Kluftinger: Große Oper über Lifestyle-Themen: Vom Allgäu an die Adria: Klüpfel und Kobr haben den Blick und das Ohr für die Comedy des Alltags.

Volker Klüpfel (rechts) weiß, wo Michael Kobrs Schreibtisch steht.
AlbersLesung? Sicher doch, zwei Bücher hatten die beiden mitgebracht, jeweils zwei Kapitel daraus trugen sie vor. Aber längst haben sie das betuliche Format erweitert, auch dieses Mal zum Vergnügen des vollen Saals: Sie batteln, welches Buch eigentlich vorgestellt werden soll, steigern ihre Schnick-Schnack-Schnuck-Duelle zu Batman und Darth-Vader-Persiflagen und schweifen gerne zu persönlichen Sticheleien ab.
Drei Leichen in einer Schlucht
Sollen sie sich hauen? Kobr zu Klüpfel: „Das verträgst du mit deiner Osteoporose doch gar nicht mehr.“ Sport im Alltag? Kobr: „Ich geh jeden Tag zu Fuß zur Arbeit.“ Klüpfel: „Klingt beeindruckend, aber wenn man weiß, dass es von deinem Bett bis zum Schreibtisch fünf Meter Luftlinie sind . . .“
Dieses Muster kennt man aus den Kluftinger-Krimis. Dort hat der Kommissar ebenso einen Kontrahenten für etliche Rededuelle, den Arzt Martin Langhammer. Der ganze Saal lacht auf, als der Name das erste Mal fällt, und schon sind wir in der ersten Szene des neuen Kluftinger-Krimis „Himmelhorn“. Was dort zum Plot gehört, ist herzlich wenig. Kluftinger und Langhammer radeln in die Berge und entdecken am Grund einer Schlucht drei Leichen, augenscheinlich Opfer eines Absturzes.
Das könnte man im Sinne einer straffen Handlung auf einer halben Seite abhandeln. Tatsächlich weitet das Autoren-Duo diese Szene zu einer großen Oper über Lifestyle-Themen aus. Erst malen sie all die Absurditäten des E-Bike-Rummels genüßlich aus, dann – Kluftinger und Langhammer müssen dafür die Schlucht abklettern und dann nicht mehr hochkönnen – ziehen sie über Smartphones her.
Klüpfel und Kobr machen ja kein Werkstattgespräch, aber man könnte sich die Produktion eines Krimis so vorstellen, dass die beiden ordentlich einen draufmachen, dabei über Gott und die Welt herziehen und dann einen Fundus an Lästerpotential haben, den sie in ihren Krimis aneinanderreihen. Leseszene Nummer Zwei jedenfalls trug gar nichts zum Fortgang des Drei-Leichen-Falles bei, sondern zeigte Kluftinger beim Anlageberater als unschuldigen Naivling, der beim Wort Depot erstmal an seinen Geräteschuppen denkt.
Papagallos am Strand?
In den Dialogen werden dann auch schon mal eher angejahrte Witze wie der vom steigenden Benzinpreis („Macht mir nichts, ich tank immer für 30 Euro“) eingebaut. Aber immerhin wollen ja auch mittlerweile neun Kluftinger-Krimis mit Schmäh und Satire gefüllt sein.
Und immerhin: Es muss nicht nur Kluftinger sein. Klüpfel/Kobr sind auf Zeitreise gegangen, in die 1980-er, und begleiten eine Großfamilie auf Adria-Urlaub. Das Schöne für „In der ersten Reihe sieht man Meer“: Man braucht eigentlich, außer ein paar Protagonisten, gar nichts erfinden, man muss nur den Sound und die Details der Vokuhila- und Bravo-Starschnitt-Zeit reaktivieren – und das können die beiden.
Mit einem Male ist man drin im vollgestopften Ford Sierra, zu dem der zigarettenheisere Opa den Rat gibt: „Verrammel die Karre gut, bei den Ittakern weiß man nie!“ Kramt hektisch an der Grenze nach dem (natürlich abgelaufenen) Pass, trinkt Jakobs Krönung aus der Thermoskanne und steht im Stau auf der Autostrada.
Aber verweilen wir da noch einmal an der Grenze. Welchen Dialekt hat der Beamte da? Was Klüpfel vorträgt, klingt Kobr zu wienerisch, deshalb kontert er mit der Persiflage eines Südtirolers in Gipfelekstase. Also: Ordentlich schauspielern können die beiden auch.
Richtig absurdes Theater gibt es beim obligatorischen Telefonat nach Hause, natürlich von der Telefonzelle aus, vor der schon eine lange Schlange steht und für die man gettoni telefonici braucht. Das ist im Detail so perfekt eingefangen.
Und was kommt jetzt? Sonnenöl-Orgien? Pizza-Kulinarik? Papagallos am Strand? Man ist jetzt angefixt– aber nach 75 Minuten ist Schluss. Klüpfel/Kobr signieren noch, dann muss man selber lesen - auch im Marketing sind die beiden Vollprofis.