Altersforschung in Tübingen
: Wie verändert sich unser Gehirn im Alter?

Studienergebnisse der Medizinischen Fakultät Tübingen und des Hertie Instituts für klinische Hirnforschung belegen: Die Großhirnrinde altert langsamer als gedacht – und steuert dem Altern entgegen.
Von
Lisa Maria Sporrer
Tübingen
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100 Jahre EEG: ARCHIV - 29.04.2024, Thüringen, Jena: Auf dem Tisch neben einer EEG-Probandin steht ein Anschauungsmodell eines Gehirns auf dem Tisch. Am 6. Juli 2024 feiert die in Jena erstmals am Menschen erprobte Elektroenzephalografie (EEG) sein 100-jähriges Jubiläum. Bei dem Verfahren wird die elektrische Aktivität des Gehirns gemessen und grafisch dargestellt. (zu dpa: «Das EEG entschlüsselt seit 100 Jahren unser Gehirn») Foto: Jacob Schröter/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Obwohl das Gehirn im Alter an Volumen abnimmt, werden große Teile der Hirnrinde vor dem Verfall bewahrt – Zu diesem Schluss sind Tübinger Forscher anhand von Hirnscans von jungen und älteren Erwachsenen sowie Untersuchungen an Mäusen gekommen.

Jacob Schröter/dpa
  • Tübinger Forscher: Großhirnrinde altert langsamer als gedacht, viele Funktionen bleiben erhalten.
  • Studien zeigen: Nur tiefere Hirnrindenschichten dünner, mittlere und obere Schichten stabil.
  • Altersbedingte Veränderungen erschweren Multitasking und das Ausblenden von Störgeräuschen.
  • Gehirn schützt oft genutzte Areale vor Verfall – regelmäßige Nutzung erhält kognitive Fähigkeiten.
  • Hoffnung fürs Alter: Präzise Wahrnehmung und komplexes Denken bleiben oft bis ins hohe Alter.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wenn vom Altern die Rede ist, wird oft auch von Vergesslichkeit, schlechterer Wahrnehmung und nachlassender Konzentrationsfähigkeit gesprochen. Grund dafür ist, dass die Hirnrinde über die Jahrzehnte immer dünner wird. Sie ist für kognitive Funktionen wie Denken, Planen und Entscheidungsfindung verantwortlich.

Obwohl das Gehirn im Alter an Volumen abnimmt, werden große Teile der Hirnrinde vor dem Verfall bewahrt – Zu diesem Schluss sind Tübinger Forscher anhand von Hirnscans von jungen und älteren Erwachsenen sowie Untersuchungen an Mäusen gekommen. Die Hirnrinde besteht aus sechs verschiedenen Schichten, die jeweils eigene Funktionalitäten und eine eigene Anatomie aufweisen. So werden hereinkommende Signale zunächst in den mittleren Schichten verarbeitet und zur Weiterleitung in die oberen Schichten integriert. Die tieferen Schichten spielen insbesondere für die Filterung von Informationen eine Rolle, notwendig bei Konzentration oder Multitasking. Bislang konnte nur schwer untersucht werden, wie die altersbedingte Degeneration sich auf die einzelnen Schichten auswirkt – und wie die Degeneration ältere Menschen konkret im Alltag beeinträchtigt.

Unter Leitung von Prof. Esther Kühn, Professorin an der Medizinischen Fakultät Tübingen und Forschungsgruppenleiterin am Hertie Institut für klinische Hirnforschung, ist es den Forschern nun gelungen, die Dicke verschiedener Hirnschichten separat am lebenden Menschen zu messen – und entdeckten dabei „erstaunliches“, wie es in einer Pressemitteilung des Uniklinikums heißt: Nur die tieferen Schichten der Hirnrinde nehmen mit dem Altern ab, nicht aber die mittleren und oberflächlichen Schichten.

„Obwohl das Gehirn insgesamt mit dem Alter an Volumen abnimmt, bleiben große Teile der Hirnrinde von diesem Prozess verschont. Dies erklärt möglicherweise die oft bemerkenswerten Fähigkeiten älterer Menschen, die Umgebung um sich herum präzise wahrzunehmen und komplexe kognitive Aufgaben zu lösen“, so Kühn. „Weil die tieferen Hirnschichten, die für Signalverarbeitung und Filterfunktionen zuständig sind, im Alter dünner werden, fällt es älteren Menschen hingegen oft schwerer, störende Umgebungsgeräusche auszublenden oder sich auf mehrere Dinge gleichzeitig zu konzentrieren.“

Die Daten weisen darüber hinaus darauf hin, dass das Gehirn die Teile der Hirnrinde vor dem Verfall bewahrt, die es auch häufig nutzt. „Das macht Hoffnung fürs Älterwerden: Viele Gehirnfunktionen bleiben auch im hohen Alter erhalten – vorausgesetzt, man nutzt sie regelmäßig“, stellt Prof. Kühn fest.