Feuerwehr-Magazin Brandaktuell
: Halt geben in Stunden größter Not

Die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) im Landkreis wurde neu geordnet. Fast 50 Ehrenamtliche betreuen Angehörige und Einsatzkräfte in akuten Krisen.
Von
Eileen Schirle
Landkreis
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Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) Landkreis Schwäbisch Hall

Die PSNV-Ehrenamtlichen tragen lilafarbene Einsatzkleidung, damit sie am Unglücksort schnell von den anderen Helfern wie Feuerwehr oder Polizei zu unterscheiden sind.

privat
  • Psychosoziale Notfallversorgung im Landkreis Schwäbisch Hall neu geordnet.
  • 50 Ehrenamtliche betreuen Angehörige und Einsatzkräfte in Krisen.
  • Seit Februar 2025 offizielle Arbeitsgemeinschaft PSNV, viele Hilfsorganisationen beteiligt.
  • Einzigartiges System bundesweit, verschiedene Institutionen arbeiten zusammen.
  • Ehrenamtliche gesucht, Grundausbildung erforderlich.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wenn Feuerwehrleute, Polizisten und Sanitäter zu Einsätzen gerufen werden, kümmern sie sich vor Ort um das Offensichtliche. Sie versorgen Verletzte, retten Menschen aus Notlagen, löschen Brände und sperren die Einsatzstelle ab. Daneben stehen oftmals Menschen, die oberflächlich nicht verletzt zu sein scheinen – sehr wohl aber verletzt sind. Sie wurden gerade Augenzeugen eines schweren Unfalls, haben einen geliebten Menschen verloren oder müssen mitansehen, wie ihr Zuhause in Flammen aufgeht. Für diese Menschen gibt es keine klassische Erste Hilfe – dafür aber „Erste Hilfe für die Seele“. Geleistet wird diese von Ehrenamtlichen der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) im Landkreis Schwäbisch Hall. Sie werden zu Notfällen gerufen und kümmern sich um Geschädigte, Angehörige, Augenzeugen und Einsatzkräfte.

Seit 1999 gibt es im Landkreis eine Notfallseelsorge, anfangs ausschließlich von der evangelischen und der katholischen Kirche angeboten. Als im Juni 2003 bei Schrozberg zwei Regionalzüge frontal zusammen stießen, waren die Seelsorger ebenfalls vor Ort, kamen aber schnell an ihre Kapazitätsgrenzen. Bei dem Unglück starben sechs Menschen – eine Mutter mit drei Kindern und die beiden Lokführer. Für die Kirchen war klar: Für Großschadenslagen sind sie nicht ausreichend gewappnet. 2006 bitten sie deshalb die örtlichen Hilfsorganisationen um Hilfe, das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) steigen mit ein.

Einheitliche Standards

Seit 2010 bilden die Notfallseelsorge der Kirchen und die Hilfsorganisationen eine Gruppe. War anfangs noch alles unstrukturiert, wurde 2012 erstmals ein gemeinsames Konsensuspapier des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe erstellt, das bundeseinheitliche Qualitätsstandards und Leitlinien für die PSNV vorgab. Das verhalf auch der Gruppe im Landkreis zu einer besseren Gliederung: Ein Förderverein wurde gegründet, einheitliche Einsatzkleidung beschafft und ein Alarmplan erarbeitet.

Seit 2020 erarbeiten die Beteiligten eine Vereinbarung für eine Arbeitsgemeinschaft (AG) PSNV. Diese soll der Zusammenarbeit ganz offizielle Strukturen geben, nicht zuletzt durch die Einführung einer Koordinierungsstelle PSNV beim Landratsamt Schwäbisch Hall. Im Februar 2025 wurde die Vereinbarung für die AG PSNV offiziell durch alle Mitglieder unterzeichnet.

Der Arbeitsgemeinschaft PSNV Schwäbisch Hall gehören an:

Evangelische Dekanate Schwäbisch Hall-Gaildorf, Crailsheim-Blaufelden

Katholisches Dekanat Schwäbisch Hall

Arbeiter-Samariter-Bund Region Schwäbisch Hall

Deutsches Rotes Kreuz, Kreisverband Schwäbisch Hall-Crailsheim

Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft Bezirk Schwäbisch Hall

Feuerwehren des Landkreises (vertreten durch den KFV)

THW Ortsverband Schwäbisch Hall

Sprecher der Arbeitsgemeinschaft ist Karl-Eugen Altdörfer. Der ehemalige Lehrer und Rektor ist Vorsitzender des Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Region Schwäbisch Hall, stellvertretender Landesvorsitzender des ASB Baden-Württemberg und seit Jahren für die PSNV ehrenamtlich tätig. „Durch die Gründung der Arbeitsgemeinschaft hat sich für unsere Arbeit in der PSNV nichts verändert. Die AG ist vielmehr das Bindeglied im Hintergrund, hier laufen geordnet alle Fäden zusammen. Durch die neue Vereinbarung gibt es jetzt klare Zuständigkeiten und Rechtsverbindlichkeit“, erläutert er.

Zur AG PSNV gehören die evangelische und katholische Kirche, der ASB, das DRK, die DLRG, das THW und die Feuerwehren im Landkreis. Sie alle sind schon seit Jahren Teil der PSNV. Dass so viele unterschiedliche Hilfsorganisationen und die kirchlichen Institutionen zusammenarbeiten, Ehrenamtliche finden, ausbilden und gemeinsam in den Einsatz schicken, ist durchaus besonders. „Meines Wissens ist unser System bundesweit einmalig“, macht Altdörfer deutlich. Anderswo sei es üblich, dass eine einzelne Hilfsorganisation die Psychosoziale Notfallversorgung für eine Region allein übernimmt oder sich die Arbeit mit anderen teilt – dann aber strikt tage- oder wochenweise aufgeteilt. Eine Zusammenarbeit wie im Landkreis Schwäbisch Hall ist deshalb einzigartig. „Bei uns ist es egal, woher jemand kommt: Kirche, ASB, DRK, Feuerwehr. Wir bilden zusammen eine neue Gemeinschaft, wir wollen einfach Menschen helfen. Die Ehrenamtlichen machen es wegen der Sache“, ist der Sprecher der Arbeitsgruppe überzeugt.

Einsatz von außen gesteuert

Aktuell gehören 18 Ehrenamtliche sowie circa 30 Pfarrer – die den Dienst aber auch ehrenamtlich machen, wie Altdörfer betont – der PSNV an. Neun der Einsatzkräfte kommen von den Feuerwehren. Eine von ihnen ist Gudrun Reichelt aus Satteldorf. Sie ist schon seit vielen Jahren in der PSNV aktiv, hat neben der Grundausbildung auch zahlreiche Fortbildungen absolviert und ist auch für Auslandseinsätze qualifiziert. Sie ist eine der sogenannten „Köpfe“, die die Einsätze der PSNV-Ehrenamtlichen koordinieren. „Wir werden über die Integrierte Leitstelle alarmiert. Oftmals sind es Polizeibeamte oder Feuerwehrkommandanten, die den Verantwortlichen in der Leitstelle mitteilen, dass es am Einsatzort Angehörige oder Augenzeugen gibt, die eine Betreuung benötigen“, erzählt die 61-Jährige. Der „Kopf“, der zu diesem Zeitpunkt zuständig ist, bekommt alle Infos zum Einsatz von der Leitstelle mitgeteilt und telefoniert die Ehrenamtlichen ab. „Wir von der PSNV sind, genau wie Feuerwehrleute, freiwillig im Dienst und haben ganz normale Jobs. Ich als Kopf muss also mit den einzelnen Leuten sprechen und fragen, wer sich von anderen Tätigkeiten loseisen kann und vor allem: Wer fühlt sich gerade in der Lage zum Einsatz zu gehen?“, sagt Reichelt. Denn für die Ehrenamtlichen gilt: Auch ein „Nein“ ist in Ordnung.

Gudrun Reichelt, Kurt-Eugen Altdörfer, PSNV

Gudrun Reichelt und Kurt-Eugen Altdörfer engagieren sich seit Jahren bei der PSNV im Landkreis.

Eileen Schirle

Im Normalfall wird ein Tandem zum Einsatz geschickt. Ist vorab abzusehen, dass viele Menschen betreut werden müssen, sind es auch mehr. „Wir haben aber natürlich auch die Möglichkeit, nachzusteuern. Denn oft sieht man erst am Einsatzort, wie die Lage wirklich ist“, merkt Karl-Eugen Altdörfer an. Die Alarmierung geht im Übrigen auch über den Landkreis hinaus, vor allem bei Großschadenslagen sind die Ehrenamtlichen auch landes-, teilweise bundesweit im Einsatz.

Kuscheltier zur Ablenkung

Am Notfall- beziehungsweise Unglücksort angekommen, verschaffen sich die PSNV-Leute einen Überblick und sprechen bei Bedarf mit Polizisten und Feuerwehrleuten. Durch ihre lilafarbenen Westen und Jacken mit der Aufschrift „PSNV“ sind sie klar erkennbar. Die Ehrenamtlichen gehen dann gezielt auf Geschädigte, Angehörige und Augenzeugen zu. „Für unsere Einsätze gibt es keine Blaupause. Jeder Einsatz ist anders, jeder Mensch ist anders. Manchmal sind die Personen ganz offen, erzählen gleich, wie sie sich fühlen. Andere wiederum möchten gar nicht reden. Dann schweigen wir auch einfach gemeinsam, trösten und halten die Hand“, erklärt Gudrun Reichelt.

Jeder Ehrenamtliche hat einen Rucksack dabei. Darin befinden sich Wasserflaschen, Decken, ein Kuscheltier, Malutensilien oder eine Taschenlampe. „Keine Medikamente“, betont Karl-Eugen Altdörfer. Die Materialien helfen dabei, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, ihnen Sicherheit zu geben. Und gerade wenn Kinder unter den Angehörigen oder Augenzeugen sind, hilft vor allem Ablenkung – also malen oder spielen. Die Ehrenamtlichen im Einsatz halten ständig Kontakt zum Kopf, der den Einsatz von außen managt. Sie melden ihm zurück, wie die aktuelle Lage ist. „Der Kopf kümmert sich zum Beispiel auch darum, einen sicheren Raum für die Betreuung zu finden oder organisiert bei Bedarf einen Dolmetscher“, weiß Reichelt. Nach circa vier Stunden sollte der Einsatz beendet sein oder die Ehrenamtlichen werden abgelöst. Denn auch für sie sind die Gespräche extrem fordernd.

Ehrenamtliche gesucht: Das sind die Vorausetzungen

Die PSNV im Landkreis ist weiter auf der Suche nach Verstärkung. Wer Teil des Teams werden möchte, muss aber einige persönliche Voraussetzungen mitbringen:

Abgeschlossene Berufsausbildung, abgeschlossenes 23. Lebensjahr, Mitglied in einer der Hilfsorganisationen oder Institutionen der Arbeitsgemeinschaft PSNV, Teamfähigkeit, Authentisches Auftreten, erkennen von eigenen Belastungsgrenzen, Beherrschung der aktiven Eigenfürsorge, persönliche Krisen müssen „abgeschlossen“ und gut aufgearbeitet sein, politisch und konfessionell neutral

Außerdem müssen potenzielle PSNV-Ehrenamtliche empathisch sein, wie Karl-Eugen Altdörfer betont – „aber kein Mitleid haben.“

Wer sich die Aufgabe zutraut, muss zudem die Grundausbildung in der Psychosozialen Notfallversorgung absolvieren, diese dauert rund eineinhalb Jahre. Der Kurs kann entweder bei der DRK-Landesschule in Pfalzgrafenweiler oder bei der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal absolviert werden. Während dieser Zeit gibt es immer wieder kleine Prüfungen und Hospitationsphasen. Im Seminar werden vor allem Kommunikationstraining sowie Gesprächs- und Deeskalationsstrategien vermittelt. In Rollenspielen werden Beispielsituationen dargestellt und gelöst.

Gespräche mit Einsatzkräften

Die PSNV betreut nicht nur Opfer oder Augenzeugen, sondern auch Einsatzkräfte. Wenn diese nach getaner Arbeit ein Gespräch wünschen, unterhalten sich die Ehrenamtlichen mit ihnen. „In diesen Gesprächen wird oft hinterfragt. Habe ich alles richtig gemacht? Hätten wir anders handeln sollen?“, berichtet Gudrun Reichelt. Oftmals werden sich die Feuerwehrleute oder Polizisten aber auch erst hinterher bewusst, welcher Gefahr sie beim Einsatz ausgesetzt waren. Auch das wird in den Gesprächen mit der PSNV evaluiert. Die Ehrenamtlichen können Menschen, egal ob Einsatzkraft, Opfer oder Angehöriger, nur in akuten, psychischen Ausnahmesituationen helfen und betreuen. „Das heißt, wir werden nur bei Not- und Unglücksfällen eingesetzt. Die spätere Aufarbeitung und Traumabewältigung kann nur ein Psychologe übernehmen“, erklärt die Satteldorferin.

Wie unterschiedlich die Einsätze der Ehrenamtlichen aussehen können, hat das Jahr 2024 gezeigt. 114 Mal wurde die PSNV alarmiert. „Besonders in Erinnerung bleibt mir der Einsatz in Rudersberg, das im Juni besonders schwer vom Hochwasser betroffen war. Und auch bei der Fußball-EM in Stuttgart waren wir mit dabei. Hier standen wir glücklicherweise nur auf Abruf bereit, einen Einsatz gab es nicht“, erzählt Altdörfer.

Alarm in Mannheim

Auch 2025 war die PSNV bereits über 20 Mal gefordert, unter anderem am Rosenmontag in Mannheim. Hier raste ein Angreifer mit einem Auto durch die Fußgängerzone und tötete zwei Menschen. Die Ehrenamtlichen aus dem Landkreis Hall waren für die Betreuung der Einsatzkräfte zuständig. „Das waren schon eindrückliche Gespräche.“ Die Erlebnisse verarbeiten die Helfer selbst, indem sie sich mit Kollegen austauschen. Außerdem ist eine jährliche Supervision durch einen Psychologen für die Einsatzkräfte verpflichtend. „Das hilft uns, mit den Einsätzen abzuschließen und wieder frisch für Neues zu sein. Denn nur, wenn wir fit und bereit sind, können wir den Menschen in akuten Notsituationen auch weiterhelfen“, schließt Altdörfer.

Alles Infos über das Magazin „Brandaktuell“

Einmal im Jahr erstellt der Kreisfeuerwehrverband Schwäbisch Hall in Zusammenarbeit mit der SÜDWEST PRESSE Hohenlohe das Magazin „Brandaktuell“. Darin enthalten sind viele wichtige Themen, die die Kameradinnen und Kameraden im Landkreis bewegt, sowie ein großer Rückblick auf das Einsatzgeschehen des Vorjahres aller Feuerwehren des Landkreises. Das Magazin gibt es als gedruckte Variante und kann zudem kostenlos als Online-Ausgabe gelesen werden.