Gesundheit: Die Suche nach technischer Erlösung

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Peter Steffen/dpa- Der Medizinethiker Urban Wiesing analysiert die Zukunftsversprechen der Medizinbranche.
- Unternehmen wie CureVac und Immatics forschen an neuen Krebsbehandlungen.
- Prognosen über technologische Durchbrüche sind oft überoptimistisch.
- Wissenschaft übernimmt teils religiöse Rollen, verspricht Erlösung.
- Fokus auf Technik vernachlässigt einfache, effektive Maßnahmen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Wie sieht die Zukunft der Medizin aus? In der Tübinger Nordstadt arbeiten Forschungseinrichtungen und Unternehmen an jeweils eigenen Antworten. Die Max-Planck-Institute möchten mit Künstlicher Intelligenz unter anderem die Medizin voranbringen. Der Technologiepark vermietet Labore an Unternehmer und Start-ups im Bereich Medizintechnik. Und CureVac arbeitet an neuen Medikamenten, die auf dem Botenmolekül Messenger-RNA (mRNA) basieren. Die Menschheit stehe an einer Grenze, heißt es in einem Imagefilm von CureVac. Und hinter dieser Grenze liege etwas, das nicht nur die Medizin, sondern die ganze Menschheit verändern und die Welt revolutionieren könne. Vielleicht könne CureVac mit einem neuen mRNA-Medikament in Zukunft sogar Krebs heilen, heißt es dort. Ein Ziel, das nicht nur CureVac verfolgt. Auch das Tübinger Unternehmen Immatics sucht nach neuen Therapieformen für Krebspatienten. Ihre Version der Zukunft präsentieren sie ebenfalls medienwirksam auf ihrer Website.
Das Angebot an Prognosen und möglichen Szenarien für die Medizin ist groß. Niemand kann jedoch mit absoluter Sicherheit sagen, wie die Zukunft aussehen wird. Im Gespräch mit dem TAGBLATT sagt der Mediziner und Philosoph Urban Wiesing, dass Prognosen oft mehr über diejenigen verraten, die sie aufstellen, als über die Zukunft. Der Leiter des Tübinger Instituts für Ethik und Geschichte in der Medizin untersucht, wie Wissenschaftler und Techgrößen über die Zukunft der Medizin sprechen. Dabei stellt er fest, dass in der „scientific community“ das Sprechen über die Zukunft nicht nur von Überschwang und Optimismus geprägt ist, sondern auch von frühchristlichen Zeitvorstellungen und der Hoffnung auf baldige Erlösung des Menschen durch Wissenschaft. Hört man der Techbranche zu, so Wiesing, klingt es, als stände die Welt an der Schwelle zur Erlösung. Das bringt aber deutliche Probleme mit sich.
Frühchristliches Zeitverständnis
Durch die Säkularisierung haben heute viele Menschen keinen Bezug zum Christentum. Christliche Zeitvorstellungen einer bevorstehenden, nahen Erlösung seien aber nach wie vor im Denken vieler verankert. Wiesing führt den Techgiganten Mark Zuckerberg an. Als 2016 die Tochter des Facebook-Gründers geboren wurde, verkündete der, dass er die Medizin mit einer großen Geldspende so voranbringen will, dass alle Krankheiten geheilt, verhindert oder gemanagt werden können. Noch zu Lebzeiten seiner Tochter solle die Vorgeschichte der Menschheit, die durch Krankheit und Leid gekennzeichnet ist, beendet sein. Dazu sollen Mediziner eng mit Ingenieuren und Softwareentwicklern zusammenarbeiten und beispielsweise einen Zell-Atlas anlegen – ein Verzeichnis aller bekannten Zelltypen im menschlichen Körper. Zuckerberg geht davon aus, dass das Entwickeln neuer Medikamente so leichter möglich sei.
Die Erlösung blieb aus
Das frühchristliche Zeitverständnis findet sich nicht nur bei Mark Zuckerberg, sondern auch in der Wissenschaftskommunikation. Als in den 1990er Jahren groß in die Erforschung des Gehirns investiert wurde, lautete die Prognose, dass sie bahnbrechende Erkenntnisse liefern würde. Mit diesen Erkenntnissen könne die Medizin zu ganz neuen und besseren Behandlungsmethoden gelangen, hieß es damals. Als „wesentlicher Schritt in der Evolution“ wurde 2013 auch das Europäische Gehirn-Projekt angepriesen. „Doch die Erlösung blieb aus“, sagt Wiesing. Aus heutiger Sicht hat die Erforschung des Gehirns wichtige Erkenntnisse geliefert, aber nur wenige neue Behandlungsmethoden; der versprochene, völlig neue Durchbruch z.B. bei Therapien psychiatrischer Erkrankungen blieb weitgehend aus. Das Dilemma ist, dass aus neuem Wissen nicht automatisch neue Behandlungsmethoden entstünden. „Wir wissen im Augenblick sehr viel, und gleichzeitig wissen wir viel zu wenig“, sagt Wiesing.
KI als neue Hoffnung
Seit der Veröffentlichung von ChatGPT liegt der öffentliche Fokus stark auf dem Thema Künstliche Intelligenz. Und wieder wird der Anbruch einer neuen Zeit und Erlösung prognostiziert. Auf der Internetseite der größten deutschen Organisation zur Förderung von Forschung, der Helmholtz-Gemeinschaft, heißt es, die Medizin stehe vor einer weiteren Revolution. Auch die Süddeutsche Zeitung schrieb, dass es keine Frage sei, „ob künstliche Intelligenz die Welt und damit auch die Medizin verändern wird – sondern nur wann und wie“.
In der Medizin und der Tech-Branche finde häufig ein „Overpromising“ statt, sagt Wiesing. Es werden neue, technische Lösungen versprochen, die in greifbarer Zukunft möglich wären und die Menschheit auf eine neue Schwelle der Entwicklung heben. Mit der Hoffnung, dass der Mensch so seine leidvolle Vorgeschichte hinter sich lassen könne. Ein derartiger Blick in die Zukunft bringe jedoch zwei Probleme mit sich.
Wissenschaft als Religion
Die Wissenschaft übernimmt damit eine Funktion, die eigentlich Religionen erfüllen sollten. Religionen können Hoffnung vermitteln, indem sie einen Endpunkt in der Zukunft geben, wie die Wiederkunft Jesu noch zu Lebzeiten und das Ende alles menschlichen Leides. In der Forschung können Fragen wie „Warum bin ich?“ oder „Was kommt nach mir?“ jedoch nicht abschließend beantwortet werden. Forschung kann keine Erlösung bringen. „Da das aber häufig versprochen wird, laufen Wissenschaftler Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren“, so Wiesing.
Technik im Mittelpunkt
Wenn der Fokus stets auf die neueste technische Lösung gelegt wird, die möglicherweise die nahe Zukunft verändern könnte, geraten andere Perspektiven leicht in den Hintergrund. „Mir geht es keinesfalls um Wissenschaftsfeindlichkeit“, betont Wiesing. „Sondern darum, darauf aufmerksam zu machen, dass eine Auswahl getroffen wird, wie wir Themen angehen.“
Die Krebsrate steigt weltweit, weil im Globalen Süden mehr geraucht und auf ungesundes Essen vertraut wird. Übermäßiger Alkoholkonsum, Übergewicht und Diabetes fordern jedes Jahr unzählige Opfer. Entsprechende Lösungen sind altbekannt und wären auch ohne große Technik umsetzbar: Tabak, Alkohol und Zucker reduzieren, mehr auf gesünderes Essen achten. Aber wer eine Tabak-, Alkohol- oder Zuckersteuer einführen oder den Bäckern vorschreiben will, Brote mit mehr Ballaststoffen zu backen, bekomme keinen Nobelpreis, sondern politischen Ärger. „Wir präferieren technische Lösungen“, so Wiesing. Dabei wird nicht immer geschaut, ob es auch die beste Lösung ist. Laut Wiesing werde so viel wie nie zuvor in die Forschung und das Gesundheitswesen investiert, gleichzeitig stagniert die Lebenserwartung in vielen Industrienationen oder geht gar zurück. Der Euphorie steht eine nüchterne Realität gegenüber. Mir geht es keinesfalls um Wissenschaftsfeindlichkeit.

Urban Wiesing
Udo HardenbergZur Person
Urban Wiesing ist Medizinhistoriker und -ethiker und leitet das Tübinger Institut für Ethik und Geschichte der Medizin. Dabei setzt er sich mit der Ökonomisierung im Gesundheitswesen, mit ethischen Aspekten moderner Technologie und der Frage, was Verantwortung in ärztlicher Praxis bedeutet, auseinander. Auch mit dem Thema ärztlich assistierter Suizid beschäftigt sich Wiesing.



