Forschung NMI
: Forscherin löst Problem beim Windel-Recycling – mit Enzymen und Kalziumchlorid

Windeln gehören zu den Materialien, bei denen Recycling bis heute nicht möglich ist – bis jetzt. Wissenschaftlern des Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Instituts (NMI) gelang nun der Durchbruch.
Von
Lisa Maria Sporrer
Reutlingen/Tübingen
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Säugling mit Windel: ARCHIV - Bei der Wahl der Windel stehen neben den konventionellen Einmalwindeln mehrere nachhaltige Alternativen zur Verfügung. (zu dpa: «Drei Alternativen zur klassischen Einwegwindel») Foto: Friso Gentsch/dpa/dpa-mag - Honorarfrei nur für Bezieher des Dienstes dpa-Magazin +++ dpa-Magazin +++

Windeln machen etwa zehn Prozent des Hausmülls aus. Weniger als ein Prozent der weltweit anfallenden Windeln werden bislang recycelt.

Friso Gentsch/dpa-mag/dpa
  • Durchbruch im Windel-Recycling an der Uni Tübingen.
  • Enzyme bauen Zellulose gezielt ab, Kalziumchlorid löst Superabsorber.
  • ARCUS Greencycling prüft chemisches Recycling, Fokus auf Pyrolyse.
  • Optimierung des Wasserverbrauchs und Nutzung zuckerhaltiger Flüssigkeit.
  • Erst dann ist erfolgreiches Recycling möglich.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es gibt kaum ein Einwegprodukt, das ein so enormes Abfallproblem darstellt wie Windeln: Weniger als ein Prozent der weltweit anfallenden Windeln werden bislang recycelt, obwohl sie etwa zehn Prozent des Hausmülls ausmachen – in Pflegeeinrichtungen kann der Anteil sogar bis zu 70 Prozent betragen. Während Materialien wie Papier, Glas oder Kunststoff längst erfolgreich recycelt werden, ist das bei Windeln kaum der Fall.

Im Rahmen des Invest BW-Projekts Encycling ist es dem Team um Anne Zeck vom Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut (NMI) gelungen, mithilfe von Enzymen die Zellulose in Windel-Verbundmaterialien gezielt abzubauen: ein Meilenstein im Windel-Recycling.

Die geschredderte Windelmasse weiterverarbeiten

Die größte Hürde beim Recycling von Windeln ist die Trennung der Zellulose vom sogenannten Superabsorber, der große Mengen Flüssigkeit aufnimmt. Genau an diesem Punkt setzt die jüngste Entwicklung des NMI an. Windeln bestehen aus einer komplexen Mischung: Die weiche Zellulose sorgt für Tragekomfort, während der Superabsorber für die hohe Saugfähigkeit verantwortlich ist. Beide Komponenten sind grundsätzlich recycelbar, doch ihre Trennung ist technisch anspruchsvoll und nicht bei allen Herstellern durchführbar. Die neue Methode des NMI biete einen Ansatz, um dieses Problem zu lösen.

Ein wesentliches Hindernis beim Windel-Recycling ist die stark gelförmige Masse, die entsteht, wenn Zellulose und Superabsorber mit Flüssigkeit in Kontakt kommen, schreibt das NMI in einer Pressemitteilung. „Dann entsteht daraus eine gelförmige Masse. Eine gute Durchmischung und Behandlung der Masse mit Enzymen wird dadurch unmöglich“, erklärt Projektleiterin Anne Zeck. Durch Zugabe von Kalziumchlorid gelinge es jedoch, die gebundene Flüssigkeit aus dem Superabsorber zu lösen, sodass die geschredderte Windelmasse besser durchmischt und weiterverarbeitet werden könne.

Windel-Recycling noch nicht marktreif

Ganz so weit, dass recycelt werden kann, ist es aber noch nicht: In einem nächsten Schritt soll die Firma ARCUS Greencycling prüfen, ob das durch den Zellulose-Abbau entstandene Material besser chemisch recycelt werden kann. Dabei steht vor allem die Pyrolyse im Fokus – ein Verfahren, bei dem das Verbundmaterial in seine Grundstoffe aufgespalten wird, um die Rohstoffe erneut in den Kreislauf einzubringen. Auch die Nutzung der zuckerhaltigen Flüssigkeit will das Team weiter erforschen. Erst wenn der Wasserverbrauch optimiert und alle Stoffströme sinnvoll genutzt werden, gilt das Recycling als wirklich erfolgreich.