SWP+SWP+Alle Tagebücher von Sophie Scholl erstmals in einem Band
: „Das Bild der Heldin hat uns sehr weit von ihr entfernt“

Alle Tagebücher der Widerstandskämpferin Sophie Scholl sind zum ersten Mal gesammelt in einem Band nachzulesen. Editiert hat sie die gebürtige Tübingerin Regina Reisch.
Von
Miri Watson
Tübingen
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Die gebürtige Tübingerin Regina Reisch hat die erste vollständige Edition aller überlieferten Tagebücher Sophie Scholls veröffentlicht.

Die gebürtige Tübingerin Regina Reisch hat die erste vollständige Edition aller überlieferten Tagebücher Sophie Scholls veröffentlicht.

Sarah Schnaudt/ Allitera Verlag
  • Alle überlieferten Tagebücher von Sophie Scholl erscheinen erstmals als Gesamtedition.
  • Herausgeberin ist Regina Reisch, Historikerin, Theologin und Archivarin aus Tübingen.
  • Reisch fand im Institut für Zeitgeschichte bislang unveröffentlichte Einträge – inklusive Beigaben.
  • Die Edition wahrt Eigenheiten wie Korrekturen, Fotos, gepresste Blumen und handschriftliche Noten.
  • Die Texte zeigen Scholls inneres Ringen und lösen sich vom Heldinnenbild zugunsten von Nuancen.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Zum ersten Mal gibt es alle überlieferten Tagebücher von Sophie Scholl in einer Gesamtedition. „Sophie Scholl. Eine Kostbarkeit für immer“, heißt die Sammlung der Tagebuchtexte. Herausgegeben hat sie die Historikerin, Theologin und Archivarin Regina Reisch, die 1998 in Tübingen geboren worden ist.

Mit 21, in dem Alter, in dem Scholl hingerichtet wurde, las Reisch zum ersten Mal Briefe und Tagebuchauszüge der Widerstandskämpferin – die hatte eine andere Tübingerin bereits 1988 veröffentlicht: Inge Jens in ihrer Edition „Briefe und Aufzeichnungen“. „Als ich begann, nach der Wahrheit zu fragen und meinen eigenen Lebensweg zu suchen, stand Sophie Scholl da mit ihrem Leben und Handeln“, so Reisch. „Ich las ihre Briefe und die Tagebuchauszüge und fühlte mich unsagbar berührt.“

Unmittelbare Arbeit mit den historischen Quellen

Die Beschäftigung mit Sophie Scholl begleitete Reisch seitdem: „Während des Geschichtsstudiums habe ich anhand der veröffentlichten Briefe und Tagebuchaufzeichnungen Hausarbeiten zu Sophie Scholl geschrieben und in meiner Bachelorarbeit schließlich eine Edition des letzten Tagebuchs konzipiert“, sagt Reisch. Dieses Tagebuch habe sie dann auch veröffentlichen wollen. Ein interessierter Verlag habe aber angeregt, die Edition um weitere Tagebücher zu ergänzen – der Anstoß für das Buch, das Reisch dann schließlich herausbrachte: „Im Institut für Zeitgeschichte in München entdeckte ich Alben und Hefte mit Tagebucheinträgen, die zum Teil noch gar nicht veröffentlicht worden waren.“

An der Archivarbeit mag die Historikerin den unmittelbaren Zugang zu den Quellen: „Kein Historiker oder Autor hat hier durch seine Interpretation oder Einordnung bereits eine Mittelbarkeit zu den Ursprungsdokumenten hergestellt.“ Sie habe eine Begegnung mit den Schriftstücken aus der Vergangenheit gesucht und fand sie dann in der Auseinandersetzung mit den intimen Zeugnissen der jungen Widerstandskämpferin Scholl.

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Gepresste Blumen und Fotos lagen in den Tagebüchern

Zunächst musste sie dafür die Sütterlin-Handschrift in die heutige Schreibweise übertragen. Das war nicht immer einfach: „Sophie Scholl hat sich beim Schreiben oftmals wenig Mühe gegeben und kommentiert dies auch selbst“, so Reisch. „In diesem Zuge war es herausfordernd, eine Transkriptionsrichtlinie zu erarbeiten, die die Eigenheiten der Tagebücher wie uneinheitliche Schreibweisen, durchgestrichene und korrigierte Textstellen, Beigaben wie gepresste Blumen und Fotos, handgeschriebene Noten und Hineingezeichnetes nachvollziehbar macht.“

In den bisherigen Veröffentlichungen von Scholls Tagebüchern seien diese „1000 Eigenheiten der Selbstzeugnisse“ verloren gegangen, wie die Archivarin anmerkt. Zusätzlich habe sie umfassend zur Überlieferungsgeschichte und zu bisherigen Publikationen der Tagebücher recherchiert. „Darüber hinaus durfte ich die Tagebuchoriginale vor Ort im Archiv ansehen und habe Handschriftenbeschreibungen angefertigt, die ebenfalls Teil der Edition sind.“ Reisch wollte, dass die Leserinnen und Leser auf diese Weise die Tagebücher imaginieren können, ohne sie selbst in der Hand zu halten.

Das ist der Historikerin gut gelungen. Wer die Gesamtedition durchliest, ist nah dran an der jungen Frau, die nicht nur Teil der Weißen Rose, sondern eben auch eine Heranwachsende mit den Sorgen, Wünschen und Träumen war, wie sie Heranwachsende eben haben. Die Tagebücher sind weniger das Zeugnis einer politischen Aktivistin, sondern sie zeigen das innere Ringen einer jungen Frau mit sich, mit Gott, mit der Wahrheit, mit der Welt.

Reisch sagt dazu, bei der Arbeit mit den Tagebüchern habe sie gelernt, „dass Sophie Scholl sehr viele Schattierungen hatte und das tradierte Bild der Heldin uns sehr weit von ihr entfernt hat“. Sophie Scholls Leben habe sich zwar in ihrem Widerstand erfüllt, dazu habe „aber ein 21-Jähriger Lebensweg dazugehört, der mir in seiner Tiefe und Vielfältigkeit mit all den Erfahrungen, die Sophie Scholl gemacht hat, noch unbekannt war“, so Reisch.

Sophie Scholl hat es sich nicht leicht gemacht

Hilfreich beim Verstehen der Selbstzeugnisse und dabei, Sophie Scholl durch ihre Tagebücher näherzukommen, sind auch die Kurzbiografien, die die Herausgeberin zu den Personen angefertigt hat, die Scholl in ihren Tagebüchern erwähnt. Zwar ist die Lektüre zunächst einmal ungewöhnlich und etwas sperrig durch die vielen Anmerkungen und Leseanweisungen, aber sehr bereichernd, sobald man eingestiegen ist. In den Tagebüchern der jungen Frau wird sehr deutlich: Scholl hat es sich nicht leicht gemacht, sie hatte einen hellwachen Geist, aber auch eine Menge Selbstzweifel, die an ihr nagten.

Am 9. August 1942, ein halbes Jahr vor ihrer Hinrichtung, schreibt Scholl in ihrem Münchner Tagebuch: „Viele Menschen glauben von unserer Zeit, dass sie die letzte sei. All die schrecklichen Zeichen können es glauben machen. Aber ist dieser Glaube nicht von nebensächlicher Bedeutung? Denn muss nicht jeder Mensch, einerlei in welcher Zeit er lebt, dauernd damit rechnen, im nächsten Augenblick vor Gott zur Rechenschaft gezogen zu werden. Weiß ich denn, ob ich morgen früh noch lebe?“

Reisch sagt: „Ich habe auch durch Sophie Scholl gelernt, dass es nicht darauf ankommt, dass ein Mensch ideal ist, sondern dass er sich auf seinem Lebensweg immer wieder selbst neu ausrichtet.“

Info: Regina Reisch: „Sophie Scholl. Eine Kostbarkeit für immer. Edition der Tagebücher (1937-1943)“, Allitera-Verlag, 2026, 34 Euro.