Gedenken: Interreligiöses Friedensgebet zum 7. Oktober im Reutlinger Bürgerpark

Im Reutlinger Bürgerpark ist am 7. Oktober ein interreligiöses Friedensgebet mit Ritualen der Trauer.
Thomas KiehlIn der eigenen Trauer auch den Schmerz der Anderen sehen und würdigen? Die Tübinger Religionswissenschaftlerin und Journalistin Katja Buck glaubt, dass das im Umgang mit dem Nahostkonflikt ein unerlässlicher Schritt auf dem Weg in Richtung der Versöhnung ist: „Sprachfähig bleiben – trotz des Horrors, der da passiert und trotz der Komplexität –, das ist so wichtig“, sagt Buck.
Der 7. Oktober 2023, an dem Milizen der Hamas mehr als 1200 Menschen in Israel ermordeten, jährt sich zum ersten Mal. Buck, die Israel und Palästina gut kennt, wünscht sich, dass das Gedenken daran auch das Gedenken an das Leid der Palästinenserinnen und Palästinenser einschließt: „Es gab einen 6. Oktober und es gab einen 8. Oktober – wo findet das Gedenken für die anderen zehntausenden Toten statt?“
In Deutschland gebe es ihrer Ansicht nach eine „Asymmetrie in der Empathie“: Es sei verständlich und richtig, dass es aufgrund der historischen Verantwortung in Deutschland viel Empathie für jüdische Menschen gebe, „aber diese Empathie darf nicht an den modernen Staat Israel geknüpft sein“. Sie fordert außerdem, dass ein Weg gefunden wird, wie den nicht-jüdischen Opfern im Nahen Osten ebenso zu gedenken. Eine einseitige Israelsolidarität habe den Dialog mit dem Islam nachhaltig beschädigt. „Wir schließen im Grunde die sechs Millionen Muslime, die in Deutschland leben, vom Diskurs aus“, sagt Buck. „Und deren Vorfahren waren keine Nazis.“
Es gebe viele Wege, im Gedenken gute Impulse zu setzen, „ohne unsere historische Verantwortung zu verraten, ohne Israel zu verraten und schon gar nicht, ohne das Judentum zu verraten“, ist Buck überzeugt. Der Weg dahin von religiöser Seite aus sei interreligiöses miteinander Trauern. Deswegen hat die Religionswissenschaftlerin gemeinsam mit anderen Expertinnen und Experten für die Organisation „Religions for Peace“ eine interreligiöse Liturgie für das gemeinsame Gedenken aller Toten und Verletzten seit dem 7. Oktober erarbeitet. "Wenn man sich die Trauergebete mal durchliest, wird klar, wie viel Versöhnungspotential in jeder einzelnen Religion steckt", so Buck.
Auch in Reutlingen gibt es zum 7. Oktober ein interreligiöses Friedensgebet im Bürgerpark, an dem Christen, Juden, Muslime und Bahai aus ihrer jeweiligen Perspektive an das Leid in Israel und Palästina erinnern und auf das Leid der Anderen blicken.
Info: Das Friedensgebet der Religionen mit Ritualen der Trauer ist am 7. Oktober von 18.30 bis etwa 19.15 Uhr im Bürgerpark bei der Stadthalle am Baum der Religionen.