Einkaufsstadt Schwäbisch Hall
: „Als Händler sichtbarer werden“

Interview120 Gastronomen, Dienstleister und Händler sind in „Hall aktiv“ organisiert. Andreas Kircher und Daniel Hermann bringen neuen Schwung in die Vereinigung.
Von
Tobias Würth
Schwäbisch Hall
Jetzt in der App anhören
Andreas Kircher und Daniel Hermann leiten die Händlervereinigung Hall aktiv.

Andreas Kircher und Daniel Hermann leiten die Händlervereinigung Hall aktiv.

Tobias Würth

Wie sind Sie zu Ihrem Amt als Vorsitzende von Hall aktiv gekommen?

Daniel Hermann: Ich wollte einfach etwas bewegen. Mein Lieblingsspruch ist immer: gemeinsam statt einsam.

Andreas Kircher: Man kann dasitzen und jammern. Oder man tut etwas. Wenn man keine Fachkräfte hat, muss man eben welche ausbilden. So mache ich das seit Jahren in meinem Betrieb.

Was haben Sie bewegt bei der Vereinigung Hall aktiv?

Daniel Hermann: Also wir sind auf alle Fälle mal ein großes Stück vernetzter geworden. Wir tauschen und sehr schnell aus im Verein. Wir haben die Aktion „Haller Sommer“ wieder aufgelegt. Jetzt kommt ein Kalender heraus, der die Feste in Hall vermerkt.

Andreas Kircher: Den Kalender kann man bei einigen unserer Mitglieder in der Stadt kaufen. Und wer weiß, vielleicht nimmt ein Kunde dabei noch ein T-Shirt oder eine andere Ware mit.

Was ist Ihre Agenda als Hall-Aktiv-Vorsitzender?

Daniel Hermann: Die Stadt gemeinsam entwickeln, damit nicht nur der Handel, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger davon profitieren. Wir wollen abfragen: Welche Herausforderungen hat die Stadtverwaltung? Dort gibt es Personalmangel. Aber wir können als Händler auf die Verwaltung hintreten und sagen: Wir wollen eine bessere Sauberkeit. Wir besprechen dann, wie wir das zusammen hinbekommen.

Andreas Kircher: Es geht auch um einen verbesserten Informationsfluss. Unsere Geschäftsführerin Jessica Kettner arbeitet zu 50 Prozent bei der Wirtschaftsförderung. Es muss Menschen geben, die den Kontakt zu der Verwaltung pflegen. Das ist enorm wichtig; und wir müssen einfach unsere Erfahrung aus dem Geschäftsleben dazu mit einbringen.

Nennen Sie mal ein Beispiel, bitte.

Andreas Kircher: Wenn zum Beispiel von der Verwaltung eine neue Idee für eine Veranstaltung kommt, können wir schauen, dass wir zu einem Miteinander finden. So könnten die Aktionszeiten so abgestimmt werden, dass unsere Geschäfte auch offen haben. Es ist schon prima, wenn man Menschen durch Kultur in die Stadt lockt.

Es macht auch einen Unterschied, wenn ein Händler allein, oder im Team auftritt.

Andreas Kircher: Wir sind rund 120 Mitglieder, die durch uns vertreten werden und das hat vielleicht schon mal ein anderes Gewicht. Wir fragen die Mitglieder auch in regelmäßigen Abständen, was ihnen wichtig ist oder wo der Schuh drückt.

Daniel Hermann: Wir haben ja beide Geschäfte in der Innenstadt mit langen Öffnungszeiten und sind daher ständig ansprechbar. Wenn ein Gastronom, Dienstleister oder ein Händler ein Problem hat, kann er immer vorbeikommen.

Sie haben zwei informelle Geschäftsstellen in der Schwatzbühlgasse?

Andreas Kircher: Kann man so sagen, ja.

Die Stadt sieht im Vergleich zu einigen anderen häufig sehr belebt aus. Geht es dem Einzelhandel gut?

Daniel Hermann: Hall ist auf jeden Fall eine tolle Einkaufsstadt. Zu der Frage der Frequenz haben wir bei der Stadtverwaltung ein Projekt angeregt, zu dem es bald eine erste Auswertung gibt. Mit Radarboxen, eine davon ist im Josenturm, werden Frequenzmessungen gemacht vom Fraunhofer-Institut in Heilbronn. Die Zeitung hat ja schon darüber berichtet. Alles läuft datenschutzkonform. Es ist natürlich schon interessant zu sehen, wie sich die Fußgängerbewegungen in den Gassen über die Jahre hinweg darstellen.

Andreas Kircher: Wir sind mit dieser Idee an die Stadtverwaltung herangetreten, denn es bringt auch nichts, wenn da irgendjemand steht und einfach nur Strichlichte macht. Das muss alles schon sehr seriös sein. Später kann man mal den März 2025 mit dem März 2026 vergleichen und sieht dann, ob es sukzessive abnimmt oder auch nicht. Die Fahrradmessstation hat damit außerdem nichts zu tun.

Sie hatten neulich auch ein Seminar für ihre Mitglieder angeboten. Was steckt dahinter?

Daniel Hermann: Ein Händler hatte einen Kontakt zu dem Referenten und ist an uns als Vorstand herangetreten: Holt den doch mal zu uns! Das haben wir gemacht und gesehen: Johannes Albert von „Entfalte Deinen Laden“ hat gute Ideen, die ich jetzt schon erfolgreich umsetze bei mir im „Vom Fass“.

Was sind das für Ideen?

Andreas Kircher: Es geht zum Beispiel um Social Media. Viele Händler, Gastronomen und Dienstleister trauen sich da noch nicht so ran, wie man es vielleicht machen müsste. Die Kunden sollen doch wissen, welche Waren ich anbiete.

Andreas Kircher: Dann geht es um Schaufensterpräsentationen, sehe ich überhaupt am Schaufenster auf den ersten Blick, was alles angeboten wird? Man ist als Händler manchmal eben etwas betriebsblind.

Können wir uns als Käufer nun freuen, dass manche Läden besser in den Sozialen Medien vertreten sind?

Daniel Hermann: Ja, definitiv. Am nächsten Tag hat sich gleich jemand dazu entschlossen, sofort auf Instagram präsent zu sein. Sofort in die Umsetzung zu gehen, das ist ohnehin das Credo des Referenten. Einfach mal machen.

Andreas Kircher: Viele suchen erst mal auf dem Smartphone nach dem Shop, bevor sie hingehen. Und wenn dort steht: „Wir haben durchgehend geöffnet“, ist das eine wichtige Info. Da kann ich kurz in meiner Mittagspause hingehen und etwas kaufen. Also das sind ganz, ganz einfache Sachen, die aber etwas bewirken. Ich suche zum Beispiel einen Schulranzen. Dann gebe ich „Schulranzen Schwäbisch Hall“ ein. Wenn dann mein Geschäft erscheint, wäre das perfekt.

Daniel Hermann: Um auf mein Geschäft zu kommen, geben die Menschen zum Beispiel nicht Himbeeressig ein, sondern sie suchen ein Geschenk oder geben ein Rezept ein. Internet und Social Media werden dafür gerne genutzt, um sich vorher schlau zu machen.

Haller Frühling, Sommer und Herbst sind Highlights. Wie es dieses Jahr gelaufen?

Andreas Kircher: Also im Kultur-Jubiläumsjahr haben wir uns einen Verein gesucht, der zu den Jubilaren gehört. Die Big-Player haben bereits ihre festen Sponsoren. Wir haben daher mit Gerhards Marionetten eine Partnerschaft geschlossen. Mit unterschiedlichen Marionetten haben wir Aufmerksamkeit auf die Schaufenster gelenkt und zugleich auf das Theater. Des Weiteren haben wir das Theater mit einer Gutscheinaktion unterstützt.

Der Haller Sommer ist als Einkaufserlebnistag neu. Wie war der?

Daniel Hermann: Ein Erfolg. Es ist schlicht und ergreifend ein fixer Termin geworden: Am letzten Freitag in den Sommerferien. Es hat sich etabliert, dass man nochmal zum Ende der Ferien als Familie in die Stadt kommt und ein bisschen Spaß haben kann. So neu ist die Veranstaltung außerdem nicht. Bereits zum vierten Mal haben wir sie dieses Mal angeboten.

Andreas Kircher: Es wäre natürlich wünschenswert, wenn die Menschen dabei viel kaufen. Aber es geht, glaube ich, vor allem darum, dass wir uns als Händler noch sichtbarer zeigen.

Ein Kritikpunkt früher war, dass bei den Großveranstaltungen der Big Bang auf dem Marktplatz abgeht, aber niemand in die kleinen Gasse geht. Das haben Sie aber nun im Griff?

Andreas Kircher: Mit dem dezentralen Walking Act, dem genialen Druckluftorchester und dem kleinen Siedershof, ist in der ganzen Stadt an verschiedenen Orten etwas geboten. Wir versuchen dabei, die Besucherströme zu lenken. Teil ist auch eine kleine Rallye, bei der die Kinder in verschiedene Geschäfte rein müssen.

Was muss sich ändern, um Hall noch attraktiver zu machen?

Daniel Hermann: Es ist total wichtig, dass es viele Gründe gibt, um in die Stadt zu kommen. Zum Beispiel wenn man zum Arzt geht oder in eine Apotheke. Da ist Hall, um es jetzt mal positiv zu formulieren, schon noch ein super Standort. Wir sind sehr, sehr breit aufgestellt. Es gibt viele Touristen, aber auch viele Einheimische, die zum Beispiel die Gastronomieobjekte ansteuern. Wir haben noch relativ viele inhabergeführte Modegeschäfte. Das gibt es in großen Städten kaum bis gar nicht mehr.

Andreas Kircher: Natürlich brauchen wir auch die Filialisten. Wenn man mal eine Familie nimmt, wird die Tochter vielleicht im H&M fündig, während der Familienvater zum Herrenausstatter geht. So erhält jeder etwas.

Daniel Hermann: Das sehe ich oft bei mir im Laden, dass eine Familie sich trennt, um einzukaufen. Dann ist es gut, dass in Hall für jeden etwas da ist.

Leider kennen wir in Hall auch Leerstände. Und er wirkt wirklich bedrohlich. Sind Pop-up-Stores die Lösung?

Daniel Hermann: Die sind nur kurzfristig drin. Es ist gut, dass es die Möglichkeit gibt, mit Geschäftsideen zu experimentieren. Manchmal kommen Sachen raus, die man sich vorher nicht hätte denken können. Ich denke aber: Die Lage ist oben in der Neuen Straße trotzdem noch gut.

Andreas Kircher: Deswegen haben wir ja auch schon ganz lange darum gekämpft, dass der Markt zum Teil auf dem Marktplatz bleibt. Allerdings müssen die Hausbesitzer sich endlich darauf einstellen, dass wir das Jahr 2025 schreiben. Sie können einfach nicht mehr die hohen Mieten verlangen, wie es vielleicht früher einmal möglich war. Es ist doch schlauer, einen kleinen Teil der Miete abzugeben, dafür einen vernünftigen Mieter zu finden, der langfristig bleiben kann und die Miete überweist. Dann ist doch allen geholfen.

Der stationäre Handel hat also doch eine Zukunft?

Andreas Kircher: Der entscheidende Vorteil ist: Wenn ich zum Beispiel einen Stabmixer kaufe und er dann seinen Dienst versagt, dann kann ich vor Ort in den Laden gehen und bekomme neben einer guten Beratung auch noch das für mich passende Produkt angeboten. Das ist besser als im Internet zu bestellen oder im Reklamationsfall bei einer Hotline zu landen, die einen Standardtext vorliest.

Daniel Hermann: Die Gewerbesteuerzahlen und die Unterstützer der lokalen Vereine, das sind die Händler, Gastronomen und Dienstleister in Hall. Nicht die Internet-Handelskonzerne.

Weihnachten naht. Die Saison schlechthin für Händler in Hall?

Daniel Hermann: Es kommt auf das Sortiment an. Artikel, die man verschenken kann, sind natürlich gefragt. Da ist das Weihnachtsgeschäft extrem wichtig.

Andreas Kircher: Bei Reisen kam früher rund um Nikolaus der neue Katalog raus. Man wartete bis der Jahresurlaub fix war und schaute nach Weihnachten aufs Konto, um dann im neuen Jahr zu buchen. Heute geht es ab Mitte November los. Frühes Buchen lohnt sich dabei.

Daniel Hermann: Es sind in Hall noch viele Plastik-Karten-Einkaufsgutscheine im Umlauf, die bei der Tourist-Info gekauft wurden. Für uns Händler ist es extrem wichtig, dass die noch eingelöst werden vor dem 31. Dezember. Es handelt sich dabei um die Gutscheine, auf denen der Wert (10 oder 25 Euro) vorne draufsteht und die hinten keinen Magnetstreifen haben. Gutscheine mit Magnetstreifen sind länger gültig. Die Händler erhalten aber nur eine Vergütung, wenn der Gutschein eingelöst wird. Also Gutscheine suchen und Guthaben in der Stadt einlösen!

In Haller Innenstadt zu Hause

Andreas Kircher wurde am 19. Juli 1973 im Diakonie-Krankenhaus im Schwäbisch Hall geboren. Aufgewachsen ist er im Mainhardter Wald, legte sein Abitur am Gymnasium bei St. Michael ab. Seinen Zivildienst absolvierte er in der Stadtgärtnerei. Zusammen mit einem Gesellen und einem Meister war er dabei für speziell für die Betreuung der Ackeranlagen zuständig. Die drei waren dazu in einem Gebäude neben der Urbanskirche stationiert. Diese intensive Betreuung des Parks gibt es heute nicht mehr. Im Anschluss absolvierte er eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner und arbeitete einige Zeit als Geselle. Im Jahr 1999 trat er eine Ausbildung im Reisebüro an, das damals von Dieter Roll geführt wurde. Nach dessen Ruhestand übernahm er das Holiday Land Reisebüro in der Schwatzbühlgasse. Dort gibt er drei Auszubildenden eine Zukunftsperspektive. Andreas Kircher ist verheiratet, das Paar hat drei Kinder. Neben dem Beruf und der Arbeit im Hall-Aktiv-Vorstand engagiert er sich im Chapter Sieder des Unternehmernetzwerks BNI.

Daniel Hermann wurde am 16. Juli 1978 in Öhringen geboren, ist in Neuenstein aufgewachsen. Nach der Schule strebte Hermann eine Ausbildung als Fotograf oder eine als Schaufenster-Dekorator an. Doch es kam anders. Er engagierte sich in der Gastronomie, da seine Eltern einen Betrieb leiteten. Es schlossen sich eine Ausbildung im Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe unter Lothar Eiermann an. Er holte in Künzelsau seine Fachhochschulreife nach, studierte Ökologie und Umweltschutz auf Diplom, was er allerdings abbrach. Im Alter von 21 Jahren zog er nach München, arbeitete in Stadt- und Tagungshotels und auch bei Sterneköchen: Von Südtirol bis zum Sauerland. Er wechselte in den Außendienst verschiedener Firmen, kam daher nach 2014 Schwäbisch Hall zurück, eröffnete wenig später das Feinkostgeschäft „Zum Fass“. Er singt in zwei verschiedenen Chören und kümmert sich ansonsten um seine Katze.