Tübingen: Kantatengottesdienst: Sucht ihn in meiner Brust

Schwäbisches Tagblatt
.Eine lange Warteschlange vor dem Stiftskirchen-Portal, die halbe Münzgasse hinauf. Das Einlasstempo erstaunlich zügig dank eines seit vielen Monaten eingespielten ehrenamtlichen Ordnerteams. Die fünfte Kantate aus Bachs „Weihnachtsoratorium“ sorgte an Epiphanias für noch mehr Andrang als die ersten Teile des Zyklus: weit über 350 Gottesdienstbesucher.
Das Georgs-Vokalensemble - benannt nach dem Hauptpatron der Stiftskirche - gab mit Bachs Eingangschor „Ehre sei dir, Gott, gesungen“ gleich seine Visitenkarte ab. In dem Projektchor, 2017 von Stiftskirchen-Organist Jens Wollenschläger gegründet, musizieren rund 20 erfahrene Sängerinnen und Sänger, darunter Studierende der Kirchenmusik.
Royaler Modetanz
So war es möglich, in nur zwei Proben eine vorbildliche Interpretation einzustudieren: das Klangbild klar, mit schnittig federnder Rhythmik und optimal textverständlicher Artikulation; die Tongebung im Mittelteil breiter strömend, dunkler gefärbt.
Die Camerata viva stimmte ein beschwingtes Tempo an, die Streicher-Impulse so luftig leicht hingetupft, dass die Oboen selbst in der tiefen Lage immer gut zu hören waren. Dem Chorsatz unterlegt Bach einen anspielungsreichen Tanzrhythmus - eine Polonaise, seinerzeit royaler Modetanz zur Feier der sächsischen Herrscher auf dem polnischen Thron: ein augenzwinkernd klangsymbolischer Hinweis auf die heiligen drei Könige.
Schlank und pointiert
Schlank und pointiert gefasst der Chorklang in den Choralsätzen. Bei den Rezitativen entschied sich Wollenschläger für die „Telemann’sche Generalbasspraxis“ mit voll ausgehaltenen, tragenden Continuo-Basstönen, wie sie zu Bachs Zeiten in Mitteldeutschland weit verbreitet war, statt der komplett nur kurz angerissenen Generalbass-Akkorde, wie sie in der heutigen historischen Aufführungspraxis zumeist üblich sind.
Eine der schönsten Stellen, als Altistin Christine Müller auf die Frage des Chors: „Wo ist der neugebor’ne König der Juden?“ mit eindringlicher Innerlichkeit antwortete: „Sucht ihn in meiner Brust, hier wohnt er“. Dagegen hätten im Terzett „Ach, wann wird die Zeit erscheinen?“ (Violin-Solo: Konzertmeisterin Magdalene Kautter) die drei Stimmen noch dramatischer ringen, einander stärker „ins Wort fallen“ dürfen: Sopran (Christine Reber) und Tenor (Jo Holzwarth), die in umtriebiger Koloratur-Geschäftigkeit Christus nicht wahrnehmen, unterbrochen vom Einspruch der Alt-Partie: „Er ist schon wirklich hier“.
Auch Matthias Lutzes Bass-Arie hätte plastischer und textgriffiger artikuliert sein können, so prägnant wie die dazu konzertierende Oboe d’amore (Irene Göser-Streicher), nur begleitet von Fagott (Annette Wittemann) und Truhenorgel (Manuel Mader). Stiftskirchen-Pfarrerin Susanne Wolf stellte in ihrer Predigt die Frage nach der Legitimität von Herrschaft und Macht. Den für den Dreikönigstag vorgesehenen Perikopentext (Matthäus 2, 1-6; „Die Weisen aus dem Morgenland bei König Herodes“) - entstanden um 80 n. Chr. im römisch besetzten Antiochia - interpretierte sie als „politische Kampfansage“ gegen die Besatzungsmacht, die drei Weisen als diplomatische Gesandte des konkurrierenden Parther-Reichs auf der Suche nach einem neuen, rechtmäßigen König.
„Denn es gibt immer Licht“
Dabe i erinnerte Wolf auch an den Sturm auf das US-amerikanische Kapitol vor einem Jahr und an Trumps starrsinnige Weigerung, seine Wahlniederlage anzuerkennen. Zuletzt zitierte sie aus Amanda Gormans Gedicht „The Hill We Climb“ anlässlich Joe Bidens Amtseinführung: „Denn es gibt immer Licht, wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen,
es zu sein.“
Da Gemeindegesang in Kirchenräumen derzeit coronabedingt untersagt ist, waren die Gottesdienstbesucher eingeladen, die beiden Gemeindelieder im vierstimmigen Bach-Satz anschließend draußen auf dem Holzmarkt zu singen. Achim Stricker
Morgen zum Abschluss mit Pauken und Trompeten
Am morgigen Sonntag, findet um 11 Uhr in der Tübinger Stiftskirche der sechsteilige Kantatengottesdienstzyklus mit Bachs Weihnachtsoratorium seinen Abschluss mit Pauken und Trompeten: unter der Leitung von Benedikt Brändle musiziert die ESG-Kurrende zusammen mit Christine Reber (Sopran), Christine Müller (Alt), Jo Holzwarth (Tenor) und Thomas Scharr (Bass) sowie der Camerata viva; die Predigt hält Hochschulpfarrerin Inge Kirsner. Der Eintritt zu diesem Gottesdienst ist frei, es gilt 2G. Da es gibt keine Möglichkeit zur Voranmeldung gibt, wird darum gebeten, sich zeitig einzufinden.