Hall im Nationalsozialismus: Hakenkreuzfahne an St. Michael

Nationalsozialistische Kundgebung vor dem Haller Rathaus zum 1. Mai, wahrscheinlich 1936.
StadtarchivDie Inflation frisst Gehälter, Ersparnisse und Renten auf. Die Mittelschicht droht zu verarmen. Das war 1923. Dann trifft die Weltwirtschaftskrise acht Jahre später auch die Haller Wirtschaft hart. Betriebe gehen bankrott, die Arbeitslosigkeit im Städtchen am Kocher erreicht 20 Prozent und mehr. Viele Menschen verlieren das Vertrauen. Davon profitieren die entschlossenen Feinde der Republik. Adolf Hitler greift zur Macht und bekommt sie.
Inflation, Wirtschaftskrise, Unzufriedenheit - ist in der Entwicklung von vor rund 100 Jahren eine Parallele zu heute zu erkennen? „Nein“, sagt Daniel Stihler. Es gebe erhebliche Unterschiede, betont der Stadtarchivar am Mittwochabend im Haller Haus der Bildung vor etwa 40 Zuhörerinnen und Zuhörern.
Damals ging in Hall ein Rechtsruck auch durch die bürgerlichen unpolitischen Vereine. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) fand Gehör bei Bildungsbürgern, bei Kaufleuten, Lehrern, Anwälten, Ärzten … Einen Wahlaufruf zugunsten der Nationalsozialisten in Hall unterzeichneten die pensionierten Offiziere Ruoff und Schröter, die Rechtsanwälte Schust und Bazlen, der Bezirksnotar Laux, der Buchhändler Helmreich, etliche Ärzte, darunter der Diak-Chefarzt Dr. Max. Nicht zuletzt bewertete die evangelische Kirche den Nationalsozialismus positiv bis euphorisch. An der stolzen Stadtkirche von St. Michael flatterte die Hakenkreuzfahne.
Anderes ist ebenso schwer zu ertragen, aber seriöse recherchiert: Professor Christian Mergenthaler von der Oberschule für Jungen galt als Kopf der Haller NSDAP-Gruppe. Stadtpfarrer Dr. Albert Zink feierte in einer Predigt Adolf Hitler als einen „säkularen Messias“ und „Gnadengeschenk an die Nation“. Friedrich Schust, Vorsitzender von Halls größtem Sportverein, der Turngemeinde, wurde 1931 Mitglied der NSDAP.
Auch heute erstarken rechte politische Gruppierungen, doch von der damaligen Entwicklung mit ihrer breiten Durchdringungen, gerade auch bei scheinbar ehrbaren Bürgern, sei man weit entfernt, machte Daniel Stihler an diesem Abend deutlich. Vieles könne er in seinem Vortrag nur anreißen, entschuldigt sich der Stadtarchivar. Dennoch: Für sein Referat hat er eine Fülle von erschaudernden Fakten und Vorkommnissen zusammengetragen. Er ordnet diese sehr anschaulich ein.
Selbstbereicherung und Vetternwirtschaft war charakteristisch für das NS-System. Haller machten in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Sparkassendirektor Johannes Uebele habe zusammen mit seinem Vorgesetzten, Landrat Dr. Arthur Schicker, bedenkenlos die Zwangslage des jüdischen Kaufmanns Jakok Würzburger ausgenutzt, um billig an dessen Geschäftshaus zu kommen, erzählt Daniel Stihler.
Institutionen und Menschen in der Stadt haben nach der Machtergreifung mehr und mehr ihre Selbstständigkeit verloren. Die Deutsche Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 machte Hall zu einem Vollzugsorgan des NS-Staats. „Der Gemeinderat war keine Vertretung der Bürgerschaft mehr, sondern der Partei“, verdeutlichte Daniel Stihler.
Die Sieder wurden unter Zwang zu einer Volkstanzgruppe der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude, aus dem traditionsreichen Pfingstfest wurde eine touristische Großveranstaltung.
Der Gleichschaltung kam der Arbeitergesangverein Sängerlust zuvor. Er setzte sein Vereinsvermögen in Bier und Vesper um, löste sich dann auf.
40 aus Hall stammende Menschen jüdischen Glaubens wurden in der Shoah (hebräisch, steht für Untergang) ermordet. Nationalsozialisten steckten die Steinbacher Synagoge in Brand und zerstörten den jüdischen Betsaal in der Oberen Herrngasse. Fünf jüdische Betriebe wurden den Besitzern genommen und an Deutsche gegeben, zwölf weitere geschlossen. Juden wurden gezwungen, ihre Häuser zu verkaufen. Die Nazis vernichteten Existenzen.
1943 leisteten 1800 Haller Kriegsdienst. 650 Soldaten aus Hall, Steinbach und Hessental kamen nicht aus dem Krieg zurück. Am 23. Februar 1945 griffen US-Bomber Hall aus der Luft an. Dabei wurden etwa 50 Menschen getötet, zahlreiche Gebäude nahe des Bahnhofs zerstört.
Aus Angst vor der Roten Armee diskutierten Haller Bürger den Selbstmord und ob man auch die Kinder töten sollte, ist in den Aufzeichnungen nachzulesen. Am 2. April 1945 wurden die Soldaten Otto Küstner und Gottlieb Rüter zwischen Hall und Steinbach erhängt, angeblich, weil sie desertierten. In Bibersfeld wurde ein Bauer hinterrücks erschossen, weil er die weiße Fahne gehisst hatte.
Verteidigt wurde Hall so gut wie nicht. Bürgermeister Prinzing sagte angeblich: Er denke nicht daran, die Stadt zu verteidigen, da jeder Widerstand zwecklos sei.
Am 17. April 1945 um 15 Uhr übergab der Polizeimeister Johannes Dahm Hall an einen US-Offizier.
Viele Tote im KZ und in der Diakonissenanstalt
800 polnische Juden, die die Selektion an der Rampe in Auschwitz überlebt hatten, kamen ins Konzentrationslager Hessental. Sie behoben Bombenschäden am Fliegerhorst, waren billige Arbeitskräfte für die Reichsbahn und wurden an private Auftraggeber verliehen. Die Zwangsarbeiter litten an Unterernährung, ihre Gefangenschaft zielte auf Vernichtung durch Arbeit ab. 182 überlebten nicht. Beim Todesmarsch in Richtung Osten starben weitere 150 bis 200 Häftlinge, berichtet Daniel Stihler.
„Die nationalsozialistische Rassenideologie richtete sich auch gegen psychisch Kranke, Behinderte und andere Menschen, die angeblich minderwertig waren“, erklärt Stadtarchivar Daniel Stihler. 173 behinderte Menschen aus der Haller Diakonissenanstalt wurden in den Jahren 1940 und 1941 in den Lagern Grafeneck und Hadamar getötet.
Die Haller Verlegerfamilie Schwend hatte während der NS-Diktatur auf Druck der Kreisleitung die Mehrheit am Haller Tagblatt an die NS-Presse Württemberg abgetreten. Der HT-Schriftleiter Schwerdtfeger schrieb im HT: „Der Traum der deutschen Idealisten ist zur Wirklichkeit geworden, zur schönsten, beglückenden Wirklichkeit: Die deutschen Menschen sind in ihrer erdrückenden Mehrheit sich eines geworden über den zu gehenden Weg, der aus dem dunklen Tal hinaufführt in die lichten Höhen.“ just
