Bebenhausen: Mehrwert-Tour: Von asketischen Mönchen und volksnahen Königen

Im Parlatorium, dem Empfangszimmer für Besucher, gab es sogar eine mittelalterliche Fußbodenheizung.Bild: Carolin Albers
Nicht gesetztSo prunkvoll und doch so bescheiden thront die über 800-jährige höfische Anlage am Rande des Schönbuchs. Eigentlich war Regen angekündigt, doch an diesem Nachmittag trotzt die Sonne der Vorhersage. 40 Interessierte warten im Schlosshof in Bebenhausen auf den Beginn der Mehrwert-Tour, die sie bei der SÜDWEST PRESSE gewonnen haben. Im Kloster ist es kühl, denn „die Steine sind wie Kühlschränke“, erklärt Museumsführerin Ursula Hüge: konstante fünf Grad unter der Außentemperatur.
Hier lebten im Mittelalter Zisterziensermönche und einige Laienbrüder, sprich Bauern- und Handwerkssöhne, denen das Kloster mangels Lateinkenntnissen verweigert war. Die Mönche hatten einen streng geregelten Alltag, geprägt von Gebeten, Arbeit und Askese - es gab nur eine Mahlzeit um elf Uhr: „Es galt, je weniger, desto schneller glücklich. Sie wollten die Wüstenväter imitieren, und da es keine Wüste hier gibt, war ihr Äquivalent der Wald“, scherzt Hüge. Im Sommer aßen sie im eleganten Sommerrefektorium; heute wird dort der Musik gelauscht.
Die zwei Essensdurchreichen repräsentieren gut die zwei vorherrschenden Epochen: die schwere Romanik und durch Abt Konrad von Lustnau die schwebende Gotik: Er ließ mit Leichtigkeit prahlende Palmenpfeiler bauen. „Das ist ziemlich einzigartig in der Region“, kommentiert Hüge. Der Baustil gleicht der frühgotischen Kathedrale Notre-Dame in Paris.
Im charakteristischen Kreuzgang herrschte früher Schweigegebot. Mit schauspielerischem Geschick erklärt Hüge die Zeichensprache der Ordensleute: verschränkte Arme für den Faulpelz, zwei kloppende Fäuste für Maurertätigkeiten, eine wedelnde Hand für die Begierde nach Fisch. Umrahmt vom Kreuzgang befindet sich eines der Herzstücke: der Garten. Von hier hat man einen guten Blick auf den Turm der Klosterkirche, der zwischenzeitlich abgerissen werden sollte. Doch ein Abt schenkte die Kirche weise an die Gottesmutter Maria selbst - somit konnte nicht mehr abgerissen werden. Im Jahr 1535 kam der umstrittene Herzog Ulrich nach Bebenhausen um die Reformation umzusetzen. Daraufhin „flohen die Bürger mit Büchern unter dem Arm nach Rottenburg und Tirol“, erzählt Hüge. Der Reformation fielen Kirchenfenster und Mauersteine des einstigen Kirchenschiffs zum Opfer, die auf Schloss Hohentübingen und Schloss Lichtenstein wiederzufinden sind. Heute hat die Kirche eine Kanzel und dient nur noch im Sommer den Bebenhäusern - im Winter ist der Gottesdienst im Feuerwehrhaus.
Nach der Kirche ist der Kapitelsaal der wichtigste Ort: Hier wurden Ordensregeln verlesen, die Arbeit verteilt, der hier bestatteten Äbte gedacht und Mönche bei Verfehlungen getadelt - etwa, wenn sie die Andacht nachts um zwei verschliefen. Über eine schon abgelaufene Wendeltreppe geht es in das nicht mehr historisch echte Dormitorium. Nach kurzem Bestaunen stellt ein Besucher die sich aufdrängende Frage: Warum stehen am Ende des Ganges zwei Bären? Das seien Hochzeitsgeschenke aus Russland, klärt Hüge auf.
Als die neue Verfassung für den Arbeitstitel Baden-Württemberg dort ausgehandelt wurde, schliefen in dem Raum 60 Abgeordnete - darunter immerhin zwei Frauen.
Wechsel: Das ehemalige Abtshaus wurde 1807 unter König Friedrich I. zu einem Jagdschloss umgewandelt. Der volksnahe, letzte König von Württemberg, Wilhelm II., verbrachte hier mit Gattin Charlotte zu Schaumburg-Lippe seinen Lebensabend. Sie habe im Zuge des Tiernotstandes die Bebenhäuser mit Fahrrädern ausgestattet und ließ sie Gerüchten zufolge im klösterlichen Kreuzgang Kurven üben. Wilhelm starb 1921, Charlotte 1946, in dem Jahr, in dem der Landtag des neu geschaffenen Landes Württemberg-Hohenzollern zusammentrat. Die Abgeordneten hielten von 1946 bis 1952 im damals noch eigenständigen Dorf Bebenhausen ihre Sitzungen ab. Das Schlafzimmer des Königs war das Parteibüro der Kommunisten. Seit 1986 ist das Schloss öffentlich zugänglich.
Eine weitere Wendeltreppe führt in den ersten Stock, zum Hirschgang, in dem viele Geweihe und ausgestopfte Tiere zu sehen sind. „Damals war ein ganzer Wald anwesend“, scherzt Hüge. Die heutige Sammlung ist stark reduziert, aber immer noch überladen.
Nicht nur der Flügel, der der Königin gewidmet war, sticht ins Auge, auch die typisch barocke Zimmerflucht, die drei Gästezimmer und den Aufenthaltsraum des Königs umfasst. Ein Stockwerk tiefer befinden sich der blaue und grüne Saal - benannt nach den Farben der Teppiche. Die Wände des grünen Speisesaals schmücken Stadtporträts von Tübingen, Bebenhausen und Stuttgart. Letztere war übrigens ursprünglich ein badisches Gestüt, sagt Hüge und wartet auf empörte, patriotische Einwände - vergeblich.
Schließlich endet nach gut zwei Stunden der Rundgang im ehemaligen Krankenhaus, das später als Kutschenwendeplatz diente.
In eigener Sache: Die Mehrwert-Touren der SWP
In die Nebelhöhle bei Sonnenbühl führt am Dienstag, 11. Juni, die nächste Mehrwert-Tour der SÜDWEST PRESSE. Verlost werden zwanzig Doppelkarten, auf die sich Abonnenten des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs, des Metzinger-Uracher Volksblatts, der Reutlinger Nachrichten, der Hohenzollerischen Zeitung, der Südwest Presse Zollernalb, der Neckar-Chronik sowie des Alb Boten unter
erleben.swp.de/nebelhöhle bewerben können. Bisher besucht wurden Burg Hohenzollern, Zwiefalter Klosterbrauerei, die Metzinger Weinberge und Schloss Hohentübingen.
