Flutkatastrophe in Tibet und Nepal
: Tübinger Matthias Baumann rechnet mit „zwei-, dreitausend Todesopfern aufwärts“

Er hat in Nepal Erdbebenopfer operiert und nach einer Lawine Sherpas gerettet: Nach der verheerenden Flut erklärt der Tübinger Matthias Baumann, was die Bergung der Überlebenden so kompliziert macht.
Von
Constantin Zeyer
Tübingen/Nepal
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Der Tübinger Unfallchirurg Matthias Baumann ruft zu Spenden für die Hilfskräfte in Nepal auf.

Der Tübinger Unfallchirurg Matthias Baumann ruft zu Spenden für die Hilfskräfte in Nepal auf.

-/RSS via Xinhua/dpa/Privat
  • Verheerende Flut in Nepal und Tibet: Schlamm- und Geröllwelle zerstört Straßen und Orte.
  • Unfallchirurg Matthias Baumann erwartet „zwei-, dreitausend Todesopfer aufwärts“.
  • Bestätigt sind 474 Tote, fast 1.000 Vermisste in Nepal und Hunderte in China.
  • Rettung per Hubschrauber nötig, doch Landungen im Schlamm sind extrem schwierig.
  • Baumann ruft zu Spenden für „Sherpa Nepalhilfe“ auf – dringend gebraucht sind Versorgung und Zelte.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Als im April 2015 in Nepal die Erde bebte, rund 9000 Menschen starben und mehr als doppelt so viele verletzt wurden, sagte Matthias Baumann seinen Urlaub ab und ließ sich ins Katastrophengebiet fliegen. In einem Krankenhaus operierte er Verletzte. „Damals gab es viele Knochenbrüche, weil Gebäude zusammengestürzt sind“, erinnert er sich. Der Tübinger leitet seit 2021 die Unfallchirurgie am Klinikum in Sigmaringen.

Am Mittwochmorgen hat die Natur in Nepal erneut mit aller Gewalt zugeschlagen. Hoch im Himalaya lösten sich gewaltige Mengen Eis und Gestein und lösten eine Flut- und Geröllwelle aus, die durch die Grenzregion zwischen Nepal und dem zu China gehörenden Tibet raste. Besonders schwer getroffen wurde die Bergregion nördlich der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. Aufnahmen zeigen, wie eine braune Masse Busse, Gebäude und Menschen erfasst und mit sich reißt.

„Entweder du warst drin in der Flut – oder eben nicht“

Anders als nach dem Erdbeben von 2015 sind es diesmal nicht Unfallchirurgen wie Baumann, die besonders dringend gebraucht werden. Die Zahl der Verletzten halte sich vergleichsweise in Grenzen, sagt er. Der Grund dafür ist grausam: Wer unmittelbar von der gewaltigen Flutwelle erfasst wurde, habe kaum eine Überlebenschance gehabt. „Entweder du warst drin in der Flut – oder eben nicht.“

Baumann ist Extremsportler. Mit Nepal verbindet den 55-Jährigen eine lange Geschichte. Der erste Achttausender, den er bestieg, war der Cho Oyu an der Grenze zwischen Nepal und Tibet. 2011 wagte er sich als Expeditionsarzt erstmals an den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt. Weil ihm der Sauerstoff ausging, brach er kurz vor dem Gipfel ab. 2014 folgte ein weiterer Versuch. Als an Karfreitag oberhalb des Basislagers eine Lawine 16 Sherpas tötete und zahlreiche weitere verletzte, organisierte Baumann Rettungsaktionen, operierte Verletzte und rettete mehreren Sherpas das Leben.

„Wo willst du in diesem Schlamm landen?“

Nach einem Flugzeugabsturz im Jahr 2008 war es bereits das zweite schwere Unglück in Nepal, bei dem Baumann als Helfer im Einsatz war. Ein Jahr später folgte das verheerende Erdbeben. „Ich glaube, dieses Mal ist die Zahl der Opfer kleiner“, sagt Baumann mit Blick auf die aktuelle Flutkatastrophe. Er rechnet mit „zwei-, dreitausend Todesopfern aufwärts“.

Stand Freitagvormittag sind in Nepal und China 474 Todesopfer bestätigt. Nepalesische Behörden melden 469 Tote, nach Angaben des Katastrophenschutzes werden weitere 977 Menschen vermisst. In China sind laut Staatsfernsehen fünf Menschen ums Leben gekommen, 558 werden noch vermisst. Wie viele Menschen tatsächlich gestorben sind, ist kaum abzusehen. „Die Leichen werden teilweise bis nach Südnepal gespült“, sagt Baumann. Unter den Vermissten sind auch zahlreiche Touristen und Pilger.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag habe er die ganze Nacht am Telefon gehangen. „Ich habe ja unglaublich viele Kontakte in Nepal“, sagt Baumann. Auch mit dem ZDF, dem SWR sowie dem NDR habe er schon gesprochen. Die größte Herausforderung für die Hilfskräfte sei, Überlebende überhaupt zu erreichen. „Die Straßen wurden weggespült, deswegen ist eigentlich nur Rettung aus der Luft möglich“, sagt Baumann. Doch auch die gestaltet sich kompliziert. „Die Schwierigkeit ist ja: Wo willst du in diesem Schlamm landen?“

Baumann ruft zu Spenden auf

Die im Katastrophengebiet eingesetzten Hubschrauber seien zudem nicht mit den Rettungshubschraubern zu vergleichen, „die wir bei uns aus den Alpen kennen“, sagt Baumann. Für eine medizinische Versorgung an Bord seien sie nicht geeignet. Entscheidend sei, die Überlebenden per Seil mit dem Helikopter aus den abgeschnittenen Gebieten zu bergen und auszufliegen. Im schwülen Monsunklima könne es für sie ohne ausreichend Flüssigkeit schnell lebensgefährlich werden.

Bereits nach dem Erdbeben 2015 gründete Baumann die „Sherpa Nepalhilfe“. Der in Tübingen ansässige Verein sammelt Spenden, um die Bergbevölkerung Nepals nach Naturkatastrophen und Unglücken zu unterstützen. Gemeinsam mit anderen Organisationen baute er Schulen in Regionen wieder auf, die das Erdbeben schwer getroffen hatte. Baumanns größtes Projekt ist das „Himalayan Sherpa Hospital“ im Everestgebiet im Nordosten Nepals, das im November 2022 eröffnet wurde.

Nun ruft Baumann erneut zu Spenden für die „Sherpa Nepalhilfe“ auf (siehe Infokasten). Denn die Zerstörungen in der Katastrophenregion sind gewaltig. Ganze Siedlungen wurden von Wasser, Schlamm und Geröll erfasst, Straßen und Brücken fortgerissen. Zahlreiche Orte sind auf dem Landweg kaum noch erreichbar. Nahrung, Zelte, Feldbetten, medizinische Versorgung – all das wird für die vielen Menschen gebraucht, die durch die Flut ihr Hab und Gut verloren haben. Und die Gefahr ist noch nicht gebannt: Durch die Geröllmassen hat sich in der Katastrophenregion Wasser aufgestaut. Sollte es sich plötzlich seinen Weg ins Tal bahnen, könnte es erneut zu Überschwemmungen kommen.

Hilfe für die Menschen in Nepal

Wer die Hilfskräfte in Nepal unterstützen möchte, kann an den Tübinger Verein „Sherpa Nepalhilfe“ spenden.
IBAN: DE27 6039 1310 0309 8640 03
Verwendungszweck: Nepalhilfe
Wie viel Geld seit der Flutkatastrophe am Mittwoch bereits eingegangen ist, weiß Vereinsgründer Matthias Baumann nicht. „Ich habe noch gar nicht auf das Konto geschaut, dafür hatte ich noch keine Zeit“, sagt er. Klar sei aber: „Jeder Beitrag hilft!“