Kreis Tübingen
: Bloß nicht wie der Vater Zeitung machen!

2004 verkaufte der damalige Chefredakteur und Verleger seine Anteile am SCHWÄBISCHEN TAGBLATT. Wir dokumentieren hier den Artikel zu seinem Abschied im Wortlaut. Von Berlin nach Tübingen und zurück: Christoph Müller verlässt nach über 35 Chefjahren das TAGBLATT.
Von
Hans-Joachim Lang
Tübingen/Berlin

Vor dem Umbau des Verlagsgebäudes in der Uhlandstraße fanden die täglichen Redaktionskonferenzen – hier im Jahr 1985 – noch im Chefzimmer statt.

Manfred Grohe

„Er wird – dessen sind wir Redakteure sicher – ein Gewinn sein für unsere Zeitung, für deren Leser und für die Redaktion. In diesem Sinne: Salute!“ Paul Sting war es, der am 29. März 1969 mit dieser hymnischen Begrüßung einen Heimkehrer auf der Kommandobrücke der Lokalzeitung willkommen hieß: an den Schläfen erste graue Haare, aber mit 31 Jahren dennoch der Jüngste unter den Redakteuren. Paul Sting, selber erst seit 13 Monaten im Amt, hatte den Platz des Lokalchefs zugunsten von Christoph Müller geräumt, ohne Bitterkeit, wie er 1981 bei seiner Pensionierung noch einmal beteuerte.

Einen Namen gemacht

Immerhin war der Neue nicht irgendwer, sondern ein Sohn von Ernst Müller und seit dem 1. Januar 1969 dessen Nachfolger als einer der beiden Gesellschafter der SCHWÄBISCHES TAGBLATT GmbH. Wie Will Hanns Hebsacker, im September 1945 einer der drei TAGBLATT-Gründer, wurde Ernst Müller, der im April 1946 als Redakteur eintrat, im Juli 1946 einer von sechs Herausgebern. Von April 1950 an waren Müller und Hebsacker die beiden einzigen Gesellschafter, zwei Positionen, die in beiden Familien an die nächste Generation vererbt wurden.

Wie später auch sein Sohn verstand sich Müller senior eher als Feuilletonist denn als Geschäftsmann, zusätzlich erwarb sich Ernst Müller Meriten als Privatgelehrter, die in der Verleihung eines Ehrendoktors und des Titels eines Honorarprofessors öffentliche Anerkennung fanden. „Als Sohn hat man es da schwer mitzuhalten“, gratulierte ihm dieser zum 70. Geburtstag öffentlich in der Heimatzeitung, „wobei sich das Mithalten sowieso mehr oder minder ausschließlich auf geduldiges Zuhören beschränken muß.“ Ohnehin sei er für den Vater erst mit Erreichen der Mittleren Reife interessant geworden, als er Widerhall-Möglichkeiten für dessen „gottgesegneten Allwissensausfluß offenbarte“.

Dass sich Müller junior in Berlin schon einen Namen gemacht hatte, schrieb ihm der „Tagesspiegel“-Lokalchef Günter Matthes ins Zeugnis, Sting fasste es auf Tübingerisch zusammen: „In den siebeneinhalb Jahren ist ihm von der Berichterstattung über eine Straßenschlacht bis zum graphisch sauberen Umbruch, von der Grundsatz-Reportage über Ost-West-Schicksale bis zum pingeligen Geschäft des Korrekturenlesens nichts erspart und nichts vom journalistischen Gewußtwie fremd geblieben.“

Der neue Puls

So sah man es damals fernab von den unruhigen Metropolen: die graphisch-saubere Gestaltung der Zeitungsseiten in einem Atemzug mit der Berichterstattung über Straßenschlachten. In der Uhlandstraße hatte man noch eine geordnete heile Welt vor sich, versuchte zumindest, sie so zu bewahren, wie man sie gerne gehabt hätte. Doch der Geist, aus dem heraus andernorts das Unterste zuoberst gekehrt wurde, Studenten den Muff aus den Talaren der Professoren klopften, hatte, vorerst nur an der Hochschule selbst, auch die Universitätsstadt in der Provinz gepackt.

Derweil die Lokalredaktion noch um Verständnis für diesen Umschwung rang, hatte Christoph Müller schon längst Anteil an dem neuen Puls. Im „Tagesspiegel“, erinnerte sich Hellmuth Karasek 25 Jahre nach 1968, berichtete der junge Lokalredakteur „in Artikeln, die wie Fieberkurven waren, von den Studentenunruhen in Berlin – es war, als hätte ihn die Unruhe selbst mit erfaßt und spiegle sich in seinen Artikeln wider“.

Als das SCHWÄBISCHE TAGBLATT am 8. Dezember 1955 seine vermutlich erste Theaterkritik veröffentlichte, sie handelte von einer Aufführung im Stuttgarter Schauspielhaus, war Christoph Müller gerade mal 17 Jahre alt. Von seinem früh ausgebildeten Talent zeugt der mit wenigen lockeren Strichen gezeichnete Gedankengang, der in einem sicheren Urteil gipfelt und mühelos nachvollziehbar ist, weil er in einer klaren und anschaulichen Sprache mitgeteilt wird. Trotzdem hätte der Sohn des Zeitungsmitbesitzers, Schriftstellers und Bildungsbürgers, wenn es nach Vaters Wunsch gegangen wäre, noch Stiftler werden und in einem Studium reifen sollen.

Aber der Sohn wollte nicht werden wie sein Vater. „Ich habe an der Universität desinteressiert herumgestochert“, sagt er heute, auch gerne mit nachdrückender Pointe: „Meine These war immer: Entweder der Professor ist so bedeutend, dass das, was er redet, sowieso gedruckt vorliegt, also muss ich nicht mitschreiben. Oder es liegt nicht gedruckt vor, dann ist er unbedeutend und ich muss erst recht nicht mitschreiben.“

Mit anderen Worten: Ihn drängte es mit unwiderstehlicher Macht in den Beruf des Selberschreibenden. „Verleger war nicht meine eigene Bestimmung, auch nicht Geschäftsführer“, sagt Christoph Müller im Rückblick auf sein Berufsleben. „Ich bin nicht mal richtig gerne Chef gewesen. Ich bin ein Journalist. Wahrscheinlich hätte ich innerlich mehr Erfüllung gefunden, wo meine Talente und meine Interessen liegen, nämlich als Feuilletonredakteur in einer angesehenen überregionalen Zeitung.“

Aber deswegen das Erbe ausschlagen? Nach der Studenten-Leerzeit in Tübingen sollte die Journalisten-Lehrzeit in Berlin Klarheit bringen. Berlin schon allein deswegen, um sich vom omnipräsenten Über-Vater auch räumlich abzunabeln und sich selbst zu finden. In einem höchst persönlichen Sinne sehr erfolgreich: Mit 27 fand er seinen Lebenspartner, den späteren Bühnenbildner und Regisseur Axel Manthey. Doch trat Müller nach dem Volontariat nicht in die Feuilletonredaktion des „Tagesspiegels“ ein, sondern in die dortige Lokalredaktion. „Das war die Voraussetzung, wenn ich einmal in Tübingen das Erbe des Vaters antreten wollte.“

„Jetzt oder nie!“

Was jedoch in diesem väterlich bestimmten Plan nicht enthalten war: „Ich habe mich auf einmal wohlgefühlt in Berlin. Mich hat die Zeit elektrisiert.“ Ein Schnellschreiber wie er war mit dem „Tagesspiegel“ nicht ausgelastet, sondern schrieb zusätzlich fürs Feuilleton der SÜDWEST PRESSE, als Christian Lemure lange unerkannt Reportagen und Feuilletons für die „Stuttgarter Zeitung“, hatte als der für den Ostteil der Stadt zuständige „Tagesspiegel“-Redakteur jeden Dienstag eine eigene Radio-Sendung im RIAS („Ost-Berlin am Morgen“), schrieb Theaterkritiken für die „Zeit“ (später auch im „Spiegel“ und Jahrzehnte lang für „Theater heute“).

Dann kam der Ruf nach Tübingen. „Das Blatt war ziemlich rechts“, so die Diagnose zur damaligen politischen Ausrichtung der Lokalredaktion, um die sich der ehedem nur an der Gelehrtenrepublik interessierte Vater nie richtig gekümmert hatte. „Angesichts des gesellschaftlichen Umbruchs sah mein Vater die Zeitung in Not und hieß mich kommen.“ Der Sohn zögerte, doch Ernst Müller beharrte: „Jetzt oder nie!“ „Im Grunde war damit die Entscheidung gefallen, dass Tübingen mein Lebensschicksal wird.“

Christoph Müllers Gepäck sei noch unterwegs, erfuhren die TAGBLATT-Leser am 29. März 1969, zwei Tage vor dem Wechsel auf dem Chefsessel, und: „Einen Koffer wenigstens wird er in Berlin lassen.“ Irgendwie blieb immer ein Koffer in Berlin. Dennoch, zumal ihm Axel Manthey nach Tübingen folgte: Ein beruflich bedingter Wechsel kam für ihn fortan nicht mehr in Frage.

Das erste ÜBRIGENS

Im Verlagshaus in der Uhlandstraße, in der seit 99 Jahren Tageszeitungen produziert werden, herrschte 1969 noch Bleizeit. In der zweiten Etage klapperten die Schreibmaschinen der Redakteure, in der Etage darunter hämmerten die Linotypes der Schriftsetzer neben Räumen der Anzeigenverwaltung und des Zeitungsvertriebs, parterre brachte in den Abend- und Nachtstunden die tonnenschwere Rotationsmaschine das Gebäude zum Erzittern. Mit TÜBINGER CHRONIK, ROTTENBURGER POST und STEINLACH-BOTEN firmierten die drei unter dem TAGBLATT-Dach hergestellten Lokalausgaben, die in einer Tagesauflage von 29497 Exemplaren die Druckerei verließen (heute sind es, mit Horb, mehr als 45000). Zwei Redakteurinnen, sechs Redakteure und ein Foto-Journalist füllten damals die redaktionellen Seiten (heute sind es etwa viermal mehr).

Übrigens war das ÜBRIGENS die erste Neuerung, mit der sich der neue Lokalchef dem Leserkreis vorstellte, ein lokaler Leitartikel zum Tage. Diese Randglosse, oft auch Kommentar abgebend und immer mit Tübinger Bezug, hatte sich Müller vom „Tagesspiegel“ abgeschaut. Im Unterschied zum Berliner Vorbild, das Günter Matthes unter dem Titel „Am Rande bemerkt“ täglich selber füllte, ruhte die Tübinger Neuschöpfung, deren Titel übrigens Axel Manthey beisteuerte, von Anfang an auf allen Redakteurs-Schultern. Was aber nichts daran änderte, dass Müller über die Jahre hinweg die meisten dieser Beiträge verfasste. Anfangs mit Füller und Tinte auf Konzeptpapier geschrieben und in die Setzerei gegeben, irgendwann mit zwei Zeigefingern auf Schreibmaschine getippt, schließlich (anfangs höchst ungern) mit Computer-Hilfe.

Noch eine Neuerung: „Früher, bei Herrn Sting, gab es keine tägliche Redaktionskonferenz.“ Anfangs saß das allmählich wachsende Team noch steif um eine Tischreihe, nach etwa zehn Jahren versammelten sich die Schreiberinnen und Schreiber, darunter auch die „festen Freien“, um die Mittagszeit im geräumigen Chefbüro zum einstündigen Parlando, ach was: Parlandissimo. Hier wurde, ehe man einträchtig zum Essen ging, gelobt und gezofft, Rückschau gehalten und die nächste Ausgabe geplant. Die großflächig die Wände dekorierenden Plakate, die schönsten zweifellos von Axel Manthey, erschienen nicht ganz zufällig manchen der Beteiligten wie die Kulisse einer freien Bühne.

Zirkus um Zirkus-Elefant

Der politische Kurswechsel der Lokalredaktion auf eine Linie, die der Chef, ohne sich auf bestimmte Parteien festzulegen, als linksliberal ausgab, stieß in der Stadt und erst recht auf dem Land, nicht auf ungeteilte Gegenliebe. Den Linken galt das Blatt als zu rechts, die Rechten schalten es „Neckarprawda“ – und dennoch stieg die Auflage Jahr um Jahr, obendrein kräftiger als vergleichbare Organe. Argwöhnisch registrierte das Honoratioren-Tübingen jede Respektlosigkeit der Schreiberlinge aus der Uhlandstraße.

Samstag für Samstag, auch das eine frühe Neuerung Müllers, prangte auf der lokalen Eins ein großformatiges schmückendes Foto von Meister Grohe, stets von Kollege „ilf“ mit teils klugen und teils neunmalklugen Reimen unterfüttert. Bild und Unterschrift waren vom politischen Gehalt meist harmlos, wie man am Beispiel eines von hinten gezeigten Zirkus-Elefanten, der gerade sein Geschäft verrichtet, nachvollziehen kann. Allerdings: Wer just an jenem Samstag auf der Frontseite, wie vor 32 Jahren in Blättern mit gediegener Hofberichterstattung üblich, an Stelle des Elefanten einen erbötigen Artikel zum 60. Geburtstag des damaligen Oberbürgermeisters erwartet hatte, witterte Böses und beschimpfte die Tagblättler nicht nur als Schelme.

Kurz darauf saßen 41 Gemeinderäte in öffentlicher Sitzung über die Zeitung zu Gericht und rügten, pars pro toto, die Berichterstattung als ehrenrührig. Der Eklat hinterließ überregionale Spuren, süffisant sympathisierend kolportierte der „Stern“ den Fall, und die „Stuttgarter Zeitung“ lobte: „Man wird kaum im Land einen Lokalteil finden, (...) der trotz Monopol mit solchem Aufwand und Eifer gemacht wird.“ Doch auch das TAGBLATT zog Konsequenzen aus dem Streit, die für Andersdenkende das Monopol lindern sollten: Seither gibt es die „Mittwochspalte“ zur Selbstdarstellung der Kommunalpolitik(er).

„Unter deutschen Dächern“

Es muss nicht erst die Affäre nochmals aufgewärmt werden, die vor zwei Jahren zum Rücktritt der Bundesjustizministerin führte: Die Zeitungsleute um Christoph Müller wurden auch außerhalb des TAGBLATT-Verbreitungsgebiets beachtet. 2,74 Millionen Fernsehzuschauer sahen am 31. Juli 1981 eine dem TAGBLATT gewidmete 45-Minuten-Sendung der Serie „Unter deutschen Dächern“. Vier Wochen lang hatten die TV-Leute im Verlagshaus filmen dürfen und dabei hauptsächlich die Gelegenheit genützt, den basisdemokratischen Streit um die offene Stelle des stellvertretenden Redaktionsleiters vorzuzeigen. Christoph Müller setzte sich damals, als Paul Sting in Ruhestand ging, über die Mehrheit hinweg, die ein internes Rotationsmodell favorisierte und fand am Ende eine Lösung, mit der alle wieder ihren Frieden fanden: Zwei stellvertretende Chefredakteure wurden eingestellt, davon der eine, Helmut Groß, als Chef vom Dienst, der den Verlag mit größtmöglicher Umsicht aus der Bleizeit ins elektronische Zeitalter überführte.

„Mir war von Anfang an bewusst: Bloß nicht wie Ernst Müller die Zeitung machen“, blickt sein Sohn zurück. Dies hat er bis zum Ende durchgehalten. Hatte er ein Konzept? „Mein Konzept besteht aus den von mir ausgesuchten Redakteurinnen und Redakteuren – das Personal ist das Programm.“ Wie stand es um die Verquickung mit lokalen Honoratioren? „Ich war in keinem dieser Machtzirkel, in keiner Cognacrunde. Nie! Und das unterscheidet mich sicher von anderen Lokalverlegern. Natürlich gab es Versuche, mich einzubinden. Aber ich wollte nicht. Nicht weil ich dachte, ich sei etwas Besseres. Auch nicht, weil ich etwa ungesellig wäre.“

Der Lotse geht ... Zeichnung: Sepp Buchegger

Nicht gesetzt

Doch gerade im Lokalen muss man sich von zu großer Nähe fern halten, will man unabhängig bleiben. Diese Unabhängigkeit hat Müller, soweit er es vermochte, beherzigt, und er hat in manchen journalistischen Konflikten, sogar wenn sie ökonomisch risikobehaftet waren, der Redaktion den Rücken frei gehalten. So, als bei der „hochnotpeinlichen Küng-Papst-Kontroverse“ (Müller) kirchenfromme Katholiken gegen die Berichterstattung intervenierten. Oder als die journalistische Begleitung der Hardliner-Auftritte des CDU-Bundestagsabgeordneten Jürgen Todenhöfer in zahlreichen Androhungen von Abbestellungen gipfelten. „Wenn Sie mich auch bekämpft haben, Sie haben eine gute Zeitung gemacht“, sagte der zum Verlagsmann und Buchautor gereifte Todenhöfer, als er voriges Jahr auf ein Gespräch in der Redaktion vorbeischaute. Für Müller eine größere Auszeichnung als ein Orden am Revers. Nur übertroffen von den 17 Journalistenpreisen, die von Redaktionsmitgliedern unter seiner Ägide erzielt wurden. Und von den alljährlichen Höchstzahlen an Leserbriefen, die den Kosmos der Tübinger Graswurzeldemokratie in allen Farben bereicherten.

Näher am Stamm

Ein Blatt, schillernd wie die Müllers: Der Senior, der über den jungen Schiller ein Buch schrieb, und der Junior, der Schiller als Dramatiker schätzt. Im Alter rückt der Apfel näher an den Stamm. Ernst und Christoph Müller aber auch als schillernde Persönlichkeiten, die der Lokalzeitung zu Farbe verhalfen, selbst als bloß schwarz-weiß gedruckt werden konnte. Christoph Müller – schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ einmal – „der bestaunte, geliebte, gehaßte und oft genug Verwirrung stiftende Chef der örtlichen Monopolzeitung“: Nun wird sein Lebensmittelpunkt wieder in Berlin sein. Dort hat er fortan mehr als nur einen Koffer stehen, nämlich seine ganze Niederländer-Sammlung.

Nach dem Schlussstrich eine erste, knappe Bilanz: „Im Grunde war ich hier sehr gerne Lokaljournalist.“ Und die, die der 66-Jährige zurück lässt im Kollegium, ganz im Sinne von Paul Sting: Christoph Müller war ein Gewinn für unsere Zeitung, für deren Leser und für die Redaktion. Salute!