Geschichte von Schwäbisch Hall: Staumauer sollte komplettes Tal unter Wasser setzen

Rechts auf der Karte Wielandsweiler ganz links am Stausee (blaue Fläche) die Hammerschmiede: Ulrich Bürk aus Wielandweiler hat Zeitungsausschnitte zum einst geplanten Stausee gesammelt.
Tobias Würth- Geplante Talsperre bei Wielandsweiler: 38 Meter hoch, See 4,5 Kilometer lang und 500 Meter breit.
- Ziel war die Trinkwasserversorgung für Heilbronn, nicht für Schwäbisch Hall.
- In den frühen 1960er-Jahren gab es Bohrungen, Rodungen und Baracken – das Projekt wurde gestoppt.
- Zwölf Familien wären betroffen gewesen, drei Mühlen im Rottal wären untergegangen.
- Heilbronn wurde später an die Bodenseewasserversorgung angeschlossen – das Projekt blieb in den Akten.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Als Ingenieure, Biologen und Bauarbeiter ins Dorf kamen, schwante den Bewohnern langsam etwas. Arbeiter sägten in den frühen 1960er-Jahren ein Waldstück im idyllischen Rottal um. Riesige Maschinen drehten ihre Bohrer bis zu 80 Meter in die Tiefe.
Nicht einmal der Bürgermeister vom einst noch eigenständigen Bibersfeld, zu dem Wielandsweiler gehört, wurde frühzeitig informiert. Die Bevölkerung zu fragen, sei damals unüblich gewesen, meint Ulrich Bürk (72). Der Elektromeister im Ruhestand wohnt mit seiner Familie im letzten Haus am Ortausgang Richtung Hall. Das halbe Dorf hätte auf eine Mauer starren müssen, wären die Pläne nicht aus wirtschaftlichen Gründen gestoppt worden.
Holzhütten als Vorboten
„Da sind Baracken gebaut worden. In Richtung Scherbenmühle standen die“, erinnert sich Ulrich Bürk, der damals noch ein kleiner Junge war. Eine gigantische Bohrmaschine aus der Bergbauregion Oberhausen sei angerückt. Der Untergrund wurde für den Staudamm untersucht. „Das haben die sehr ausführlich gemacht“, sagt Bürk. Er erinnert sich, dass rund 40 bis 50 Personen drei bis vier Jahre lang in wechselnder Besatzung und Zahl im Ort waren. „Meine Mutter hat in meinem Elternhaus Zimmer vermietet. Ein Biologe aus Stuttgart war lange Zeit dort.“ Kurios für die Dorfbewohner: Ein Mensch mit dunkler Haut sorgte für Aufsehen. Besonders auch mit seinem BMW-Motorrad samt spektakulärem Zweizylinder-Boxermotor zog er die Blicke auf sich.
Die Absicht, eine Mauer zu bauen
Auch in den örtlichen Kneipen fielen die Arbeiter auf. Ein besonders rauer Bursche ließ sich mehrere Biere bezahlen und vollzog dann sein Kunststück. Mit den Zähnen biss er in eine Lehne, hob den Stuhl allein mit dem Mund vom Boden ab und balancierte ihn dann über seinem Kopf. Bürk schüttelt heute noch mit dem Kopf, wenn er an diese schmerzhafte Kraftdemonstration denkt.
Doch es ging auch romantisch zu. Ein Arbeiter verliebte sich in eine Schönheit aus dem ländlichen Rottal. Sie heirateten, lebten lange Jahre gemeinsam in Wielandsweiler. Beide seien allerdings mittlerweile tot.

Die Schriftzüge Traubenmühle und Scherbenmühle hätte man nach dem Staumauerbau an dieser Stelle entfernen müssen.
Tobias WürthDas staatliche Wasserwirtschaftsamt plante den Bau einer Talsperre. 38 Meter hoch, 500 Meter breit: Die Staumauer westlich von Wielandsweiler, in etwa auf Höhe des Buchhofs, hätte eine Wasserfläche von 4,5 Kilometer Länge und bis zu 500 Meter Breite aufgestaut. Zwei Becken waren geplant, getrennt durch eine zweite, kleinere Mauer. 23 Millionen Kubikmeter Wasser hätten den idyllisch mäandernden Flusslauf, Felder und vor allem auch Häuser verschwinden lassen. Die Hammerschmiede kurz vor Liemersbach hätte wohl gerade noch so bleiben können. Doch für drei Mühlen im Rottal wäre der Stausee das Ende gewesen. Zwölf Familien hätten ihre Heimat verloren, geht aus einem Schwarz-Weiß-Film von damals hervor. Der Abendschaubericht vom 25. Juni 1963 ist noch in der ARD-Mediathek abrufbar (in der ARD-Mediathek in der Suchfunktion das Wort „Wielandsweiler“ eingeben).
So verrückt es heute klingt, ein ganzes Tal unter Wasser zu setzen, so normal war das damals. Die Abendschau berichtet über viele Stauseen, die touristische Anziehungspunkte geworden sind. Ob Nagoldstausee, Schwarzenbachtalsperre oder Schluchsee: Viele von ihnen liegen im Schwarzwald. Doch das Baden im See des „Projekts Wielandsweiler“ wäre verboten gewesen.
Der See nahe des heutigen Teilorts von Hall wäre gigantisch gewesen. Die Fläche des Starkholzbacher Sees: Im Vergleich dazu ein Tropfen. Die Wassermasse des Gnadentaler Stausee – eine Pfütze.
Zehnmal so viel Wasser
Der zumindest in etwa vergleichbare Breitenauer See misst 1,5 Kilometer und wäre damit im Längenmaß immer noch dreimal kleiner gewesen als das dann aufgestaute Rottal. Der See bei Wielandweiler hätte durch seine Tiefe zehnmal mehr Wasser aufgestaut als der Breitenauer See.
So absurd der Verlust des idyllischen Ausflugsziels, das heute kurioserweise noch ein Geheimtipp ist, erscheint. So konkret waren die Pläne. Bereits 1952 tauchten sie in den oberen Verwaltungsebenen auf. Ab etwa 1960 wurde es greifbarer. Denn Nordwürttemberg hatte ein Problem. Wassermangel.
Die Nachkriegsbevölkerung wuchs. Innerhalb von zehn Jahren stieg der Tagesverbrauch pro Kopf um 30 auf 190 Liter an, steht in einem Artikel der Stuttgarter Nachrichten vom 15. Juni 1963. Eine weitere Steigerung sei zu erwarten, da im ländlichen Raum nur 40 Prozent der Wohnungen über eine Wasserspülung verfügten. Kurioserweise ist der Wasserverbrauch durch ein erhöhtes Umweltbewusstsein und effizientere Geräte ab den 1990er-Jahren wieder gesunken und liegt heute bei 130 Liter.
Autowaschen verboten
Doch damals schildert der Reporter des Abendschau den Wassermangel mit dramatischen Worten. In Gaildorf müsse das Trinkwasser direkt aus dem Kocher entnommen werden und sei nicht besonders rein. In heißen Sommern wurde die Autowäsche eingeschränkt. Während fast alle Großstädte gut an überörtliche Wassernetze angeschlossen seien, fehle es in Heilbronn am kühlenden Nass. Dafür sollte eine Leitung aus dem Mainhardter Wald in die Kätchenstadt verlegt werden und eben das „Projekt Wielandweiler“ als sicherer Trinkwasserspeicher dienen. Von der Nutzung des Stausees als Energieprojekt ist nicht die Rede, schließlich ist dabei auch nicht mit einer großen Schüttmenge der Zuflüsse zu rechnen.
Die Mauer muss weg
„Man zwingt die zu Vertreibenden zuzusehen, wie ihre Heimat und ihre Lebensarbeit in den Fluten versinkt, damit an irgendeiner anderen Stelle unseres Landes genügend Badewasser vorhanden ist“, schreibt der Hauptbetroffene – ein Sägewerksbetreiber. Der Leserbrief ist nur mit den Initialen „K.H.,O.“ unterzeichnet. Die Menschen in Wielandsweiler werden gewusst haben, wer es ist. „Kein Staudamm ist für die Ewigkeit gebaut“, schreibt er. Alle Bewohner der Ortschaften weiter unten müssten dauerhaft in Angst und Schrecken leben. Er verweist auf ein Unglück im französischen Fréjus, das 400 Menschen betroffen hätte.

Der geplante Stausee bei Wielandsweiler hätte Wasser für Heilbronn und nicht etwas für Hall geliefert. Die schwarzen Linien stellen die Wasserleitungen dar.
Abendschau des Süddeutschen RundfunksDer Tenor des Zeitgeistes war ein anderer. Im Abendschaubericht mahnt der Journalist am Ende an, dass doch bitte die Vernunft – für eine sichere Wasserversorgung – siegen sollte. Auch die Redaktion des Mainhardter Wald Boten distanziert sich etwas zu ausdrücklich von dem Leserbriefschreiber. Bis zu 20 Jahre würde die Realisierung eines Staudammprojektes dauern. Es bestehe also Handlungsbedarf, für die Zukunft vorzusorgen, lautet die Stoßrichtung.
Doch so schnell der Spuk im beschaulichen Wielandsweiler erschien. So schnell war er wieder verschwunden. „Der eigens dafür gerodete Wald ist wieder zugewachsen. Man sieht nichts mehr“, hat Bürk bemerkt. Die Baracken wurden abgebaut. Es wäre eine Katastrophe gewesen, diesen schönen Fleck Erde zu opfern, meint Bürk.
Eine andere, kostengünstigere Lösung, bot sich an. Die Stadt Heilbronn wurde im Jahr 1971 an die Bodenseewasserversorgung angeschlossen. Das ging dann eben doch über lange Rohrleitungen. Sie bezieht 80 Prozent des Wassers aus dem Schwäbischen Meer. Die wohl letzte amtliche Erwähnung des Projekts stammt aus dem Jahr 1987. In der Antwort auf eine Anfrage schreibt die Landesregierung über den Staudamm: „Die Notwendigkeit der Realisierung dieser Projekte ist derzeit noch nicht gegeben.“ Immerhin waren die Pläne für die Flutung des Rottals im Jahr 1987 immer noch in den Schubladen der „vorausschauenden“ Planer in Stuttgart, wo sie vielleicht immer noch liegen?