Autist erzählt seine Geschichte: Der Kampf gegen die grellen Lichter – Leben mit Asperger

Die Sonnenbrille schützt vor grellem Licht: Wochengast Carsten Spanheimer in der Redaktion
Carolin Albers- Carsten Spanheimer, 60, lebt mit Asperger-Syndrom, studiert Physik in Tübingen.
- Mit 45 Jahren erhielt er die Diagnose, was sein Leben veränderte.
- Künstliche Licht- und Tonsignale sind für ihn ein großes Problem.
- Er schützt sich mit Sonnenbrille und Kapselgehörschutz gegen grelles Licht und Lärm.
- Spanheimer möchte eine Firma gründen, um Lösungen für sensorisch empfindliche Menschen anzubieten.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es war das Jahr 1974, als sich im Leben von Carsten Spanheimer unverhofft eine große Chance eröffnete. Bei einer klinischen Beobachtung des damals Zehnjährigen erkannte ein Arzt „stärker ausgeprägte autistische Züge“, eine Behinderung, die heute als Asperger-Syndrom beschrieben würde. Die Betroffenen sind oft sehr intelligent, haben aber Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen. Sie können Gefühle nicht deuten, ecken an, verlieren sich in Details und Wiederholungen, tun sich schwer mit äußeren Reizen. Sie brauchen Unterstützung und Verständnis.
Doch 1974 wusste man nicht viel über diese Variante des Autismus, und die Diagnose, die alles hätte verändern können, ging unter. Spanheimers Mutter und sein Pflegevater erkannten nicht, dass die schlechten Leistungen im Unterricht und das auffällige Verhalten des Kindes mit einer Behinderung zusammenhingen, und erzogen den schwierigen Sohn, der sich in seiner Freizeit am liebsten mit Elektronik und Chemie beschäftigte, mehr mit Strenge als mit Verständnis.
Eine schreckliche Zeit
Nach der 12. Klasse verließ Spanheimer das Gymnasium mit der Fachhochschulreife. Die Lehrer seien froh gewesen, ihn los zu sein, meint er. An der Reutlinger Fachhochschule, wo er später Automatisierungstechnik studierte, lief es nicht besser. Zwar hatte er mit dem Stoff kaum Schwierigkeiten, doch mit den äußeren Anforderungen des Studiums kam er nicht klar. Im dritten Semester brach er ab und schlug sich fortan mehr schlecht als recht durchs Leben: „Ich lebte die meiste Zeit von Sozialhilfe und hauste in schrecklichen Löchern.“
Nebenher erarbeitete er sich Kenntnisse in der Programmierung von PCs. Dann kam das Jahr 2009. Mit 45 Jahren diagnostizierte ein Arzt bei ihm das Asperger-Syndrom. Endlich wusste er, warum er sich so sonderbar fühlte, sich nichts zutraute: „Das hat meine Einstellung völlig verändert.“ Mit der Diagnose bekam er den Status eines Schwerbehinderten und erhielt Nachteilsausgleiche, so konnte er wieder Tritt fassen im Leben. 2013 holte er sein Abitur nach und begann ein Physikstudium in Tübingen. Im vergangenen Jahr machte er seinen Bachelor-Abschluss, zur Zeit schreibt er seine Masterarbeit, und stellt verwundert fest: „Ich bin jetzt sechzig Jahre alt, und eigentlich fängt mein Leben erst an.“
Wenn man mit ihm spricht, merkt man nicht viel von Autismus. Er habe gelernt, mit den Beeinträchtigungen umzugehen, sagt er, aber das habe viele Jahre gebraucht. „Ich musste beginnen, mir im Gespräch zu überlegen, was ist wichtig, welche Informationen hat mein Gegenüber schon und welche nicht.“ Asperger-Betroffene können ihre Gesprächspartner mit Einzelheiten überschütten, sie verbeißen sich in Details, was manchmal schwierig ist, manchmal aber auch nützlich.
Spanheimer hat einen guten Blick für Details und die Teufel, die darin stecken. Auf seiner Visitenkarte bezeichnet er sich selbst als „Fehlerfinder und Problemlöser“. Probleme sieht er überall: Bei den Regenrinnen auf dem Europaplatz kann man nicht mehr das Eisengitter anheben? „Was macht man, wenn mal der Schlüssel da reinfällt?“ Das genoppte Blech bei den Rampen auf der Morgenstelle hat scharfe Kanten? „Wenn da jemand mit dem Knie draufschlägt, ist er bleibend geschädigt.“
Die künstlichen Reize
Sein schlimmstes Problem aber sind künstliche Reize. Auto- und Fahrradscheinwerfer, Straßenlaternen, Ampeln, sie alle blinken, flimmern und strahlen viel zu grell für ihn. Früher habe man den Lichtschein durch matte Streuscheiben gemildert und durch Lampenschirme gelenkt, jetzt würde helles LED-Licht zunehmend punktförmig in die Welt geschickt, mit viel zu hoher „Leuchtdichte“, findet er. Als sensorisch empfindliche Person ist er den Reizen des grellen Lichtes besonders ausgesetzt. „Ich kann nachts nicht mehr mit dem Fahrrad fahren.“
Ähnlich schlimm findet er die vielen Tonsignale, das Piepen, das von überallher auf ihn einprasselt. „Warum müssen diese Warntöne so abstoßend gestaltet sein?“, fragt er sich. Für Spanheimer sind die künstlichen Warnsignale in vielen Fällen übertrieben. Er habe schon mit Bauarbeitern diskutiert, deren Laster beim Rückwärtsfahren laute Warnsignale ausstoßen. Die waren selbst entnervt, konnten das Piepen aber nicht abschalten. „Wurden früher etwa mehr Leute platt gefahren als heute?“, fragt er. Damals hätten einfach alle mehr aufgepasst, nicht zuletzt die Fahrer selbst.
Auch hochempfindliche Bürger schützen
Spanheimer räumt ein, dass es auch zu Zielkonflikten kommen kann, dass beispielsweise Blinde auf die Tonsignale von Fußgängerampeln angewiesen sind, die sensorisch empfindliche Personen wie ihn stören. Doch er sieht hier noch einige Möglichkeiten, wie die Signale bei gleichem Nutzen weniger störend sein könnten. Die Konventionen zum Schutze von Behinderten schützten viele Minderheiten, sagt er, aber neben Rollstuhlfahrern, Blinden und Gehörlosen verdienten eben auch sensorisch hochempfindliche Bürger Schutz.
Gerne würde er sich als eine Art „Kommissar für Licht und Ton“ in kommunalem Auftrag um die technische Gestaltung von Lichtern und Tönen kümmern, doch ist ungewiss, ob solche Stellen jemals geschaffen werden. So hilft er sich selbst. Gegen die Straßenbeleuchtung und die Scheinwerfer der Autos schützt er sich nachts im Freien mit einer Sonnenbrille. Und auf der Straße, in Bus und Bahn trägt er einen, mit kleinen Lautsprechern aufgerüsteten Kapselgehörschutz vom Baumarkt, den er über einen Audioplayer mit Dauerrauschen bespielt. „Vielleicht gründe ich bald eine Firma und verkaufe solche Geräte“, überlegt er, „es gibt doch viele Menschen, die unter dem elektronischen Dauerblinken und -piepen leiden.“
