Neue Professorin am Campus Schwäbisch Hall: „Man wird kein direktes Nein bekommen“

Prof. Dr. En-Chi Chang am Campus Schwäbisch Hall.
Tobias Würth- Prof. Dr. En-Chi Chang unterrichtet seit Herbst am Campus Schwäbisch Hall Betriebswirtschaftslehre.
- Die Taiwanerin schätzt die Ruhe in Schwäbisch Hall, vermisst aber das Leben in Großstädten.
- Sie betont die Herausforderungen für eingewanderte Fachkräfte in Deutschland, speziell Frauen.
- Ihr Fachgebiet ist digitales Marketing, wobei KI-Software eine zentrale Rolle spielt.
- Chang sieht Unterschiede zwischen deutscher Direktheit und asiatischer Höflichkeit im Berufsalltag.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Seit diesem Herbst unterrichtet Professorin Dr. En-Chi Chang am Campus Schwäbisch Hall. In Hessental hat sie zusammen mit ihrem Mann ein neues Zuhause bezogen. Die Ruhe hilft ihr bei der Vorlesungsvorbereitung. Doch dabei liebt die Taiwanerin, die aus einer Stadt mit fast drei Millionen Einwohnern stammt, eher die turbulenten Großstädte.
Sie waren zuvor an renommierten Universitäten in Großbritannien und Taiwan. Warum haben Sie sich für die Professur in Schwäbisch Hall beworben?
Viele Freunde haben mich natürlich gefragt, warum ich das getan habe. Auf den ersten Blick sieht es sehr glamourös aus, an einer der Top-Universitäten zu arbeiten. Aber die Arbeitsumgebung an solchen Hochschulen ist auf Dauer schon sehr extrem. Der Druck, in Top-Zeitschriften wissenschaftliche Artikel zu veröffentlichen, ist hoch. Das ist auf Dauer für mich kein gesundes Umfeld.
Außerdem sind Sie mit einem Deutschen verheiratet?
Ja genau. Ich habe meinen Mann in England kennengelernt. Daher bin ich 2011 nach Deutschland gezogen. Wir haben einfach gemerkt, dass es schwierig ist, wenn wir räumlich so weit getrennt voneinander sind und wir zusammenziehen sollten. Er arbeitet für die Automobilindustrie, macht viel im Homeoffice und ist auch viel auf Geschäftsreisen in Osteuropa.
Sie waren auf der halben Welt. Fühlen Sie sich jetzt zu Hause?
Im Moment habe ich noch nicht genug Zeit, mein neues Leben in Schwäbisch Hall zu erleben. Aber allgemein ist Deutschland für mich zu ruhig, denn ich bin ein City-Girl. In meiner Heimatstadt leben fast drei Millionen Einwohner und es ist dort immer viel los. Das Leben dort ist bequem, aber auch sehr hektisch. Ich kann mich hingegen momentan in aller Ruhe auf die Vorlesungen am Campus Schwäbisch Hall vorbereiten.
Dabei ist es wahrscheinlich immer noch ungewöhnlich, dass Menschen aus anderen Kontinenten in Deutschland in Top-Jobs Fuß fassen?
Ja, genau. Das ist ein Thema, das mir absolut wichtig ist. Es ist wirklich nicht leicht, besonders für eingewanderte, gute ausgebildete Frauen, in Deutschland eine Firma zu finden, für die man arbeiten kann. Ich habe an einem Mentoring-Programm in Stuttgart teilgenommen und das bei der anschließenden Jobsuche selbst gemerkt. Es sind wirklich top ausgebildete Fachkräfte, die keinen Job finden. Mein Wunsch ist es, herauszufinden, woran es liegt. Ein Grund könnte in der Asymmetrie der Information liegen. Arbeitgeber wissen nicht genug über Bewerber und die Bewerber kennen die Arbeitgeber nicht gut genug. Ein weiterer Grund: Derzeit entwickelt sich der Arbeitsmarkt in Deutschland auch nicht mehr so gut.
Taiwan wird in Deutschland als ein Land wahrgenommen, das von China bedroht wird. Wie empfinden Sie das?
Es gibt eine politische und eine persönliche Ebene. Im Alltag haben die Menschen in Taiwan normale Kontakte zu China. Ich habe selbst Verwandte in Shanghai und viele meiner Freunde wohnen in China. Mit denen haben täglich Kontakt. Zwischen den Menschen gibt es gar nicht so einen großen Unterschied. Ich persönlich finde, die Chinesen sind sehr nett. Auch die Amtssprache in Taiwan ist Chinesisch. Der Unterschied ist etwa so groß wie das Deutsch, das in Österreich gesprochen wird zu dem Deutsch in Deutschland.
Ich war noch nie dort. Was ist besonders an Taiwan?
Nehmen wir zum Beispiel Künstliche Intelligenz. China ist sehr stark bezüglich der Entwicklung von KI. Aber wenn es um Hardware geht, ist Taiwan eine starke Kraft in der Welt. Dabei geht es nicht nur um die Chip-Produktion. Auch andere Technologien der KI-Infrastruktur zählen dazu, die von taiwanesischen Firmen produziert werden. Zum Beispiel habe ich heute Morgen in einer Nachricht auf Chinesisch gelesen, dass Donald Trump eine heimische Wertschöpfungskette für Roboter aufbauen will. Viele taiwanische Firmen werden davon profitieren, weil sie diese Hardware produzieren.
Viele Menschen in Deutschland, mich eingeschlossen, haben ein klischeehaftes Bild von Asiaten. Was ist dran?
Letztes Jahr war ich in Taiwan. Ich habe regelmäßig Einladungen von meinen Freunden bekommen: „Möchtest du zusammen essen oder möchtest du irgendetwas zusammen besuchen?“ Das ist dann alles ein bisschen hektisch. Wissenschaftlich betrachtet besteht in Deutschland eine individualistische Kultur. In Asien haben wir aber eine kollektivistische Kultur. Es herrscht ein viel höherer sozialer Druck. Dem kann man sich nicht einfach so entziehen.
Dennoch sind die Asiaten in der Regel so extrem höflich. Für mich passt das nicht mit dem Aufbau von sozialem Druck zusammen?
Deswegen hatte ich auch einen Reverse-Culture-Shock, also einen Kulturschock in der eigenen Heimat, als ich in Taiwan war. Ich habe einfach zu lange in Europa gelebt. Meine Familie denkt zum Beispiel, dass ich viel zu direkt bin.
Aha. Mir fällt da gerade etwas auf: Meine erste Frage bei dem Interviewtermin war ganz direkt nach Ihrem Alter. Sie haben gezögert. So offensiv würde man in Asien nicht fragen?
Nein. Bei Taiwanern und auch Chinesen gilt es sehr schlecht, so direkt zu fragen. Das gilt auch für alle Fragen, die mit Nein beantwortet werden müssen. Das Nein wäre ja ein Gesichtsverlust.
Okay, wir Deutschen sind schon manchmal zu direkt. Entschuldigung dafür. Die Asiaten reden eher drumherum?
Man wird kein direktes Nein bekommen. In Deutschland kann ich ein Thema direkt diskutieren, eine Meinung äußern. In Taiwan ist das schwer. Insbesondere gegenüber einem Chef. Wenn der Vorgesetzte sagt, dass etwas gemacht werden muss, wird es keinen Widerspruch geben. Es herrschen hierarchische Strukturen. Deswegen sind wir Taiwaner auch mit Arbeit überlastet. Dazu kommen die Sozialen Medien, in denen in Chatgruppen eine viel höhere Nachrichtenfrequenz herrscht als in Europa.
Kommen wir zu ihrem Fachgebiet. Was sind die neuesten Trends beim digitalen Marketing?
Ich denke, es gibt keine Software mehr für digitales Marketing, die ohne Künstliche Intelligenz auskommt. Aber laut Befragung in der Industrie, versuchen die meisten Firmen noch, die KI richtig zu begreifen und einzusetzen. Und diese Software entwickelt sich sehr schnell weiter. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich mich in den ersten drei Monaten am Campus Schwäbisch Hall voll auf meine neue Aufgabe konzentrieren kann. Doch ich musste feststellen, dass genau in dieser Zeit Gemini 3 herausgekommen ist und die Welt wieder anders aussieht. Ich halte Gemini momentan für weit besser als Chat GPT. Denn die KI Gemini nutzt die Google Inhalte und ein in Google gebildetes Ecosystem. Das alles ist als Basis viel besser als die etwas veraltete Grundlage für Chat GPT von Open AI.
Was wird mit der KI-Software in den Firmen für digitales Marketing gemacht?
Zum Beispiel, kommt sie bei der Herstellung von Marketing-Content zum Einsatz. Das sind aber alles sehr oberflächliche Ergebnisse. Man kann das aber als Grundlage benutzen. Oder eigene Ideen verbessern. Ich habe das selbst beispielweise für einen Kunden eingesetzt, der im Aluminiumguss arbeitet für einen Blog-Artikel über Aluminiumguss-Technik.
Gibt es auch Gefahren durch Künstliche Intelligenz?
Oh ja. Ich lade keine persönlichen Informationen hoch. Alles, was wir der KI-Software anbieten, nutzt sie als Trainingsmaterial für weitere Abfragen. Ich möchte nicht selbst zu Material werden, das die Maschine trainiert. Das gilt vermehrt auch für Fotos. Denn die Kreation von Fotos und Videos durch KI nimmt massiv zu.
Wie begeistern Sie ihre Studierenden für Betriebswirtschaft und Digitales Marketing?
Ich unterrichte viele Grundlagen. Es ist spannend, aktuelle Fragen zu stellen. Was passiert mit den Zöllen in den USA? Wir können gemeinsam mit den Studierenden besprechen, wer die am Ende bezahlen muss, nämlich die Konsumenten. Zum Beispiel ging es gerade gestern in Mikroökonomie über Preis und Kosten. Ich habe dieses Beispiel von BYD und Volkswagen ID.3 genommen. Wie viel kostet der günstigste BYD, also ein Modell des E-Autos Herstellers aus China in Deutschland?
Keine Ahnung. Wie viel?
18.000 Euro. Allein die Produktion des ID.3 kostet 23.000 Euro. Ich hoffe, die Zahlen stimmen. Ich habe diese Information aus dem Internet. Wenn chinesische Produkte so billig sind, dann werden am Ende die heimischen Firmen schließen. Es geht in der Vorlesung um die Grenze, ab der eine Firma schließen muss. Das ist eine ökonomische Theorie, die wir nutzen, um die Realität zu verstehen.
Es geht aber nicht nur um Fixkosten. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle – oder?
In Taiwan sind Volkswagen sehr beliebt. Interessanterweise kommen die Autos aber nicht aus China, wo Volkswagen Fabriken betreibt. Wegen der politischen Situation zwischen China und Taiwan geht das nicht. Früher hatte ich einen Lupo. Der kam aus einem Werk in Belgien und nicht aus China. Das Fachgebiet ist schon interessant. Viele Dinge können wir mit den ökonomischen Theorien und den International Business Theorien interpretieren.
Das Interview führen wir ja auf Deutsch. Sie sprechen die Sprache sehr gut. Unterrichten Sie auch auf Deutsch?
Ich möchte auch Vorlesungen auf Deutsch probieren. Aber die Hochschule ist natürlich sehr froh, jemanden gefunden zu haben, der seit Jahren auf Englisch unterrichtet, da sie sich weiter international ausrichten will. Ich bin auch sehr dankbar, das tun zu dürfen. Das klappt hier in Schwäbisch Hall aber wirklich sehr gut. Die Studierenden und Kollegen sind sehr nett. Ich bin froh, hier zu arbeiten.
Aus Asien nach Europa
Prof. Dr. En-Chi Chang kam in Taichung in Taiwan auf die Welt und ist dort aufgewachsen. Taichung ist eine Stadt mit knapp 3 Millionen Einwohnern, die auch als das Kalifornien von Taiwan gilt und wie viele Orte auf der asiatischen Insel an der Küste liegen. Taichung gilt außerdem als der Geburtsort des Bubble Teas und der Giant Fahrräder.
Sie studierte in Taiwan Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Marketing an der National Chengchi University. Es schlossen sich MBAs an der University of Birmingham und der National Chengchi University in Taiwan und ein PhD Studium an der University of Edinburgh an. En-Chi Chang promovierte und lehrte anschließend BWL.
Beruflich war sie unter anderem als Assistant Professor an renommierten Universitäten wie der Manchester Business School und University of Liverpool Online in Großbritannien, National Kaohsiung University of Science & Technology und National Changhua University of Education in Taiwan sowie als Market Researcher und Content Creator in der digitalen Marketingbranche tätig. Seit diesem Semester ist sie Professorin für Betriebswirtschaftslehre, mit Schwerpunkt Digitales Marketing am Campus Hall der Hochschule Heilbronn.
