Kreis Tübingen
: Melanie und Thomas Müller reiten auf dem Immenhäuser Immenhof bei Christa Hinrichsen

Der Samstagvormittag ist bei den Müllers gesetzt. Bewegt sich der Uhrzeiger auf neun zu, sitzt Monika Müller mit ihren Kindern im Auto. Um rechtzeitig auf dem Immenhof zu sein, plant sie von Bisingen aus lieber zu viel als zu wenig Zeit ein. Die Reitstunde bei Christa Hinrichsen ist allen dreien extrem wichtig.
Von
Christine Laudenbach
Immenhausen

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Nicht gesetzt

Melanie und Thomas Müller gehören seit Jahren zur „bunt gemischten“ Truppe der Hippotherapeutin. Die 59-Jährige bietet auf den Härten heilpädagogisches Reiten an. In der Immenhof-Gruppe sitzen Menschen mit geistiger und mit körperlicher Behinderung im Sattel, Kinder und Erwachsene. Auch zwei Autisten sind bei der gebürtigen Göttingerin in Therapie. Melanie und Thomas trainieren „seit der zweiten Klasse“. Die Zwillinge sind entwicklungsverzögert. Vor 17 Jahren kamen sie zu früh auf die Welt, bei der Geburt litten sie unter Sauerstoffmangel.

Als sie sich kennenlernten, arbeitete Christa Hinrichsen als Fachlehrerin bei der KBF in Mössingen. In der Reit-AG fand Thomas zwar erst, „reiten ist etwas für Mädchen“. Nachdem er ein halbes Jahr lang ein Pony geführt hatte, ließ er sich jedoch von Melanies Begeisterung anstecken. Als Hinrichsen 2014 mit ihren vier Pferden dann vom Bodelshäuser Kastanienhof hoch nach Immenhausen zu den Riehles zog, zogen die Müllers mit.

Seitdem reiten sie dort jeden Samstag. Wenn es irgend geht, auch in den Ferien. Versorgen die Pferde, misten aus. Dass den beiden der Umgang mit den Tieren, das regelmäßige Training und die Gemeinschaft auf dem Hof gut tun, lasse sich an ihrer Entwicklung ablesen, sagen Trainerin und Mutter unisono. Zu Beginn drehten Melanie und Thomas auf dem Reitplatz eine Runde an der langen Leine. Heute „reiten sie frei“, Schritt und Trab, gehen ins Gelände. Und: Sie unterstützen bereits die Jüngeren in der Truppe.

Seit ein paar Jahren nehmen die Zwillinge an Wettbewerben teil. Vier bis fünf Mal pro Jahr, sagt Melanie. Speyer, Münster, Steinheim: „Keine Ahnung“, wo überall sie schon geritten sind. Bei so vielen Turnieren verliert man leicht den Überblick. Im Mai starteten die Geschwister zum dritten Mal bei den Special Olympics, und zwar äußerst erfolgreich. Geschicklichkeitsreiten und Dressur entschieden Melanie und ihre Partnerin in Kiel für sich. Nur die Kostümkür verunglückte vor lauter Aufregung ein bisschen. Die beiden jungen Frauen hatten sich das Thema „Einhorn“ ausgesucht. Musik und Outfit stimmten, aber das Horn für Melanis braun-weißen Schecken Da-schau-hin hatten sie im Auto vergessen. Am Ende reichte es für Platz 6. Thomas holte in der Unified-Kür die Bronze-Medaille, in den beiden anderen Disziplinen verpassten er und seine Partnerin nur ganz knapp das Podest.

Am Turnier teilnehmen dürfen bei den Special Olympics Athleten, deren IQ unter 75 liegt. Um die Leistungsfähigkeit der Sportler zu steigern und gleichzeitig deren Selbstbewusstsein zu stärken, tritt ein Partner ohne geistige Behinderung mit an. Melanie stand Carla Kimmig zur Seite. Die 30-jährige gehbehinderte junge Frau gehört ebenfalls zur Immenhof-Truppe.

In Kiel wohnte die ganze Mannschaft gemeinsam in einer Ferienwohnung. Da hat dann „jeder seine Aufgabe“, sagt Christa Hinrichsen. Ihr Mann brachte die Pferde in den hohen Norden. Monika Müller kochte, Carla war fürs Frühstück zuständig. Und Melanie? „Vielleicht fürs Tischdecken.“ Ans Turnier denkt die Dreifürstensteinschülerin sehr viel lieber. Es hat „viel Spaß gemacht“, sagt sie. Teilnehmer aus ganz Deutschland waren da. Im Alter von zwölf bis 90 Jahren. Mit manchen sind die Reiter aus Immenhausen inzwischen befreundet. Konkurrenzkampf mit dem Bruder oder gar Zoff gebe es auf Wettkämpfen nie, sagt sie. „Und warum nicht?“, schaltet sich Hinrichsen ein. „Weil ich sage: Dann fahren wir heim!“ Funktioniert offensichtlich wunderbar.

Dass Monika Müller ihre beiden Kinder zum Wettkampf begleitet, ist nichts besonderes. Längst ist auch sie aktiver Teil der Immenhof-Truppe. Immer wieder vertritt Müller inzwischen sogar die Trainerin. Die Liebe zu den Pferden, das Team auf dem Hof verbinde sie mit ihren Kindern, sagt sie. Dafür sei sie dankbar. Wenn Thomas am Wochenende aus dem Reutlinger Internat nach Hause kommt, gebe es immer ein Gesprächsthema für alle. „Jeder redet mit, unabhängig vom IQ“, fasst sie zusammen. Und spätestens wenn sie am Samstagmorgen auf den Hof einbiege, schalte „man komplett um“. Der ganze Stress sei weg. Melanie leidet unter ADHS. „Wenn sie bei ihrer Lisa ist, ist sie ein anderer Mensch.“ Die Kombination ruhiger Kaltblüter und temperamentvolles Kind habe sich bewährt. Oder wie Melanie es ausdrückt: „Bei den Pferden, da fühlt man sich frei.“

Die Finanzierung der Therapie macht Monika Müller allerdings zu schaffen. Die Stiftung „Hilfe für kranke Kinder“ in der Tübinger Kinderklinik unterstützt die Zwillinge immer wieder bei ihrem Sport, übernahm etwa Betreuungskosten während der Special Olympics. Die Reitstunden muss Müller selbst stemmen. Die Krankenkasse zahle leider nichts. Die alleinerziehende Mutter arbeitet halbtags. Würde sie nicht von ihrer Tante unterstützt, könnten die Familie die 300 Euro im Monat wohl nicht aufbringen.

Special Olympics – weltweit

Special Olympics

ist die weltweit größte Sportbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung und Mehrfachbehinderung.

Von den Paralympics entscheiden sie sich dadurch, dass dort Menschen mit Körperbehinderung teilnehmen.

Ins Leben gerufen hat sie 1968 Eunice Kennedy-Shriver, eine Schwester von US-Präsident John F. Kennedy. Die Special Olympic World Games (Sommer) sind für 2019 in Abu Dhabi geplant.

Die Special Olympics Deutschland (nationale Organisation) wurden 1991 gegründet.

Die ersten Spiele fanden 1998 in Stuttgart statt.

In Kiel gingen im Mai dieses Jahres 4600 Athleten in 19 Sportarten an den Start. Fußball war mit 950 Teilnehmern am beliebtesten.