößt und mit Robert Chiltern reden will. Im Gespräch unter vier Augen stellt sich heraus, dass Cheveley einen Brief von Chiltern besitzt, der beweist, dass der anerkannte Mann sein Vermögen durch einen Schwindel erlangt hat. Sie erpresst ihn mit dieser Information und verlangt im Gegenzug seine Unterstützung für einen fragwürdigen Plan des britischen Parlaments. Gleichzeitig trifft der ewige Jungeselle Lord Goring auf Chilterns Schwester Mabel, die in Goring verliebt ist und ihm Avancen macht. Lady Chiltern ist zunächst vom einwandfreien Charakter ihres Mannes überzeugt, aber als sie die Wahrheit erfährt, bricht ihr Weltbild zusammen. Durch Missverständnisse wird Chiltern immer mehr unter Druck gesetzt und Goring kommt durch seinen Vater Lord Caversham ebenfalls in Bedrängnis, weil er endlich heiraten soll. Wilde schafft es jedoch, seine Figuren zu einem guten Ende zu führen.
Gleichermaßen schafft es die Regisseurin Lena Först, ihre Schauspielenden gut in Szene zu setzen. Die Routine, mit der sich die Amateurgruppe auf der Bühne bewegt, zeugt von einer starken Kenntnis des Stücks und einer detaillierten Probenarbeit. Laut Först hat die Gruppe im November mit den Proben begonnen. Besonders die Darstellungen von Lady Chiltern (Sinem Yurt), Robert Chiltern (Finn Preuß) und Lord Goring (Noah Schreiner) beeindrucken mit vielschichtigem und authentischem Spiel. Trotz der ernsten Handlung ernten alle Spielenden Lacher an den passenden Stellen, wie von Wilde gewollt. Die Atmosphäre im Brechtbautheater passt zum charmanten Charakter der Inszenierung: mit Jazzmusik aus den Lautsprechern und Art déco im Bühnenbild werden die 1920er lebendig. Ebenso passen die Kostüme in die Zeit: Die typischen Flapperkleider mit Fransen und Pailletten sind vertreten, sowie Federschmuck und elegante Anzüge in verschiedenen Farben.
