Forschung Uni Tübingen
: Bisher unbekannte Jäger und Sammler in Kolumbien entdeckt

Neue Erkenntnisse zur Besiedelung Südamerikas: Forschende aus Tübingen und Bogotá untersuchen Erbgut aus dem alten Kolumbien und entdecken eine bisher unbekannte frühe Population.
Von
Lisa Maria Sporrer
Tübingen
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Skelette zweier Jäger- und Sammlerindividuen, die in der archäologischen Stätte von Checua (Bogotá Altiplano) ausgegraben wurden.

Skelette zweier Jäger- und Sammlerindividuen, die in der archäologischen Stätte von Checua (Bogotá Altiplano) ausgegraben wurden.

Ana María Groot/Universidad Nacional de Colombia
  • Forscher der Uni Tübingen und Bogotá entdeckten eine unbekannte Population in Kolumbien.
  • Erbgut von 21 Menschen, die vor bis zu 6000 Jahren lebten, wurde analysiert.
  • Die ältesten Überreste stammen aus Checua, nordöstlich von Bogotá.
  • Diese Population hinterließ keine genetischen Spuren in späteren Menschen.
  • Großer Bevölkerungswechsel im Gebiet um Bogotá fand statt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Kolumbien gilt als das Tor zu Südamerika.  Von dort aus breiteten sich die ersten Menschen über den gesamten Kontinent aus. Doch ihre Abstammungsgeschichte birgt bis heute Geheimnisse. Nun hat ein Team um Kim-Louise Krettek von der Universität Tübingen das fossile Erbgut von 21 Menschen analysiert, die vor bis zu 6000 Jahren auf der kolumbianischen Hochebene lebten. „Dabei handelt es sich um die ersten jemals veröffentlichten menschlichen Genomdaten aus Kolumbien“, sagt Prof. Cosimo Posth von der Universität Tübingen. Er ist Seniorautor der Studie, die in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlicht wurde.

Die ersten Menschen, die den amerikanischen Doppelkontinent besiedelten, stammten von Jägern und Sammlern ab, die vor rund 20.000 Jahren in Sibirien und Ostasien lebten. Über die Beringstraße kamen sie nach Amerika und breiteten sich rasch südwärts aus. Im Gebiet des heutigen Kolumbiens betraten sie erstmals Südamerika. Mehrere Abstammungslinien führen von dort aus in die verschiedenen Teile Südamerikas. Einige davon sind bis heute im Erbgut der indigenen Bevölkerung des Kontinents erhalten.

Keine Nachfahren dieser frühen Jäger und Sammler

Die ältesten menschlichen Überreste, die die Forschenden untersuchten, stammen aus der Ausgrabungsstätte Checua, die nördlich von Bogotá auf einer Höhe von rund 3.000 Metern liegt.Die Forschenden untersuchten das Erbgut von 21 Individuen aus fünf archäologischen Ausgrabungsstätten, die eine Zeitspanne von etwa 4000 vor Christus bis kurz vor Beginn der spanischen Kolonisierung vor rund 500 Jahren abdecken.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Checua-Individuen von der frühesten Population abstammen, die sich innerhalb kürzester Zeit über Südamerika verbreitet und ausdifferenziert hat“, sagt Krettek vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment. Doch offenbar wurde dieser Abstammungszweig später genetisch isoliert und verschwand, ohne Spuren in den Genomen späterer Menschen zu hinterlassen. „Wir konnten keine Nachfahren dieser frühen Jäger und Sammler der kolumbianischen Hochebene belegen – das Genmaterial wurde nicht weitergegeben. Das heißt: Im Gebiet um Bogotá kam es zu einem vollständigen Wechsel der Bevölkerung“, sagt Krettek.

Bislang war die Wissenschaft davon ausgegangen, dass die Bevölkerung Südamerikas trotz großer kultureller Veränderungen über viele tausend Jahre hinweg genetisch konstant blieb und sich innerhalb des Kontinents weiterentwickelte. Deshalb ist es den Forschenden zufolge ungewöhnlich, dass gerade dort die genetischen Spuren einer ursprünglichen Population vollständig verschwunden sind.