Beste Rede des Jahres
: Universität Tübingen zeichnet Christian Drosten aus

Die Auszeichnung „Rede des Jahres“ des Seminars für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen geht 2025 an Prof. Christian Drosten. Mit seiner Rede „Wissenschaft ist Freiheit und Pflicht“ vor dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) habe er ein eindringliches Plädoyer für eine engagierte Wissenschaft formuliert.
Von
Moritz Siebert
Tübingen
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Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie: 01.12.2025, Berlin: Christian Drosten, Virologe, kommt zur Öffentlichen Anhörung der Enquete-Kommission des Bundestags zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie ins Paul-Löbe-Haus. Thema ist «Vorsorge, Krisenpläne und Frühwarnsysteme, Dateninfrastruktur, Risikobewertung und internationale Koordination». Foto: Annette Riedl/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der Virologe Christian Drosten.

Annette Riedl/dpa
  • Christian Drosten erhält 2025 die Auszeichnung „Rede des Jahres“ der Universität Tübingen.
  • Seine Rede „Wissenschaft ist Freiheit und Pflicht“ hielt er beim 100-jährigen Jubiläum des DIW.
  • Drosten betont die Verpflichtung der Wissenschaft für Demokratie und gesellschaftliche Verantwortung.
  • Er warnt vor einem „Verlust der Orientierung an Fakten“ und kritisiert Leistungs- und Selektionsdruck.
  • Seit 1998 würdigt der Preis Reden mit hoher politischer, sozialer oder kultureller Bedeutung.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Christian Drosten habe vor einer besonderen situativen Herausforderung bei der Feier des 100-jährigen Bestehens des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ein klares und eindringliches Plädoyer für eine engagierte Wissenschaft formuliert, heißt es in einer Pressemitteilung des Seminars für Allgemeine Rhetorik der Uni Tübingen. „Als Mediziner trat er am 27. Mai 2025 vor zahlreichen Ökonomen auf und damit einer Disziplin gegenüber, die nicht sogleich mit Drostens wissenschaftlicher Heimat in Verbindung gebracht wird.“

Beide Wissenschaften – Medizin wie Ökonomie – stünden, so Drosten, nicht immer nur „mit beiden Beinen in den exakten Mathematik- und Naturwissenschaften“. Sie müssen stets ihre gesellschaftliche Relevanz reflektieren. Damit war das Programm seiner Rede gesetzt: Wie stehen Wissenschaft und Gesellschaft zueinander? Wie fördert die Gesellschaft die Freiheit der Wissenschaft, wie die Wissenschaft die Freiheit der Gesellschaft? Aus Drostens Sicht kann die Antwort darauf bereits aus dem programmatischen Titel seiner Rede gelesen werden: „Wissenschaft ist Freiheit und Pflicht“.

Das Seminar für Allgemeine Rhetorik zeichnet Drostens Rede als „Rede des Jahres“ aus. Mit großem Nachdruck verpflichte er die Wissenschaft, Freiheit und Demokratie nicht für selbstverständlich zu halten und sich als eine „konstante Stimme in der demokratischen Debatte“ einzubringen. Die Rede sei bedeutsam über die Welt der Wissenschaft hinaus. Der Redner frage sich, wie wir in einer Welt leben, die das „Bewußtsein für Fakten verloren hat“.

Nüchtern-sachlicher Stil

„Christian Drosten, vielen noch aus der Pandemie-Zeit als verlässlicher Wissenschaftskommunikator bekannt, argumentiert sachlich und stringent, spart unbequeme Wahrheiten dabei jedoch nicht aus“, argumentiert das Seminar. „Glaubwürdig wird Drostens nüchtern-sachlicher Stil, der seine Argumente überzeugend hervortreten lässt, durch seine persönliche Integrität. Der Redner Drosten, sein Anliegen sowie sein Stil stellen den Rahmen einer bedeutsamen Rede dar.“

„Die Gesellschaft hat das Bewusstsein für Fakten verloren“, analysiert Drosten. Symptome dieses Realitätsverlustes seien die zunehmende Polarisierung von Debatten, die Personalisierung „von vielschichtigen Sachthemen und – leider auch – allzu menschliche Bestrebungen nach Öffentlichkeit und Opportunität“. Seine Kritik gipfelt in der pointierten Aussage: „Was postfaktische Politiker von sich geben, ist noch nicht einmal falsch, aber dennoch keineswegs richtig“. Konsequenterweise spricht er von einem „vollkommenen Verlust der Orientierung an Fakten“.

Diese Entwicklung äußere sich im Alltag in einer stetigen Erosion wissenschaftlicher und journalistischer Gütekriterien und münde in einer Monopolstellung der „Meinungsmacht“, so Drosten. Auch die Wissenschaft sei vor dieser Meinungsmacht nicht gefeit, was Drosten besonders mit den Zwängen des modernen Wissenschaftssystems plastisch beschreibt. In eingängigen Schlagworten umreißt er, mit welchen drastischen Herausforderungen sich Forschung und Wissenschaft konfrontiert sehen: Leistungsdruck, Selektionsdruck sowie politische Flexibilität und Opportunismus. Dadurch gingen Altruismus, soziale Verantwortung oder Courage verloren – in der Wissenschaft wie in der Gesellschaft.

Mahner und engagierte Stimme der Wissenschaft

Die Lösung, die Drosten hierfür anbiete, bestehe nicht in einem Mehr an Wissenschaft, heißt es in der Pressemitteilung des Seminars. Alle profitierten zwar von den Ergebnissen dieser, doch zeige die Entwicklung in den USA, dass Wissenschaftsfreiheit nicht bedeute, „sich herauszuhalten“. Drosten: „Ich plädiere heute für ein Nachdenken über den Grundsatz der Wissenschaftsfreiheit – und zwar nicht in erster Linie wegen ihrer Einschränkung! Die Freiheit der Wissenschaft muss auch Verpflichtungen mit sich bringen.“ Für seine Forderung sei Drosten selbst ein mustergültiges Beispiel, „sieht er doch seine Rolle nicht mehr wie in der Corona-Zeit als bloßer Erklärer, sondern nunmehr als Mahner und engagierte Stimme der Wissenschaft“.

Die Rede des Jahres

Seit 1998 vergibt das Seminar für Allgemeine Rhetorik die Auszeichnung „Rede des Jahres“. Mit diesem Preis würdigt das Seminar jährlich eine Rede, die die politische, soziale oder kulturelle Diskussion entscheidend beeinflusst hat. Kriterien für die Jury sind unter anderem inhaltliche Relevanz, Vortragsstil, Elaboriertheit sowie publizistische Wirkung. Nachlesen kann man Drostens Rede beim Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.