Bis das Schambein zumacht
: 2000 Zuschauer kamen zum Promi-Fußball-Benefizspiel

2000 Zuschauer kommen trotz Regens, um Stars wie Kevin Kuranyi oder Oliver Pocher beim Kicken und Quatsch machen zuzusehen.
Von
Tobias Zug
Tübingen

... Oliver Pocher wirft sein Trikot in die Menge.

Ulmer

Aufgeregt rannte Marco Müller mit dem Handy am Ohr auf der blauen Laufbahn hin und her. Eine halbe Stunde vor offiziellem Spielbeginn hatten sich schon etwa 1500 Zuschauer ins Tübinger Stadion des SV 03 Tübingen eingefunden. Der Illusionist und Zauberkünstler Julius Frack machte Fingerübungs-Spielchen mit den Zuschauern auf der vollbesetzten Haupttribüne, RTL-Sportkommentator Florian König und Sport1-Moderatorin Nele Schenker kommentierten das Ganze – aber sobald sie irgendwas in das zweite Mikrofon sprachen, fiel der Ton aus oder ohrenquälerische Rückkopplungs-Geräusche dröhnten über die Lautsprecher.

„Da sind zu viele Handys auf der Frequenz“, sagte SV03-Fußball-Abteilungsleiter Marco Müller, „wir sind halt kein Bundesliga-Stadion…“

Das nicht. Aber immerhin hat der SV 03 das organisatorisch so gut hinbekommen, dass etwas mehr als 2000Zuschauer problemlos und nie unterversorgt das Gelände säumten, um beim Fußball-Benefizspiel zugunsten des Ronald McDonald’s-Haus in Tübingen zuzuschauen. König, der mit Schenker fortan nur noch ein Mikrofon benutzte, war glücklich: „Über 2000 Zuschauer – sie haben das Unmögliche möglich gemacht!“ Der RTL-Sportkommentator ist Schirmherr des Hauses, initiierte als gebürtiger Tübinger auch dieses Benefizspiel, bei dem Prominente aus Show und Sport gegen altgediente SV 03-Kicker gegen den Ball traten.

Und holte Prominente wie beispielsweise Pietro Lombardi, bekannt aus wochenlangen „Bild“-Zeitungs-Schlagzeilen und dessen Aus oder Nicht-Aus mit seiner Freundin. Der Sänger mit der Schirmmütze war vor allem bei den Jüngeren unter 20 Jahren begehrtes „Selfie“-Objekt. Oder Kevin Kuranyi, ehemaliger Fußball-Nationalspieler, seit diesem Jahr auch ehemaliger Fußball-Berufsspieler. Der war nach dem Kick auch umringt von Vielen, lächelte in jedes Handy, das ihm vors Gesicht gestreckt wurde.

Pocher wie Ronaldo und Messi

In der Kabine reicht’s noch zu einem Small-Talk. Wie es ihm denn gehe nach dem Fußball-Abschied? „Gut.“ Was er denn jetzt mache? „Benefizspiele spielen.“ Und lächelte. Er genieße die Zeit jetzt mit der Familie. Am Kick in Tübingen hatte er auch seine Freude: Im ehemaligen Fußball-Nationalspieler Maurizio Gaudino hatte er einen kongenialen Spielpartner, nach Zusammenspiel mit Kuranyi erzielte Gaudino auch das erste Tor des Tages. 30 Helfer und Helferinnen hatte der SV 03 an diesem Tag im Einsatz. Der Rest der Fußball-Abteilung, so schien es, musste kicken: 28 Spieler, darunter drei Torhüter, hatte der frühere Tübinger Meistertrainer Walter Böll jedenfalls aufgeboten an diesem Tag.

Wobei das Spiel ja eher Nebensache war: Die Menschen wollten die Prominente anfassen, ein paar freundliche Worte entlocken, Schnappschüsse für den Handyspeicher machen, unterhalten werden. Komiker Oliver Pocher wusste diesen Part am besten zu spielen: Schon beim Einlauf mit den Kindern schickte er ein Stoßgebet in den Himmel, als ob das Weltmeisterschafts-Finale auf ihn wartet. Auf dem von der Stadt frisch gemähten Rasen bekam Pocher sogar die große Chance, sich publikumswirksam zu profilieren: Der frühere international erfahrene Schiedsrichter-Assistent Volker Wezel gab einen Foulelfmeter. Pocher schnappt sich den Ball, trabt in Watschelschritten zurück. Steht breitbeinig wie Cristiano Ronaldo vor den Freistößen da. Schießt flach in die Mitte zum 2:0. Zieht sein Trikot mit der Nummer 11 aus und zeigt es den Zuschauern wie Lionel Messi. Kurz danach wälzte sich Pocher auf dem Rasen wie ein Krepierender. Und ging raus. „Die Adduktoren und das Schambein haben alle zugemacht“, erzählte er König am Mikrofon. Für ihn kam Lombardi. Der machte gar nicht ungeschickt das 3:0.

Unterhaltungskünstler: Kevin Kuranyi setzt zum Fallrückzieher an... Bilder: Ulmer

Nicht gesetzt

Am Ende siegten die Stars mit 6:3. Tübingens Jürgen Höritzer (2) und Ferhat Yilmaz traf gegen den Handball-Weltmeistertorwart Henning Fritz in der zweiten Hälfte. „Da waren klar zwei Fehler von mir“, sagte Fritz schmunzelnd. Er wird’s verkraften, gemeinsam mit den einstigen WM-Teamkollegen Christian Schwarzer und Markus Baur nutzten sie den Tag, um sich mit dem zuschauenden früheren Nationalmannschafts-Teamarzt Berthold Hallmaier aus Rottenburg zu treffen. Fritz lobte die Zuschauer: „Schön, dass sie trotz des Regens so durchgehalten haben.“

Geld für weitere Zimmer

Zufrieden schaute Annika Wilmes drein. Die Tübingerin ist Leiterin des Tübinger Ronald McDonald‘s-Haus, für das alle Einnahmen des Spiels verwendet werden. Mit dem Geld, sagte Wilmes, sollen sieben neue Zimmer gebaut werden. „Mit dann 37 Zimmern wäre es das größte bis dahin in Deutschland“, sagte Wilmes. In den Ronald McDonald‘s-Häusern können Familien übernachten, deren schwer kranke Kinder in den jeweiligen Kliniken vor Ort behandelt werden.