Vor 50 Jahren: Brückner wird Stadtplaner
: Der Mann, der Hall für die Moderne öffnete

Erst Stadtplaner, dann Baubürgermeister: Wilfried Brückner verknüpfte Altes und Neues in Schwäbisch Hall. Visionär setzte er sich für Grünzüge ein und verhinderte, dass die Haller Innenstadt durch vierspurige Autostraßen zerstört wurde.
Von
Tobias Würth
Schwäbisch Hall
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Stadtbibliothek Schwäbisch Hall im Glaushaus. Bücherei

Das Glaushaus (links) diente zuerst als Heimat für ein Modegeschäft. Einst hochumstritten, ist das Gebäude der Stadtbibliothek heute als natürlicher Teil des Stadtbilds weitestgehend akzeptiert.

Tobias Würth
  • Wilfried Brückner prägte ab 1975 über 20 Jahre das Stadtbild von Schwäbisch Hall.
  • Er verhinderte vierspurige Straßen in der Innenstadt und setzte auf Grünzüge.
  • Moderne Bauprojekte wie Glashaus und Blendstatthalle polarisierten, gelten heute als Vorzeigeprojekte.
  • Brückner brachte ökologische Ideen ein, z. B. Kaltluftschneisen und Verzicht auf Chemikalien.
  • Seine Verkehrsplanung schuf Fußgängerzonen und entlastete die Altstadt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Natürlich könne er sich noch genau an die Wahl erinnern, berichtet Wilfried Brückner am Telefon über den 17. September 1975. Vor genau 50 Jahren setzte sich der 33-jährige Architekt gegen fünf Favoriten durch, die aus einem Kreis von 32 Aspiranten übrig blieben. Mehr als 20 Jahre lang sollte er im Anschluss das Stadtbild von Hall prägen.

Eine Traumbewerberlage faltete sich damals aus Sicht der Verwaltung auf. Heute fehlen gleich mehrere Architekten in der Bauverwaltung. Amtsleiterstellen – wie die im Hochbau – bleiben über Jahre unbesetzt, da sich niemand meldet.

„Ich hatte mich auf den letzten Drücker beworben“, sagte der heute 83-Jährige, der sich im Telefongespräch mit messerscharfem Verstand an einzelne Details erinnert. Wegen der offensichtlich negativen Erfahrungen mit einem Amtsvorgänger erhielt Brückner zunächst nur Zeitverträge. Am Ende wurde eigens eine Baubürgermeisterstelle geschaffen, um ihn in Hall zu halten.

Unfreiwillig ausgeschieden

Wilfried Brückner wurde am 2. Dezember 1941 im tschechischen Mähren geboren, studierte in Stuttgart Architektur und Städtebau. Wegen einer vererbten Stoffwechselanomalie unterzog er sich einer fünffachen Bypass-Operation in München, schied 1996 auf ärztlichen Rat aus dem Amt aus. Zuvor war sein Bruder gestorben, der an derselben Krankheit litt.

Der visionäre Stadtplaner sagt jetzt am Telefon: „Ich hätte nicht erwartet, dass ich heute noch bestehen werde. Mein Weiterleben als Beamter hat dem Staat viel Geld gekostet.“ Dieses Frühjahr erlitt er einen Herzinfarkt. Ein durch zwölf Stents gestützter Bypass hatte sich verschlossen. Nach einer Operation in einer Spezialklinik und einem „harten halben Jahr“ gehe es ihm aktuell wieder gut.

Teil des Dreigestirns

Ältere Haller erinnern sich genau an Brückner, der zu einem damals legendären Dreigestirn an der Verwaltungsspitze gehörte, zu dem Oberbürgermeister Karl Friedrich Binder und Bürgermeister Gerhard Gschwend zählten.

„Brückner war ein streitbarer Stadtplaner, der auch immer eine politische Mehrheit gefunden hat“, sagt Helmut Kaiser. Der Gailenkirchener Ortsvorsteher war damals im Stadtrat. Noch Jahrzehnte nach dem Ausscheiden des markanten Stadtplaners hörte man im Haller Gemeinderat das Argument gegen vermeintliche Bausünden: „Unter Brückner wäre das nicht möglich gewesen.“

Der damals schon herzkranke Schnauzbart-Träger hatte in seinen 70-Stunden-Wochen vieles geleistet. Ein Haus wird abgebrochen, ein Berg abgetragen, ein Graben freigelegt, alte Mauern gesichert, eine Brücke gespannt: Der Schiedgraben samt der damals modernen Tiefgarage ohne Stützpfeiler entstand. Glashaus wie Blendstatthalle waren hochumstritten, gelten aber heute als beispielhafte Kombination von Neu und Alt. Dabei lehnte Brückner eine romantisierende, historisierende Gestaltung ab. Moderne Beton- und Glaselemente setzte er bewusst ein, als klar zu erkennender Kontrast zum alten Gemäuer. Das führte zu hitzigen Debatten, die der Architekt nicht scheute. Noch heute spricht er von „Materialrassisten“. Seine Visionen vertrat er auch bei Klassenbesuchen. Ein Schüler, der damals (wie er einmal sagte) fasziniert zuhörte, ist der heutige Baubürgermeister Peter Klink.

Wilfried Brückner wird als Stadtplaner für Schwäbisch Hall gewählt.

Wilfried Brückner wird 1975 zum Stadtplaner für Schwäbisch Hall gewählt.

Privat

„Die Landesgartenschau, die in die Zeit von Brückner fällt, galt als prägend für viele weitere“, sagt Kaiser. „Ich habe sehr gute Erinnerungen an Brückner. Er war ein weit vorausschauender Planer. Ökologische Aspekte bezog er schon mit ein.“ Die Verkehrsführung in Hall als Ring um die Altstadt, mit Fußgängerzonen in der Mitte und den Parkhäusern, sei ein Vermächtnis von Brückner. Dabei war der Kriegsvertriebene aus Mähren ein deutlicher Gegner der Westumgehung. Kaiser erinnert sich, dass der Stadtplaner eigens einen Schafzuchtbetrieb ansiedeln wollte, um Fakten gegen den Bau der Westumgehung zu schaffen. Die Straße wurde gebaut, wird gut angenommen und entlastet die Bewohner von Gelbingen und Untermünkheim deutlich.

Bebauung gestoppt

Für das heute Stadtbild wichtig sind dennoch viele Dinge, die Brückner tatsächlich verhindern konnte. Ein vierspuriger Straßenring auf den Höhen mit Abfahrten in der Wettbach-, Baders- und Ohrenklinge waren im Gespräch, erläuterte er einst bei einem Vortrag in Hall. Das hätte eine „architektonische Schlachtung“ des Zentrums mit Einfahrtsstraßen bis tief in die heutige Fußgängerzone bedeutet. Er kämpfte erfolgreich gegen die Pläne, dass für einen vierspurigen Innenstadtring die bergseitige Häuserzeile an der Unterlimpurger Straße und die talseitige Häuserzeile an der Langen Straße abgerissen wurden. „Man muss sich nur mal vorstellen, es gab sogar Pläne für eine Rampe vom Säumarkt zum Froschgraben, um die Innenstadt durchgängig befahrbar zu machen“, wundert sich Brückner bei einem Vortrag vor Architekten. Auch eine Terrassenbebauung der Hänge wurde verhindert. Die Verwaltungsspitze hatte es aber einst in gewisser Weise einfacher: Die Stadt hatte damals viel Geld, war nicht unbedingt auf Wachstum angewiesen. Das änderte sich einige Jahre nach dem Weggang Brückners mit dem Einbruch der Gewerbesteuereinnahmen dramatisch.

Vor sieben Jahren führte die Zeitungsredaktion ein großes Interview mit Brückner in seinem sonnenendurchfluteten Wohnhaus in Stuttgart. Das hatte der Architekt natürlich selbst erbaut. Damals äußerte er sich zum ersten Mal ausführlich über seine Zeit in Hall. Er vermied es aber, seine Nachfolger zu bewerten. Er betonte immerhin: „Mir war es wichtig, dass die Altstadt von einem grünen Bilderrahmen umsäumt bleibt.“

Brückner Wilfried : Brückner Wilfried Dipl.-Ing. ehemalige Baubürgermeister von Schwäbisch Hall

Wilfried Brückner: Der ehemalige Baubürgermeister von Schwäbisch Hall in seinem Haus in Stuttgart.

Tobias Würth

Eine Landschaft könne nur ein bestimmtes Maß an baulicher Nutzung vertragen. „Es ist wie bei einem Luftballon, den man bis kurz vor dem Bersten aufblasen kann. Wenn Sie weitermachen, platzt er.“ Sein Konzept sah Kaltluftschneisen vor, um die Stadt mit Frischluft zu versorgen. Er sagt heute am Telefon: „Ich glaube, das wurde fallengelassen.“ Tatsächlich wurden einige Lücken zwischen Baugebieten mit Häusern versehen. In Bebauungsplanverfahren werden aber natürlich weiterhin Frischluftkorridore mit untersucht.

Seiner Zeit voraus

„Er hat den ökologischen Gedanken eingebracht“, sagt Hartmut Pawlitzki. Der damalige GWG-Geschäftsführer und Verwaltungsmitarbeiter auf verschiedenen Positionen erinnert sich noch genau an Brückner. Bereits in den 1980er-Jahren wurde die chemische Keule gegen Unkraut nicht mehr geschwungen, sondern man ging zu sanfteren Methoden über. Pawlitzki: „Brückner war seiner Zeit um einiges voraus.“