Tübingen · Musik
: Warum Künstler so oft aus Tübingen wegziehen

Mit dem Erfolg zog die Band Temmis aus Tübingen in eine Großstadt, wie so viele andere Künstler vor ihnen. Ist die Universitätsstadt zu klein für große Geschichten?
Von
Tobias Hauser
Tübingen/Hamburg

Konstantin Fahrner, Sänger von Strahlemann.

Arno Geister

Bei Temmis hatte diese Entscheidung wohl genauso wenig mit dem Tübinger Regen zu tun wie mit kalkuliertem Geschäftsdenken. Bassist Alex Schießl zog aus privaten Gründen um, die anderen kamen mit. „Das ist vielleicht eine ungewöhnliche Entscheidung, wegen eines Bandmitglieds diesen Umzug geschlossen mitzumachen“, erklärt Sänger und Gitarrist Roman Paetin. „Aber es hat einfach perfekt gepasst und wir wollten zusammenbleiben.“

2021 gewann Temmis einen Bandcontest, der vom Lautsprecherhersteller Hifi-Klubben organisiert worden war. Als Sieger durften sie in Hamburg drei Songs aufnehmen (wir berichteten). Im Jahr 2022 veröffentlichte Temmis dann zwei EPs, sie spielten in ganz Deutschland, unter anderem als Support für erfolgreiche Künstler wie Drangsal und Edwin Rosen und schafften sich eine Fanbase. Fast 60000 monatliche Hörer haben sie inzwischen auf Spotify und stehen bei Warner Music unter Vertrag. Gegründet hat sich Temmis 2018 in Tübingen. „Mit der Musik ist es wie mit allem in Tübingen“, sagt Paetin. „Man muss es selbst in die Hand nehmen, dann gibt's auch viele Leute, die voll drauf einsteigen.“

Das Besondere an Tübingen, findet er, ist die selbstorganisierte Szene. „In den Kellern der Tübinger Wohnprojekte und Studentenwohnheime hat sich in den letzten Jahren kulturell einiges getan. Das war ein fruchtbarer Nährboden für uns.“ Aber irgendwann, erzählt er, habe man eben in jedem Club und vor allen potenziellen Fans gespielt.

Gehören Künstler in Großstädte?

Konstantin Fahrner, Sänger der Indie-Pop-Band Strahlemann, lebt noch in Tübingen. Alt wird der 22-Jährige hier aber auch nicht: „Man muss als Musiker einfach in einer großen Stadt gewesen sein, das gehört zur Biografie“, sagt er. „Das ist natürlich ein Klischee, aber ich denke in der Großstadt passiert am meisten. Es treffen sich sehr viele Leute und man kriegt die diversesten Eindrücke.“ Eindrücke, die er dann in seiner Musik verarbeiten kann. „Ich würde nicht sagen, dass mir Tübingen zu klein ist. Ich kann mir vorstellen, dass es mir zu klein wird.“

Fahrner überlegt, nach seinem Abschluss mit der Band zusammen nach Köln oder in eine andere Großstadt zu ziehen und ein bis zwei Jahre nur in die Musik zu investieren: „Ich denke, dass wir diesen Schritt auf jeden Fall gehen werden, nächstes oder übernächstes Jahr.“

Warum Tristan Brusch ging

Einer, der das alles bereits hinter sich hat, ist Tristan Brusch. Der 34-jährige Musiker ist 2008 aus Tübingen, wo er aufgewachsen ist, nach Berlin gezogen. Eigentlich konnte es für ihn gar nicht schnell genug gehen. Schon mit 14 wollte er seine Heimatstadt verlassen, aber nach „gutem Zureden“ seiner Eltern, beendete er noch sein Abitur am Wildermuth-Gymnasium. Dann aber ging er: „Wenn man Ambitionen hatte, war das völlig klar, dass man irgendwann rausmuss. Da führt kein Weg vorbei und da reicht auch Freiburg nicht.“ Es gebe einfach zu wenig Anknüpfpunkte und Verbindungen zur Welt der Popmusik. „Diese Branche bewegt sich eben in einem überschaubaren Rahmen“, sagt Brusch.

Auch er nahm Tübingen jedoch als gutes Pflaster für junge Künstler und Künstlerinnen wahr. „Es gab viele Möglichkeiten aufzutreten, das Epplehaus, Schülertreffs, der Zoo, der inzwischen geschlossen wurde.“ Zehn Auftritte hatte er in Tübingen, in zwei Jahren. „Für so eine kleine Stadt ist das schon krass.“

Nach Berlin ging er damals blauäugig und unbedarft: „Ich habe mich mit vollem Karacho in die Welt raus torpediert, aber ich glaube, das muss man auch. Sonst braucht man gar nicht erst anfangen.“ Rückblickend ist er froh über seine Entscheidung und auch schlauer. „Vieles ist viel toller gelaufen als ich's mir vorgestellt habe und fast nichts kam, wie ich's mir gedacht habe.“

In Tübingen, sagt er, finden sich genauso Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. „Klar, in Berlin gibt es bestimmte Abgründe, die künstlerisch interessant sind“, sagt er. „Aber große Gefühle gibt es in Tübingen auch.“ Sein Vater, der Violinist Jochen Brusch, lebt beispielsweise seit langem in Tübingen. „Für Leute wie ihn, die sehr introvertiert ihrer Arbeit nachgehen und die inneren Welten erforschen, für die ist Tübingen genau das richtige“, sagt er. Der große Unterschied zwischen den Städten? „Berlin stellt Fragen“, sagt Brusch. „Tübingen gibt Antworten.“

Temmis: Romantiker, die Pop-Punk und Elektro mischen

Für viele ist Temmis Teil der „Neuen Neuen Deutschen Welle“, einer Strömung von 80er-Déjà-vu-Musik. Sie selbst sagen, ihre Musik sei „das Ergebnis der Überlegung, wie eine Rockband 2022 noch Musik machen kann, ohne einfach nur ein 70er- oder 80er-Act zu sein“. Post-Punk nennt Paetin als Stichwort. Das kennt man von Bands wie Joy Division. Temmis kombiniert diesen Sound mit düsteren Elektro-Einflüssen. Paetin singt übers verloren sein in der Großstadt, über Liebe und reiht alltägliche Beobachtungen und Momente aus dem Leben als Mittzwanziger aneinander.

Dem modernen Musikgeschäft voller Algorithmen und Singles, die auf Tik Tok viral gehen, wollen sie sich nicht unterwerfen. „Singles fühlen sich unromantisch an“, sagt Paetin. Deshalb haben sie beide EPs veröffentlicht, ohne vorher einen Song auszukoppeln. „In einem Kosmos mit drei oder vier Liedern ist es viel einfacher, Ideen zu artikulieren“, sagt Paetin. „Mit einem guten Freund unterhältst du dich länger, mit oberflächlichen Bekanntschaften nur ein bis zwei Minuten. So ist das auch bei Singles.“