Stadtarchiv Schwäbisch Hall
: Schaufenster in Vergangenheit eröffnet

Ein digitales Inhaltsverzeichnis ermöglicht es jetzt, per Mausklick durchs Stadtarchiv zu navigieren. Eine Mitarbeiterin hat dafür 200.000 Datensätze geprüft und mit dem neuen System verknüpft.
Von
Tobias Würth
Schwäbisch Hall
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Die neue Liste zeigt online 200.000 Datensätze des Stadtarchivs. Das haben ermöglicht (von links): Mitarbeiterin Corinna Bauer, Archivleiterin Dr. Elisabeth Fischer und ihre Stellvertreterin Mabel Esslinger.

Die neue Liste zeigt online 200.000 Datensätze des Stadtarchivs. Das haben ermöglicht (von links): Mitarbeiterin Corinna Bauer, Archivleiterin Dr. Elisabeth Fischer und ihre neue Stellvertreterin Mabel Esslinger.

Tobias Würth
  • Stadtarchiv Schwäbisch Hall öffnet Bestände online – externes Suchen ist erstmals möglich.
  • 200.000 Datensätze sind erfasst und mit Titeln sowie Stichwörtern versehen.
  • Digitale Tektonik vereinfacht Anfragen: Nutzer sehen Bestände und melden Einsicht an.
  • Über die städtische Homepage erreichbar, mit „Archivportal D“ künftig bundesweit auffindbar.
  • Inhalte bleiben analog vorhanden, vollständige Digitalisierung der Bestände ist Aufgabe für Jahrzehnte.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der kleine Pfeil auf dem Bildschirm klappt die Liste auf, verästelt sie in immer neue Unterkategorien. Ein paar kleine Mausklicks, die einen gigantischen Sprung in die Zukunft der Vergangenheitsforschung in Hall bedeuten. „Erstmals in der Geschichte des Stadtarchivs können die Bestände von extern durchsucht werden“, erläutert Dr. Elisabeth Fischer, die seit zwei Jahren diese Einrichtung leitet. „Der Gedanke dahinter ist: Alle Bürgerinnen und Bürger haben das Recht, im Archiv zu recherchieren.“ Denn die Sammlung der Urkunden und Akten sei eben kein Eigentum der Mächtigen. „In Hinblick auf eine mögliche Staatsverdrossenheit ist es wichtig, darauf hinzuweisen: Das ist nicht geheim.“ Gemäß der Landesarchivordnung, die sich aus dem Grundgesetz ableitet, sei der Staat dazu verpflichtet, auch die Nutzung zu gewährleisten. Das geschehe eben nicht nur durch Vorträge und Führungen, sondern auch durch die Öffnung des Archivs bei Anfragen. Das passiert natürlich jetzt schon, wird aber deutlich leichter.

Schaufenster zur Vergangenheit

Bisher konnten die Bürger Halls gar nicht wissen, was alles im Archiv steht. Nun sind zwar nicht alle Dokumente  eingescannt. Sechs Kilometer lang würden sich die Aktenrücken aneinanderreihen, wenn man alle Regale ausräumt. Immerhin sind aber 200.000 Datensätze erfasst, die wiederum aus kurzen und langen weiteren Datenbeständen bestehen. Und es ist alles genau erfasst mit den Titeln und Stichwörtern. Fischer: „Wir holen da etwas auf, was überfällig ist.“ Andere Archive seien längst so weit.

Vereinfachte Arbeitsabläufe

„Bisher kamen Anfragen nach Begriffen. Wir haben dann unsere Beschreibung zurückgeschickt“, erläutert Mabel Esslinger, die seit Kurzem stellvertretende Archivleiterin ist. Ein für alle Seiten mühsames Hin und Her rund um die Fragestellung, was gesucht wird und was überhaupt zu finden sein kann, schloss sich an. Dieser Prozess könne verkürzt werden. Ob an der eigenen Familiengeschichte oder den Vorgängen in Hall – Interessierte könnten sich ab sofort zumindest einen Überblick darüber verschaffen, was ihnen weiterhilft. Vielleicht ein Kirchenbuch aus St. Katharina? Eine Akte eines Kriminalprozesses aus einem bestimmten Jahr? Der Vertrag über den Verkauf eines Hauses?

„Wir haben wöchentlich neue Anfragen“, berichtet Archivmitarbeiterin Corinna Bauer. Die Recherche in der internen Datenbank, die es natürlich auch schon immer zuvor gegeben hatte, sei die größte Arbeit an dem Prozess gewesen. Das falle nun ganz weg. Auch weiterhin müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den historischen Räumen am Marktplatz noch für den Recherchebesuch des Gastes die Unterlagen heraussuchen. Und weiterhin seien alle Akten, Urkunden und Dokumente auch analog im Haus und in den Außenstellen. Dennoch ergeben sich allein aus der Digitalisierung des Inhaltsverzeichnisses des Stadtarchivs (was „Tektonik“ genannt wird) vielfältige Möglichkeiten.

Einladung zur Forschung

Während die Uni Würzburg das Fränkische durchleuchtet hat und die Uni Tübingen Württemberg, sei Hohenlohe von Historikern vergleichsweise wenig in den Blick genommen worden, erläutert Elisabeth Fischer. Das könne sich bald ändern. Denn nur wenigen Experten sei weit außerhalb von Hall bekannt, dass hier ein so großes Archiv schlummere. Das werde dank des Anschlusses an die Datenbank „Archivportal D“ künftig deutschlandweit auffindbar sein, was zu einer Steigerung der wissenschaftlichen Nutzung führen dürfte, wodurch die Stadtgeschichtsschreibung erheblich profitiere. Die nächste Anfrage einer Studentengruppe zu Themen der Stadtgeschichte läge schon vor.

Die digitale „Tektonik“ ist dabei nur die Spitze des Eisbergs der Digitalisierung des Archivs. Die gesamten Inhalte online zugänglich zu machen, sei eine Aufgabe für Jahrzehnte. Die werde aber auch angegangen, versichert Dr. Elisabeth Fischer. Es fehle noch das E-Reader-System, dann seien viele Jahrgänge des digitalisierten Haller Tagblatts vom Sofa aus zu lesen.

Mit wenigen Klicks ins Mittelalter

Über die städtische Homepage www.schwaebischhall.de kommt man auf die neue Seite der Bestände im Stadtarchiv. Dort werden „Findemittel“ angegeben, um zu den Dokumenten zu gelangen. Interessiert man sich konkret für einen Datensatz, meldet man sich dort mit E-Mail-Adresse und Co. an und legt ihn in den Warenkorb. Dann erhält man vom Archiv die Nachricht, ob eine Einsicht im Lesesaal möglich ist. Eines der 20.000 Bücher kann man dabei sogar ausleihen.

Mitarbeiterin Corinna Bauer, Archivleiterin Dr. Elisabeth Fischer und ihre Stellvertreterin Mabel Esslinger.

Mitarbeiterin Corinna Bauer, Archivleiterin Dr. Elisabeth Fischer und ihre Stellvertreterin Mabel Esslinger.

Tobias Würth