SWP+SWP+Der BVV Tübingen wird aufgelöst
: Nach 135 Jahren ist der Verein am Ende

Bei der Mitgliederversammlung im Rathaus votierten alle anwesenden Mitglieder für die Auflösung des Bürger- und Verkehrsvereins. Für den Antrag des Derendingers Stefan Schade, dies abzuwenden, stimmte hingegen niemand.
Von
Holger Weyhmüller
Tübingen
Jetzt in der App anhören
(ohne Überschrift): Vorsicht: Dieses Foto ist möglicherweise nur für den einstigen Verlag Schwäbisches Tagblatt verwendbar. Campingplatz Tübingen mit reicheich freien Stellplätzen
24.10.20 Bild: Ulrich Metz

Der Campingplatz am Neckar wird künftig unter der Federführung der Tourismus und Stadtmarketing GmbH betrieben.

Ulrich Metz/Archiv
  • Der BVV Tübingen wurde aufgelöst, 42 Anwesende stimmten im Rathaus einstimmig dafür.
  • Begründung: Nach Übergang der Aufgaben an die TST ist der BVV nur noch eine „Hülle“.
  • Vereinsvermögen: 200.000 Euro für die Tübinger Blätter an die Kulturstiftung, Ausgaben ca. 40.000/Jahr.
  • 150.000 Euro für zwei Nebelduschen in heißen Stadtbereichen – Standortwahl folgt mit der Stadt.
  • Campingplatz und Tourist- und Ticket-Center gehen an die TST, Erlöse fließen in die Sanierung.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Um 20.24 Uhr war am Dienstagabend das Aus des Tübinger Bürger- und Verkehrsvereins (BVV) besiegelt, 135 Jahre nach seiner Gründung. Die 42 von aktuell insgesamt 338 Mitgliedern, die zur Versammlung in den Großen Ratssaal ins Rathaus gekommen waren, hoben ausnahmslos alle die Hand, als Vorstandssprecher Michael Lucke die alles entscheidende Frage stellte: ob der traditionsreiche Verein, der sich so lange erfolgreich insbesondere um die Förderung des Tourismus’ in der Stadt gekümmert hatte, aufgelöst werden solle.

Mit diesem glasklaren Votum waren alle rechtlichen  Voraussetzungen erfüllt, um diesen Schritt zu Ende dieses Jahres gehen zu können. „Herzlichen Dank“, sagte Lucke anschließend, „auch wenn es ein schwerer Beschluss ist.“ Es handele sich jedoch seit der Übertragung der Geschäfte und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an die zum 1. Januar dieses Jahres gegründete neue Tourismus und Stadtmarketing Tübingen GmbH (TST) beim BVV ohnehin nur noch um einen „Verein ohne Aufgabe“, um eine „Hülle“, so Vorstandsmitglied und Krone-Hotelier Alexander Stagl zuvor.

Antrag auf Vereinserhalt scheitert klar und deutlich

Der Antrag des Derendinger Bürgervereins-Vorsitzenden Stefan Schade, der Abstimmung über die Auflösung eine Absage zu erteilen und den Verein damit am Leben zu halten, hatte indes keinen Fürsprecher gefunden. Schade, der am Dienstag nicht selbst anwesend war, hatte sich schon bei einer Versammlung im vergangenen Juli kraftvoll dafür eingesetzt, diese traditionsreiche Tübinger Institution zu bewahren, das bürgerschaftliche Engagement seiner Mitglieder und die Verwurzelung des Vereins in der Stadtgesellschaft „nicht so einfach in den Wind zu schießen“. Er warb nun mittels seines Antrags erneut dafür, den BVV „gemäß seines Vereinszweckes“, nämlich „die allgemeinen Interessen der Universitätsstadt Tübingen und ihrer Einwohnerschaft wahrzunehmen“, „weiterzuentwickeln“. Wie gesagt: erfolglos.

Vor dem Auflösungsbeschluss jedoch war noch eine wichtige Frage zu klären: Was tun mit dem durchaus beträchtlichen Eigenkapital des BVV in Höhe von rund einer halben Million Euro? Ohne anderslautende Beschlüsse wäre dieser Batzen – ohne Zweckbindung – in die Kasse der Stadt geflossen. Der Vereinsvorstand indes machte an diesem Abend vier andere Vorschläge. Der erste: 200.000 der 500.000 Euro gehen zur Weiterführung der jährlich erscheinenden Tübinger Blätter, die noch bis Ende dieses Jahres in der Verantwortung des BVV sind, an die Tübinger Kulturstiftung, die anschließend diese Aufgabe übernimmt. Lucke hätte eigentlich gerne die Stadt in dieser Position gesehen, „aber wir können sie nicht zum Jagen tragen“. Ohnehin sei die Kulturstiftung „ein toller Partner“.

Region Neckar-Alb

Alles Wichtige aus der Region Neckar-Alb.

Tübinger Blätter sollen einige Veränderungen erfahren

Prof. Wilfried Setzler, der ihr vorsitzt, kündigte in der BVV-Versammlung einige Veränderungen an für die seit über 100 Jahren erscheinende Publikation. Prof. Wolfgang Sannwald, bis vor drei Monaten Kreisarchivar und nun im Ruhestand, habe seine Anfrage, sich künftig quasi als „Chefredakteur“ zu engagieren, positiv beschieden, sagte Setzler, selbst seit über 40 Jahren BVV-Mitglied. Zentral sei es, die Tübinger Blätter auch weiterhin „politisch und institutionell unabhängig“ zu halten. Allerdings müssten Form und Inhalt „den Bedürfnissen der Zeit angepasst werden“. Setzler: „Wir müssen den sich rasant verändernden Zeiten Rechnung tragen.“ Beispielsweise durch den Aufbau eines zusätzlichen digitalen Bereichs, einer „Online-Erweiterung“, und der Einbindung von sozialen Medien. Auf Nachfrage von Herbert Rösch, Kreischef des Deutschen Hotellerie- und Gaststättenverbands (Dehoga), wie lange die 200.000 Euro reichen würden, antwortete Lucke, er rechne mit vier bis fünf Jahren – pro Jahr würden für die Tübinger Blätter netto etwa 40.000 Euro benötigt.

Zweiter Vorschlag für das Vereinsvermögen: 150.000 Euro bekommt die TST für die Anschaffung zweier Nebelduschen. Die sollen an zwei im Sommer besonders hitzebelasteten und frequentierten Orten in der Stadt installiert werden, erläuterte TST-Geschäftsführer Sven Hahn den Versammelten – um den Tübingern und Besuchern Abkühlung zu verschaffen. Wo, sei in Absprache mit der Stadtverwaltung noch zu klären. Wobei erste Gespräche unter anderen mit Oberbürgermeister Boris Palmer und Baubürgermeister Cord Soehlke positiv verlaufen seien. Hahn: „Nebelduschen sind der effektivste Weg, Kühle in die Stadt zu bringen“ – das zeigten die Erfahrungen südlicher Länder, aber auch in der Schweiz und Österreich, „die da wesentlich weiter sind als wir“. Die Hygiene sei kein Problem, versprach Hahn, „das lässt sich sehr zuverlässig lösen“.

Ein BVV-Mitglied sprach sich vehement dagegen aus – wegen vermeintlicher Verschwendung von Trinkwasser. Man solle doch lieber Trinkbrunnen bauen und die in der Stadt vorhandenen Bäume gießen. Worauf Hahn antwortete, dass von Wasserverschwendung keine Rede sein könne. Dank hohen Drucks würden die Anlagen jeweils lediglich ein bis zwei Stunden Wasser pro Stunde verbrauchen.

Campingplatz wird an Tourismus GmbH verkauft

Der dritte Punkt betrifft das Tourist- und Ticket-Center und den Campingplatz, den dicksten BVV-Vermögensbrocken. Der steht auf einem städtischen Grundstück, das bislang per Erbbauvertrag dem Verein überlassen wird. Bislang besteht für Tourist- und Ticket-Center wie Campingplatz zwischen dem BVV und der TST ein Betriebspachtvertrag. Dieses Vermögen soll nun an die TST verkauft und der Vertrag gekündigt werden. Ebenso verkauft werden soll die 20-Prozent-Beteiligung des BVV an der TST, die allerdings an die Stadt, und zwar zum Preis von 5000 Euro. Was mit den TST-Aufsichtsratsposten geschehe, müsse man noch sehen. Das Geld aus den Verkäufen soll, einfach formuliert, an die TST weitergereicht werden, um in die Sanierung und Weiterentwicklung des Campingplatzes investiert zu werden. Sollte dann noch immer etwas vom Vereinsvermögen übrig sein, könnten der Tübinger Kulturstiftung weitere bis zu 100.000 Euro zufließen.

Alle vier Beschlüsse gingen glatt durch, drei von ihnen gar einstimmig. Lediglich bei den beiden Nebelduschen gab es eine Nein-Stimme und eine Enthaltung. Zum Liquidator des Vereins wurde dessen Vorstandssprecher Michael Lucke bestimmt.

Der BVV hat eine lange Geschichte

Der Tübinger Bürger- und Verkehrsverein (BVV) wurde im Jahr 1891 als Bürgerverein gegründet. Initiator war – wie auch für die 1898 ins Leben gerufenen Tübinger Blätter – Eugen Nägele. Ziel war es, mit der Vereinsgründung die Teilhabe der Tübingerinnen und Tübinger am politischen Leben wie auch den Tourismus, damals noch Fremdenverkehr genannt, zu fördern. Diese Aufgabe wurde schließlich 1979 in einem Vertrag zwischen der Stadt und dem BVV ganz übertragen. Nägele war Ende des 19. Jahrhunderts Student in Tübingen und Mitglied der Burschenschaft Roigel, später Gymnasial-Professor und württembergischer Landtagsabgeordneter.