Der Weg aus der Innenstadt führt steile Stufen nach oben, weil im maroden Treppenturm der Aufzug seit Monaten außer Betrieb ist. Zur Begrüßung wartet oben, auf der anderen Seite des Fußgängerüberwegs, altes Graffiti auf teils verfallenen Putzwänden. In der einstigen Schalterhalle im Bahngebäude nebenan gibt es weder Tickets noch Kaffee. Am Bahnsteig stehen wenigstens Automaten. An einem Ende, im he­runtergekommenen Fahrradabstellbereich mit herausgerissenen Ständern, riecht es übel nach Urin. Kot liegt in der Ecke. So also werden in Hall Bahnreisende empfangen und verabschiedet.

Schwäbisch Hall

Iris Baumann-Müller aus Hall schrieb kürzlich in einem Leserbrief, dass „Pissecke“ den maroden Zustand am Fahrradabstellplatz besser umschreibt. „Es ist allgemein bekannt, dass heruntergekommene Ecken Vandalismus geradezu anziehen.“ Sie kann ein Lied davon singen – ihr eigenes Rad wurde dort beschädigt.
Eine andere Leserin, Manuela Kindermann, berichtet, dass sie vor einer Zugreise ihr Rad ebenfalls dort abschließen wollte. „An diesem Morgen stand ein Mann dort in der Ecke und packte gerade seinen Penis ein. Eine Pfütze breitete sich vor seinen Füßen aus.“ Kindermann hätte keine Zeit gehabt, der „Peinlichkeit aus dem Weg zu gehen“. Auch ihr Rad sei später von einem Vandalen beschädigt worden.

Keine Toiletten am Bahnhof

Zumindest für die Urin-Problematik hat Hans Graef, der seit 2013 Mieter der einstigen Schalterhalle ist und diese mit Kunst belebt, eine Erklärung: „Es gibt am Bahnhof kein WC und oft in den Zügen auch nicht.“ Wann immer seine Galerie geöffnet habe, kämen Reisende auf der Suche nach einem stillen Örtchen he­rein. Täglich stiegen Hunderte Personen am Bahnhof ein und aus, „die sich wundern über den heruntergekommenen Zustand“. Manche bezeichneten den Ort gar als Schandfleck. Dabei sei der Bahnhof für viele der erste, für andere der letzte Eindruck „von unserer schönen Kulturstadt“.
Graef und die beiden Hallerinnen wünschen sich, dass reagiert wird – noch vor der geplanten Umgestaltung des Areals. Denn dies kann noch eine Weile dauern. Müsse man es den Bahnkunden also so lange „unnötig schwer machen?“, fragt Iris Baumann-Müller. Manuela Kindermann ergänzt, dass ihr die Kontroversen um die Zuständigkeiten an den Bahnhöfen in Hall bewusst seien. Um weiterhin öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen und diese auch attraktiv für andere zu machen, müssten aber die Rahmenbedingungen stimmen.

Schwäbisch Hall

Graef schlägt eine Zwischenlösung vor. Mit überschaubarem Aufwand sollen Schalterhalle und Toiletten saniert und der Kiosk so weit instand gesetzt werden, dass er betriebsfähig wird. Sein Ziel ist ein Low-Budget-Konzept mit Getränken, Wärmeraum im Winter und kleinen Snacks bei ehrenamtlichem Betrieb. Doch wer ist nun verantwortlich für das Gelände? Bahn-Sprecherin Luise Gunga teilt auf Nachfrage mit, dass Gebäude und Flächen längst an die Stadt verkauft wurden. „Der DB gehört nur noch der Bahnsteig, den wir 2013 komplett neu gebaut haben.“ Franziska Hof, Sprecherin der Stadt, teilt mit, dass die Kritikpunkte bekannt seien. Aktuell beschäftige sich die Verwaltung intensiv damit, „das Bahnhofsareal auf Grundlage des Siegerentwurfs des städtebaulichen Wettbewerbs zu planen“. Dies beinhalte „selbstverständlich auch das Bahnhofsgebäude sowie das umliegende Gelände“. Es gebe Gespräche mit Interessenten, um ein Nutzungskonzept zu entwickeln. Eine Klärung zeichne sich für 2019 ab. Investitionen in eine Zwischennutzung seien aus „städtischer Sicht wenig wirtschaftlich“.

Treppenturm wird saniert

Das heißt, Bahnreisende müssen sich vorerst weiter mit der Situation abfinden – mit Ausnahme am Treppenturm. Die angrenzende Arbeitsagentur plant eine Sanierung. Die Stadt will in diesem Zuge auf eigene Kosten einen neuen Aufzug einbauen lassen.
Daneben bleiben aber auch die Probleme am Bahnhof Hessental ungelöst, der einst wie die Haller Anlage von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu einem der hässlichsten Bahnhöfe Deutschlands gekürt wurde. Auch dort ist der Zerfall seit Jahrzehnten sichtbar. Es gibt keinen barrierefreien Übergang zu den Gleisen 2 und 3 in Richtung Stuttgart und Nürnberg. Auch gibt es für Reisende keine offizielle Möglichkeit, sich zu erleichtern. Daran wird sich aus Sicht der Bahn auch nichts ändern. Sprecherin Gunga verweist auf einen laufenden Verkaufsprozess für Gebäude und Areal. Die Bahn hatte bereits erklärt, dass der Kommune ein Vorkaufsrecht eingeräumt wird.

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Dass die Stadt das Objekt haben will, ist seit 2017 klar. „Derzeit liegt leider noch keine abschließende Rückmeldung von der DB Immobilien vor“, sagt Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim über das Kaufangebot. Die Verwaltung hoffe, das Gebäude „gemeinsam mit der Bahn zu entwickeln“. Der OB schöpft Hoffnung, dass durch die jüngste Aufnahme der Murrbahn in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans die Chancen steigen, dass das Areal in Hessental in das aus städtischer Sicht längst überfällige Bahnhofsmodernisierungsprogramm des Landes aufgenommen wird.