Ehrenamtliches Bildungsprojekt in Hall: Acht Schüler erhalten eine einzigartige Chance

Lehrerin Kathleen Uttrodt zeigt die Räume in der "Villa" auf dem Gelände des Heimbacher Hofs. Der Verein Lebendige Lernorte bietet Jugendlichen eine Tagesstruktur und soll ihnen eine Rückkehr in das Bildungssystem ermöglichen.
Tobias Würth- Verein „Lebendige Lernorte“ unterstützt 8 Jugendliche in Hall außerhalb der Regelschule
- Unterricht in der „Villa“ am Heimbacher Hof, täglich 9–12 Uhr, mit Ehrenamtlichen
- Ziel: Rückkehr ins Bildungssystem; keine Schule, sondern Brückenfunktion
- Hoher Bedarf: 53 Betroffene in Hall, 79 mit Umland; langfristige Finanzierung fehlt
- Tag der offenen Tür: Samstag, 7. Februar, 10–12 Uhr, Heimbacher Dorfstraße 31
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
In der Mitte des Raums brennt ein Feuer. Der Pelletofen strahlt eine mollige Wärme aus. In der ,Villa' auf dem Gelände des Heimbacher Hofs lernen acht Schülerinnen und Schüler, die für längere Zeit keinen regulären Unterricht besuchen können.
„Und was macht der Pythagoras?“, fragt Petra Schley de Andrade (69). Früher hat sie an der Gemeinschaftsschule in Hall unterrichtet. Im Ruhestand kümmert sie sich im Wechsel mit rund zehn Ehrenamtlichen um acht Schülerinnen und Schüler. „Ich wollte etwas Sinnvolles machen. Und das macht richtig Spaß“, sagt sie, bevor sie sich über das Matheheft beugt.
Es ist auffallend ruhig im Raum. Das muss auch so sein. Denn der Lärm in den regulären Klassenzimmern ist zu viel für viele der Jugendlichen im Projekt. Einige können aus psychischen Gründen einfach keine große Bildungseinrichtung besuchen.
Um den Satz des Pythagoras muss sich die Lehrerin keine Gedanken machen. Eine Jugendliche hat das mathematische Problem dem anderen Mädchen gleich mal schnell erklärt.

Der Tisch bringt alle zusammen: Zwei Lehrerinnen kümmern sich um zwei Jugendliche.
Tobias WürthKathleen Uttrodt hat den Lernort ins Leben gerufen. Über Jahre als Grundschullehrerin im Steinbacher Montessorizug und als Lehrerin der Johannes-Brenz-Gemeinschaftsschule waren ihr genau die Schülerinnen und Schüler ein Anliegen, die eben gar nicht erst zum Unterricht kamen. 53 sind das derzeit allein in Hall. Mit den Umlandgemeinden summiert sich die Zahl auf 79. „Das haben wir mithilfe der Schulsozialarbeiter im vergangenen Februar erfasst“, berichtet Uttrodt.
Zunächst hatte die verbeamtete Lehrerin versucht, innerhalb des Schulsystems einen Ort für diese Jugendlichen zu schaffen. Vergebens. „Ich musste eines aufgeben: meinen Traum oder das Beamtentum.“ Sie entschloss sich, ihre Vision weiter zu verfolgen, auch wenn sie dafür den gut abgesicherten Beamtenstatus freiwillig abgeben musste. Derzeit arbeitet sie ganz ohne Gehalt, ist immerhin noch über die Arbeitsagentur krankenversichert.
Halbes Jahr am Start
Seit Oktober 2025 kommen nun nicht nur wie ursprünglich geplant vier, sondern derzeit acht Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren in die ,Villa'. Die ist in Wirklichkeit ein recht heruntergekommenes, ehemaliges Vereinsheim, das vom Heimbacher Hof nur im Ferienprogramm genutzt wird. Von 9 bis 12 Uhr dauert der Unterricht, der auch mal daraus besteht, dass ein Mädchen ein Werk aus Peddigrohr flicht.
„Das wird ein Korb“, sagt Roxy (16). „Hier kann ich entspannt in den Tag hereinkommen und schauen, was ich dann lerne“, berichtet sie. Sie strebt den Haupt- oder Realschulabschluss an und überlegt zudem, nach Michelbach aufs Aufbaugymnasium zu wechseln. Ein normales Klassenzimmer kommt für die 16-Jährige derzeit überhaupt nicht infrage. „Bei mir ist dann die Lautstärke das Problem“, sagt sie über den turbulenten Schulalltag.
Schönes Gruppengefühl
„Das Zusammenleben der acht Schüler klappt viel besser als gedacht“, sagt Kathleen Uttrodt. Eigentlich war vorgesehen, dass jeder seine eigenen Pausen wählen kann. Doch die Schüler wollten eine gemeinsame Pause. Sie helfen sich auch sonst bei der Arbeit gegenseitig. Fehlverhalten oder gar Gewalt seien überhaupt kein Thema.
Von dem angenehmen Lernumfeld profitiert auch Finn (16). Er tippt an einem der Tische seinen Praktikumsbericht in einen Laptop. „Ich war bei der Firma Hohenloher Spezial-Maschinenbau.“ Die Zeit bei dem Unternehmen, das in Neu-Kupfer Forstmaschinen herstellt, sei sehr gut gewesen. „Mein Traum ist es, Berufskraftfahrer zu werden.“
„Wir haben eine Tagesstruktur entwickelt“, sagt Kathleen Uttrodt. Am Anfang treffen sich alle gemeinsam am Tisch. Wer will, kann einige Apfelschnitze essen. „Wir besprechen dann, was jeder vorhat in den drei Stunden.“ Lerngruppen entstehen. Die je zwei anwesenden Freiwilligen betreuen die Schüler, fragen freundlich nach, ermuntern die Jugendlichen weiterzumachen.
Ab ins Theater
„Im unteren Raum sitzen zwei Mädchen, die eine Buchpräsentation erarbeiten, die für die Realschulprüfung nötig ist“, sagt Kathleen Uttrodt. Die halten sie dann probeweise vor der ganzen Gruppe, da es bald ins Theater nach Heilbronn geht, wo alle die Aufführung des Stücks „Der Markisenmann“ ansehen, um den es im Buch geht.
„Wir sind hier nicht unter einer Käseglocke“, stellt die engagierte Pädagogin klar. Ihr Ziel sei kein Gegenmodell zur herkömmlichen Schule. Im Gegenteil. Mit vielen Bildungseinrichtungen stünde der Lebendige Lernort e.V. in einem fruchtbaren Kontakt. Manche Schüler gehen morgens in die „Villa“ und nachmittags punktuell zu wichtigen Unterrichtsstunden in ihre Schule.
So macht das auch Mai (14). „Ich bereite mich auf meine Kommunikationsprüfung in Englisch vor“, sagt sie. Die sei für die Hauptschulprüfung wichtig, die sie demnächst ablegen will. Sie hatte probiert, den Weg zurück ins Klassenzimmer zu finden. „Doch das halte ich einfach nicht durch. Der ganze Kreislauf fing von vorn an.“ Sie hat ADHS, was durch Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität gekennzeichnet ist. Irgendwann käme sie immer an einen Punkt, an dem ihr alles zu viel werde und sie einfach aus dem normalen Unterricht nach Hause gehe. Beim Unterricht im Lernort sei das aber ganz anders. „Es fällt mir so einfach, hierherzukommen“, sagt Mai. „Das fühlt sich hier nicht wie Lernen an.“
Schulpflicht besteht
Doch wie ist so ein Lernort im eng reglementierten staatlichen Schulsystem in Deutschland überhaupt möglich? Und herrscht nicht eine verbindliche Schulpflicht?
Einige Schülerinnen und Schüler sind phasenweise in der Tagesklinik des Diaks. Dort werden sie in der klinikeigenen Schule unterrichtet. Wenn ein Schüler ansonsten zu Hause bleibt, wird er regelmäßig von Pädagogen des Landkreises im Projekt „Future Plus“ besucht. Doch das sei nicht zu vergleichen mit einem Unterricht in der Gruppe. Im Netz der Betreuung von Jugendlichen, die nicht zur Schule gehen können, klaffe eine Lücke. Darin sind sich die rund 20 Mitglieder im Verein „Lebendige Lernorte“ einig.
„Das Schulamt verlangt zwei Dinge dafür, dass die Jugendlichen bei uns sein können. Sie müssen bei einer Schule gemeldet sein. Und sie müssen eine dauerhafte Krankschreibung haben“, sagt Kathleen Uttrodt. Dazu zählen Depressionen und vieles mehr. „Viele Schüler tragen einen ganz besonderen Lebensrucksack mit sich“, formuliert es die zweifache Mutter auf ihre liebevolle Art.
Phasenweise in der Klinik
Hört man den Jugendlichen zu, bekommt man zerfurchte Geschichten von Klinikaufenthalten, schwierigen Phasen zurück in der Schule und mehr erzählt. In der Villa können sie einfach mal so sein, wie sie sind.
„Wir sind keine Schule, sondern haben als Lernort nur eine Brückenfunktion“, stellt Kathleen Uttrodt klar. Sie sei der Stadt Hall so dankbar für die günstigen Räume, den Serviceclubs für die Zuschüsse und Second-IT für die Spende mehrerer Drucker und Laptops. „Ohne die Hilfe könnten wir hier gar nicht arbeiten“, sagt sie. Die Lehrerin selbst und die zehn sich abwechselnden Mitstreiter würden 0,0 Euro für ihren Einsatz erhalten.
„Wir haben es einfach mal gestartet“, sagt sie. Doch das wird in nächster Zeit zu einem Problem. So ganz ohne stabile Finanzierung kann der Lernort nicht erhalten werden. „Am besten wäre es für uns, wenn wir zu einer Außenklasse einer Schule werden“, meint Kathleen Uttrodt. Doch damit tue sich die Schulbehörde sehr schwer.
Tag der offenen Tür
Wer das Angebot des Vereins „Lebendiger Lernort“ anschauen will, kann am Samstag, 7. Februar, von 10 bis 12 Uhr in die „Villa“ am Heimbacher Hof kommen. Das Holzgebäude steht im östlichen Bereich des Geländes an der Heimbacher Dorfstraße 31. Lehrerinnen, Vereinsmitglieder und Jugendliche führen durchs Haus.

Kreativität wird im Lernort gefördert.
Tobias Würth
