Dank und Lob
: Ausstellung und Festkonzert zu 150 Jahre Liederkranz Hagelloch

Im Hagellocher Gemeindehaus dokumentiert eine kleine Fotoausstellung die Geschichte des Liederkranzes, der 1866 gegründet wurde und damit der älteste Verein dieses Tübinger Stadtteils ist.
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Inzwischen mehr Damen als Herren: der Hagellocher Liederkranz.

Andrea Bachmann

Zu sehen sind also gute hundert Jahre Liederkranzleben: Fahnenweihen und Festumzüge, Chorreisen nach Berchtesgaden, Heidelberg oder Rüdesheim, Theateraufführungen und natürlich Konzerte. „Des isch mei‘ Mama!“ freut sich eine Sängerin beim Anblick eines bezopften Mädchens auf einem der Fotos.

Die kleine Zeitreise entwirft ein schönes Bild von über hundert Jahren Vereinsleben. Sehr amüsant sind Bilder aus den 1960er-Jahren. Ein Chor leistete sich damals noch sogenannte Festdamen: junge Frauen in schicken Kleidern, die nichts anderes zu tun hatten als zu lächeln und hübsch auszusehen.

Heute singen alle Damen selbst, und der Chor wird seit 21 Jahren von Sibylle Brückel geleitet.

Für das Festkonzert zum Auftakt des Jubiläumsjahres hatte der Liederkranz Hagelloch ganz bewusst die Kirche in Hagelloch ausgewählt. Man wollte „danken und loben“ und hatte ein zu diesem Motto passendes Konzertprogramm auf die Beine gestellt, das von Händel bis in die musikalische Gegenwart reichte und zu dem der Posaunenchor Hagelloch unter der Leitung von Antje Beyer und der Ermstal-Männerchor als Gäste geladen waren.

Schon eine Viertelstunde vor Konzertbeginn fand niemand mehr einen Sitzplatz. Neben den Ehrengästen waren viele Sangesbrüder und -schwestern aus anderen Tübinger Chören und natürlich der halbe Ort gekommen: Der Liederkranz gestalte das Dorfleben schon lange mit, bemerkte Pfarrerin Gudrun Bertsch in ihrer Begrüßungsansprache.

Mit zwei Chorsätzen von Camille Saint-Saëns und Michael Haydn startete der Liederkranz mit ebensoviel Schwung wie Präzision ins Festmusikprogramm. Der Posaunenchor Hagelloch unter der Leitung von Antje Beyer lieferte nach der klar struktrierten Wiener Klassik einen coolen Bigband-Sound.

Vom Krönungsmarsch

zum Nachtlager

Festlicher geht es nicht: Was Prinz William und Kate Middleton zu ihrer Hochzeit recht war, war dem Liederkranz Hagelloch billig. Jürgen Knöpfler, der Chormeister des Schwäbischen Chorverbands, setzte mit dem Marsch „Crown Imperial“ von William Walton einen ungewöhnlichen Kontrast und zeigte, dass eine Dorfkirchenorgel zu filmreifem Pathos fähig sein kann.

„Die Himmel rühmen“ von Ludwig von Beethoven ist ein solcher Evergreen der klassischen Chormusik, dass fast Mut dazu gehört, es damit aufzunehmen: Der Liederkranz bestand diese Feuerprobe mit einer hervorragenden Dynamik, sauber herausgearbeiteten messa di voce und einem klaren Sopran.

Eine besondere Premiere bot die „Abendfeier“ aus dem „Nachtlager von Granada“ von Silchers Lehrer Conradin Kreutzer: Zum ersten Mal in beider Vereinsgeschichte traten der Posaunenchor und der Liederkranz Hagelloch gemeinsam auf. Der Chor hatte sicht- und hörbare Freude an der Opernmusik, musste jedoch etwas kämpfen, um sich gegen den Posaunenchor durchzusetzen.

Keine Angst vor großen Gefühlen hatte auch der Ermstal-Männerchor. Man(n) sang Grieg und Gounod selbstbewusst und zog alle Register der Romantik. Damit schaffte Dirigent und Solist Jürgen Knöpfler ein nahezu nostalgisches Flair, passend zum Jubiläumsprogramm. Nach diesen markigen Tönen klang die Vertonung des 23. Psalms von Bernhard Klein sanft, süß und tröstlich. Wieder mit transparenten Frauenstimmen, punktgenau und hochkonzentriert, ohne in sentimentale Schwärmerei hineinzugleiten.

Sibylle Brückel hält diese präzse Spannung nicht nur als Chorleiterin, sondern auch als Sängerin. Sie sang die Arie „Er weidet seine Hede“ aus dem Messias von Georg Friedrich Händel mit einer Kammerstimme, die nicht groß ist, aber mit einem schönen Vibratound warmer Farbigkeit für eine intime Stimmung sorgte.

Mit einem gemeinsam gesungenen „Großer Gott, wir loben dich“, vielen Danksagugen und Applaus verabschiedete sich die Festgemeinde zum Stehempfang ins Gemeindehaus. Andrea Bachmann