Spielegilde Schwäbisch Hall
: Was steckt hinter der Faszination der tagelangen Spielkampagnen?

InterviewEine Gruppe von Brett-, Rollen- und Kartenspielern hat sich in Hall zu einem Verein zusammengeschlossen.
Von
Tobias Würth
Schwäbisch Hall.
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Sebastian Süpple, Daniel Höfs und Sebastian Schober leiten die Spielegilde.

Sebastian Süpple, Daniel Höfs und Sebastian Schober leiten die Spielegilde.

Tobias Würth

Im Regal stapeln sich die Spieleschachteln, es stehen Modellfarben herum, um Miniaturfiguren anzumalen. Große Tische können im Raum zusammengeschoben werden, um epische Brettspiele über mehrere Tage zu spielen. Der neue Verein bringt Menschen zusammen, die sich sowohl für eine moderne Form von Uno begeistern, als auch über Jahre hinweg in imaginäre Fantasy-Charaktere zu schlüpfen für Rollenspiele, die hauptsächlich als Kopfkino ablaufen. Das Vorstandsteam der Spielegilde erläutert, woher die Faszination dafür herkommt.

Warum habt ihr die Spielegilde gegründet?

Sebastian Süpple: Das ist recht einfach erklärt. Ich spiele Rollenspiele jetzt seit gut zehn Jahren. Vor vier Jahren habe ich hier in Schwäbisch Hall eine Runde von aktiven Spielerinnen und Spielern zusammengetrommelt. Wir starteten in der U-Bar, spielten bei irgendjemand im Wohnzimmer und haben dann im Oktober 2023 einen Spieletag im damaligen Muggefug einberufen. Das Ergebnis war toll. Es kamen 30 bis 40 Personen. Wir haben gesagt: Okay, gut, lasst uns mal einen Verein gründen.

Und das hat sich gelohnt?

Sebastian Süpple: Wir sind jetzt im zweiten Jahr auf 45 Mitglieder angewachsen.

Welche Spiele sind es, die ihr spielt, im Vergleich zum „Mensch ärgere dich nicht“?

Sebastian Schober: Die meisten Spiele, die wir spielen, sind wesentlich interaktiver als „Mensch ärgere dich nicht“. Wir haben zum Beispiel gerade „City of Angels“ hier am Nebentisch aufgebaut. Da kann jeder in die Rolle eines Detektivs schlüpfen. Mann kann, muss aber nicht, Informationen miteinander teilen und man kann sich entscheiden, wie man jetzt den nächsten Schritt als Detektiv wahrnimmt. Das Gleiche ist auch, wenn man zum Beispiel ein Rollenspiel spielt, wenn man „Dungeons & Dragons“ oder Ähnliches spielt, man hat sehr viel mehr Interaktion, es ist gemeinschaftlicher, es sind mehr Menschen, die mehr gemeinsam tun.

Also es ist nicht nur eine Reihenfolge von Zügen, wo am Ende einer gewinnt, sondern auch eine Geschichte, die entsteht.

Sebastian Schober: Ja, genau das ist es. Ich bin zwar von meinem Mindset her eher kompetitiv, auch bei Spielen, aber ich mag das tatsächlich auch, wenn ich anderen helfen kann. Für mich ist es auch cool, wenn wir kooperative Spiele spielen. Wenn ich etwas durchschaue, dann behalte ich das ungern für mich, das fühlt sich immer falsch an. Dann teile ich es lieber.

Es fällt immer wieder der Name „Dungeons & Dragons“ – D&D abgekürzt. Ein Spieletitel, das mit „Verliese und Drachen“ übersetzt werden kann. Was steckt dahinter?

Sebastian Schober: Ja, das ist das bekannteste System der Pen-and-Paper-Spiele. Und das Größte. 80 bis 90 Prozent aller Pen-and-Paper-Spiele mit einem anderen Content basieren auf den Regeln von D&D. überhaupt. Es geht darum, Charaktere zu entwickeln, die bestimmte Fähigkeiten haben. Jeder Spieler schlüpft in eine Rolle, die er entweder selbst schreibt oder in Absprache mit vorgeschriebenen anpasst, wenn das der Dungeon-Master oder der Spieler so möchte.

Und an bestimmten Stellen würfelt man das Geschehen aus?

Sebastian Süpple: Genau. Es gibt auch super viel Material als Grundlage für das Spiel. Manche Spielleiter lassen sogar Karten und ähnliches von Grafikern gestalten oder zeichnen selbst. Der Charme davon, das Spiel nur in der Phantasie der Spieler zu spielen ist es, dass sich jeder seine Welten selbst ausdenken kann.

Und gibt es dann einen Gewinner am Ende?

Daniel Höfs: Nein. Also wir gewinnen alle.

Lernt man mit der Zeit, wie man ehrenvoll beim Brettspiel verliert?

Sebastian Süpple: Ich glaube damit hatten wir bisher nie Probleme.

Daniel Höfs: Also Pen & Paper ist ja eigentlich ein gemeinsames Geschichtenerzählen, weil die Spieler bringen ja sehr viele Informationen in die Story mit ein.

Sebastian Schober: Da wird nicht wirklich verloren.

Sebastian Süpple: Alle sitzen dabei gemeinsam am Tisch und wir erzählen eine gemeinsame Geschichte. Einer gibt erstmal den Takt an und fragt die Impulse von den anderen Spielern ab. Und wenn es irgendeine dramatische Frage gibt, die es zu klären gilt, dann brauchen wir natürlich einen Schiedsrichter, der unabhängig ist. Und das sind die Würfel. Da kann es bis zu 20 Subsysteme geben, die man auswürfeln muss, bis es eine Entscheidung gibt. Man kann es aber auch viel einfacher gestalten.

Geht so eine Kampagne, also die Spielzeit, über Tage?

Sebastian Süpple: Eine Kampagne kann einen Tag dauern, also ein paar Stunden. Wir haben jetzt zwei, drei Kampagnen am Laufen, die gehen ein, zwei Jahre. Also wo man immer weiterspielt. Das ist theoretisch in die Unendlichkeit möglich.

Auf eurer Homepage schreibt ihr von Tabletop Wargames. Was ist das?

Sebastian Süpple: Tabletop Miniaturgaming, um es ein bisschen neutraler zu halten. Ja. Ein Szenario mit Truppen, aber auch mit zivilen Figuren, ist im Spiel. Es kann sich um Fantasy-Spielgeschichten handeln, oder es werden historische Schlachten, wie die von Gettysburg oder die Landung in der Normandie nachgespielt. Oft sind es einfach nur Plastikminiaturen, die man zusammenkleben kann. Die man bemalt. In der Regel findet man auch online Materialien. Also die 3D-Druckszene ist da auch ganz stark mit involviert.

Das Team der Spielegilde mit einem fantasievollen Agentenspiel im Vordergrund.

Das Team der Spielegilde mit einem fantasievollen Agentenspiel im Vordergrund: Sebastian Süpple, Daniel Höfs und Sebastian Schober.

Tobias Würth

Sebastian Schober: In einer Kampagne behelfen wir uns mit kleinen Lego-Figürchen. Also man kann theoretisch mit allem spielen.

Wie trommelt man die Spieler zusammen?

Sebastian Süpple: Wir organisieren uns sehr stark über WhatsApp. Wir haben da eine Community. Der kann auch jeder beitreten über einen QR-Code auf unserer Website. Da haben wir jetzt 24 Subgruppen.

Und wenn jetzt einer Uno spielen will, wäre das okay?

Daniel Höfs: Das passiert auch. Wir haben erst kürzlich „Uno Flip“ gespielt. Das ist aber ein schlimmes Spiel. Uno ist ja ein Mau-Mau-artiges Spiel. Bei der Flip-Version haben die Karten alle Rückseiten, die auch Effekte haben. Da gibt es die Möglichkeit, dass alle ihre Karten umdrehen müssen.

Sebastian Süpple: Ich sag mal, wir spielen alles von den typischen Spielen, die man halt eben so kennt. Bis zu irgendwelchen obskuren Kennerspielen, die halt irgendwo in der Nische sind. Oder wir waren jetzt auch am Wochenende auf der „Gamesvention“ in Kempten und haben da ein komplett neues Spiel gekauft, das da gerade eben aufgebaut wird. Das es so noch nicht online zu kaufen gibt.

Praktiziert ihr auch E-Sport, also Computerspiele?

Sebastian Süpple: Also wir haben auch einen Discord-Server, auf dem wir uns abends virtuell zusammensetzen, gequatscht wird und die Leute dann wieder gemeinsam oder unterschiedlich Spiele spielen. Aber wir machen kein E-Gaming.

Lernt man sich beim Spielen selbst besser kennen?

Sebastian Schober: Also ich glaube, man findet schon Sachen über sich heraus, wenn man sich mit seinem Charakter gerade beim Pen-and-Paper-Spiel auseinandersetzt. Ich spiele zum Beispiel aktuell einen Charakter, der ist sehr, sehr gutmütig und ein bisschen naiv. Ich bin vielleicht ähnlich gutmütig, aber auf gar keinen Fall so naiv. Nee, ich bin auf gar keinen Fall so gutmütig.

Würdet ihr lieber in einer Pokémon-Welt leben und dem vielleicht manchmal tristen Alltag in Deutschland entfliehen?

Sebastian Süpple: Die Möglichkeiten beim gemeinsamen Geschichtenerzählen sind natürlich unendlich. Es ist natürlich auch ein Stück weit immer so ein bisschen Eskapismus, also Realitätsflucht, dabei. Aber ich glaube, das ist nicht der Hauptfokus von den Spielern.

Also ein bisschen so wie Romane zu lesen und sich in diese imaginäre Welt hineinzudenken?

Sebastian Schober: Genau. Das eröffnet aber neue Möglichkeiten. Was mir als Spielleiter aufgefallen ist, dass wir neurodiverse Mitspieler hatten, also ein Mädchen, das vielleicht Autistin ist. Man merkt halt, dass die sich komplett entspannen. Sie lassen ihre eigene Person hinter sich mit all den Problemen, die sie haben. Sie schlüpfen in die Rolle, die sie spielen wollen. Und das hilft ihnen eben schon, die Dinge anders zu erleben. Dazu gibt es außerdem auch eine wissenschaftliche Studie.

Bringt euch eure Erfahrung als Spieler und Spielleiter etwas für die Berufswelt?

Sebastian Süpple: Klar. Spieleleiten ist nichts Anderes als moderieren. Storytelling ist auch super wichtig für Präsentationen. Ein guter Verkäufer erzählt eine gute Geschichte. Es ist so. Von daher, es stärkt schon so ein bisschen die eigenen Fähigkeiten. Auch generell so ein bisschen die Social-Skills. Man lernt, glaube ich, auch so ein bisschen mehr Empathie.

Könnt ihr ein Spiel empfehlen, dass Lust macht, über die herkömmlichen Brettspiele hinaus in eure Welt einzutauchen?

Sebastian Süpple: Zum Beispiel hier das „City of Angels“. Das ist sehr einfach zu verstehen. Man hat definierte Aktionen, die man durchführen kann und dann erlebt man auch quasi einen Krimifall. Auch „Northgard“ wurde jetzt in letzter Zeit oft gespielt. Es ist ein Wikinger-Aufbauspiel. So ein bisschen wie Risiko.

Daniel Höfs: Oder wir spielen „Die Knuffies“. Das ist ein Geschicklichkeitsspiel wie „Jenga“, aber mit kleinen Stoffkugeln. Man muss immer unten eine rausziehen, ohne dass der Turm umfällt, und oben drauflegen.

Sebastian Süpple: Einfach mal vorbeikommen an unserem Spieltag. Der Tag ist dafür gedachtdass man hier ein paar Spiele ausprobieren kann, ein paar Menschen trifft, dass man auch selber was mitbringen kann, wenn man mag. Zudem gibt es immer donnerstags einen Spieltreff ab 18 Uhr. Das steht alles auf unserer Website. Wir haben aktuell viele Leute, die auch Runden leiten wollen. Das ist eigentlich eine groteske Situation, da es normalerweise andersrum ist. Das bedeutet aber auch: Wir können problemlos wachsen.

Auf eurer Homepage steht, dass ihr viele Pläne für die Zukunft habt. Welche sind das?

Sebastian Süpple: Der größte Plan wäre erstmal, von der Stadt in irgendeiner Form oder Weise Anerkennung und Förderung zu bekommen. Darum bemühen wir uns schon seit einem Jahr mit recht verhaltenem Feedback von der Verwaltung. Der andere große Plan, den wir haben, wäre eine Convention in Schwäbisch Hall. Das heißt ein mehrtägiges Event, bei dem wir deutschlandweit Menschen einladen hierher zu kommen nach Schwäbisch Hall und gemeinsam spielen. Zu Treffen in anderen Orten kommen 3.000 bis 5.000 Besucher. Dazu benötigen wir natürlich Kooperationspartner und ein Entgegenkommen der Stadtverwaltung bei der Raummiete und ähnlichem. Der Spieletag soll ein erster Schritt sein, unsere Ziele zu erreichen. Einfach mal vorbeikommen!

Drei leidenschaftliche Spieler

Sebastian Süpple wurde am 30. März 1993 in Schwäbisch Hall geboren, ging in Fichtenberg zur Schule, da die Familie in Oberrot lebt. Nach dem Hauptschulabschluss startete er eine Lehre als Sägewerker bei der Firma Klenk, wo er eine Zeitlang arbeitet, um in den Saunabau zu wechseln. Er schloss eine neue Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration ab, arbeitet lange als Systemadministrator bei der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft. Jetzt ist er IT-Berater für Infrastruktur und Netzwerk bei der Bechtle AG. Wegen seines Faibles für Brettspiele und Rätsel kam er auf die Idee, die Spielgilde zu gründen. Er ist erster Vorsitzender des noch jungen Vereins. Denn Spielen mache vor allem in Gesellschaft Spaß. Sebastian Süpple engagiert sich im Freundeskreis der Pfadfinder des VCP-Stamms in Steinbach.

Sebastian Schober wurde 1986 in Heilbronn geboren, wuchs bei Waiblingen auf. Aktuell arbeitet er in Schwäbisch Hall beim Würfelgarten. Das ist ein Ort für Brettspiele, Trading-Card-Games und vielem mehr.  Dort können in der Gelbinger Gasse Spiele bei einer Tasse Kaffee ausprobiert und gekauft werden. Zudem gibt es eine Bewirtung. Das Genre Fantasy hat ihn schon immer interessiert. Über Bücher, Serien und Computerspiele kam er zu dem Spieltreff und wurde zweiter Vorsitzender. Denn irgendwann habe er gemerkt, dass es schöner ist, mit Menschen direkt zu spielen und die Erfahrungen zu teilen.

Daniel Höfs ist Jahrgang 1989, kommt aus Bitterfeld. Er hat in Thüringen Maschinenbau studiert und arbeitet jetzt bei GEMÜ in Hohenlohe, er wohnt in Künzelsau. Dort ist er mittlerweile Entwickler. Er kümmert sich vor allem um Computerlinguistik, KI-Themen, Datenverarbeitung und auch noch Maschinenbau. Zu finden ist sein Name auch in der Datenbank des Europäischen Patentamts, da er für die Firma Erfindungen angemeldet hat. Er findet von Anfang an Rollenspiele sehr interessant. Bei Filmen, Büchern und Videospielen fehlt ihm die Interaktivität. Da er sich den Austausch mit Freunden wünscht, ist er zu der Gruppe gekommen und Schatzmeister des Spielegilde e.V. geworden.

Gilde lädt zu Spieletag

Brett-, Karten-, Rollen- und Miniaturenspiele aller Art kann man am Spieletag, am Samstag, 27. September, ausprobieren. Der Haller Spielegilde e.V. ist ein noch junger Verein, der sich nach einem Treffen im Oktober 2023 gebildet hat. Die Gruppe von derzeit 45 leidenschaftlichen Spieler lädt immer wieder zu offenen Spieletreffs ein. Denn über die bekannten Brettspiele hinaus entwickelten sich in den letzten Jahrzehnten ausgefeilte Spielideen, die oft nur den leidenschaftlichen Experten der Spieleszene bekannt sind. Miniaturenspiele sind dabei Spiele, bei denen Figürchen zur Inszenierung der Spielszenen verwendet werden. In solchen Spielen sind die Miniaturen die Schlüsselkomponenten, das Spiel stellt die Umgebung der Miniatur dar. Gespielt wird ein Tag lang, am Samstag, 27. September, in den Vereinsräumen des Club Alpha 60, in der Spitalmühlenstraße13/2, 74523 Schwäbisch Hall, von 8 bis 20 Uhr.