Nach neun Verhandlungstagen hat das Heilbronner Schwurgericht gestern im Sulzdorfer Mordprozess das Urteil verkündet: Der 27-jährige Beschuldigte aus Hall wird in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Dort soll er wegen seiner Schizophrenie-Erkrankung vermutlich für viele Jahre behandelt werden. Wann und ob er wieder freikommen wird, ist ungewiss.

Akribisch genau aufgearbeitet

Obwohl das psychiatrische Gutachten, das den Beschuldigten für schuldunfähig erklärt, schon zu Prozessbeginn am 19. Juli vorlag, hat die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Roland Kleinschroth den Fall akribisch genau aufgearbeitet. Im Ergebnis sieht die Kammer in der Sulzdorfer Bluttat vom 5. Februar dieses Jahres einen Mord.

Schwäbisch Hall

Heimtückisch habe der Beschuldigte seinen ehemaligen Freund Markus R. umgebracht. Damit widerspricht das Gericht dem Vertreter der Staatsanwaltschaft Harald Lustig. Er hatte nur auf Totschlag plädiert und das Merkmal der Heimtücke aufgrund der Schizophrenie-Erkrankung verneint.
Zur Urteilsverkündung wurde der bärtige 27-Jährige wie zuvor auch in Hand- und Fußfesseln aus dem Weinsberger Psychiatriezentrum vorgeführt. Kaum hat der schlanke, gepflegt gekleidete Mann über eine Seitentür den Saal betreten, sucht er mit seinen Augen nach seinen Angehörigen. Er lächelt sie an und winkt ihnen verhalten mit der rechten gefesselten Hand zu. Seine junge Ehefrau sitzt wieder in der ersten Zuhörerreihe. Sie fehlte an einigen Verhandlungstagen, weil sie das zweite gemeinsame Kind zur Welt gebracht hatte.
Anfang dieses Jahres aber hatte es um die Ehe schlecht gestanden. Die Ehefrau war mit der kleinen Tochter zu ihren Eltern nach Heilbronn gezogen. Der Beschuldigte war schon Wochen zuvor ihr gegenüber gewalttätig geworden. Die Wesensveränderung hatte nur einen Grund: Er nahm die Medikamente, die ihm seit 2012 wegen Schizophrenie regelmäßig verordnet wurden, eigenmächtig nicht mehr ein. Alles Zureden seitens seiner Frau, seiner Eltern und seiner Freunde half nichts. Bei einem muslimischen Heiler trank er stattdessen Meerwasser und übergab sich. Der Wahn im Kopf wurde immer stärker.

Heilbronn/Schwäbisch Hall

In dieser Zeit stand der gemeinsame Glaubensbruder Markus R. der Ehefrau des Beschuldigten bei. Markus R. leitete das muslimische Gemeindeleben in Gelbingen. Der Beschuldigte war sein befreundeter Wegbegleiter. Er war als Imam tätig. Als seine Krankheit immer deutlicher ausbrach, verbot R. ihm das Predigen und nahm ihm den Schlüssel für die Moschee weg. Auf diese Weise wurde R. für den Beschuldigten immer mehr vom Freund zum Feind. Der 33-Jährige war für den Kranken ein „Zauberer“ und ein Ehebrecher, der angeblich ein Verhältnis mit seiner – des Beschuldigten – Ehefrau hatte. R. selbst war mit zwei Frauen verheiratet: mit einer Libanesin nach deutschem Recht und mit einer jungen Muslimin aus Gaildorf nach islamischem Recht. Die Frauen lebten gemeinsam in der kleinen Sulzdorfer Mietwohnung. Die eine hatte im Februar bereits ein Kind, die andere war schwanger.
Die beiden Frauen und das kleine Kind wurden Zeugen, als der Beschuldigte an jenem Montagmittag an der Tür klingelte. Als R. öffnete, ahnte er nicht: Der Ankömmling verbarg hinter seinem Rücken ein Bowie-Messer mit einer 27 Zentimeter langen Klinge. Das extrem scharfe Messer hatte er kurz zuvor in einem Haller Waffengeschäft erworben. Nach einem kurzen Wortwechsel stach der Angreifer heftig zu – mindestens elfmal. R. floh in die Küche und brach dort blutüberströmt zusammen.

Den „Zauberer“ beseitigt

Der Beschuldigte rannte zurück zum Auto, fuhr nach Heilbronn und teilte seiner Ehefrau mit, er habe den „Zauberer“ beseitigt. Dann verließ er sie wieder. Noch bevor er festgenommen wurde, starb Markus R. während einer Notoperation im Haller Diak.
Richter Kleinschroth fasst zusammen: „Wieder einmal haben wir in einem Verfahren erlebt, welch schlimme Folgen es haben kann, wenn ein Mensch seine Krankheit nicht erkennt oder nicht erkennen will.“ Kleinschroth sagt weiter: „Aus einer Freundschaft wurde eine tödliche Auseinandersetzung, und das, obwohl der Herr R. ihm eigentlich nur helfen wollte.“