Audi in Neckarsulm
: „Was genau soll erhalten bleiben: Modelle oder Arbeitsplätze?“

InterviewDaniel Nill ist Perspektivprofessor an der Hochschule Heilbronn. Der Experte für digitale Wertschöpfung warnt: Im Kampf um den Standort steckt ein fataler Denkfehler des Managements.
Von
Antonio De Mitri
Heilbronn
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Fordert ein radikales Umdenken: Der Heilbronner Ökonom Daniel Nill.

Fordert ein radikales Umdenken: Der Heilbronner Ökonom Daniel Nill.

privat

Herr Nill, halten Sie es für falsch, das Werk in seiner heutigen Form zu erhalten?

Im Gegenteil: Neckarsulm verfügt über viele Voraussetzungen, die für industrielle Wertschöpfung weiterhin sehr attraktiv sind. Was ich kritisch sehe, ist die Gleichsetzung von Standorterhalt mit dem Erhalt der heutigen Strukturen und Produkte. Wenn man sagt: „Das Werk muss erhalten bleiben“, muss man deshalb genauer fragen: Was genau soll erhalten bleiben? Die Gebäude? Die heutige Produktion? Bestimmte Modelle? Oder möglichst viele qualifizierte industrielle Arbeitsplätze und Wertschöpfung in der Region?

Was ist für Sie entscheidend?

Letzteres. Neckarsulm hat eine hochqualifizierte Belegschaft, industrielle Infrastruktur, großes Fertigungs-Know-how und ein starkes Umfeld. Deshalb sehe ich sehr gute Argumente dafür, um diesen Standort zu kämpfen. Aber gerade, wenn man ihn langfristig sichern will, darf man seine Zukunft nicht auf die Fortschreibung dessen begrenzen, was heute dort produziert wird. Das Ziel sollte aus meiner Sicht nicht lauten: Wie bewahren wir das Werk möglichst unverändert? Sondern: Wie sorgen wir dafür, dass an diesem Standort auch in zehn oder 20 Jahren noch relevante industrielle Wertschöpfung und gute Beschäftigung stattfinden?

Wie könnte die Transformation gelingen?

Wenn sich im Ergebnis zeigt, dass Neckarsulm auch langfristig ein starker Automobilstandort sein kann, ist das gut. Aber die Diskussion sollte nicht schon mit der Vorgabe beginnen, dass dort zwingend weiter Autos gebaut werden müssen. Man sollte vom Standort her denken: Welche Fähigkeiten haben die Beschäftigten? Welche Anlagen, Flächen und Entwicklungsressourcen gibt es? Welche neuen Märkte passen dazu? Und wie lässt sich das industrielle Know-how mit neuen Technologien verbinden? Gerade Neckarsulm hat historisch nachgewiesen, dass so etwas funktionieren kann.

Mit einem Spruchband "Audi Neckarsulm muß bleiben" marschieren im April 1975 Arbeiter des Automobilherstellers Audi NSU untergehakt an der Spitze eines Protestmarsches auf der B 27 zwischen Neckarsulm und Heilbronn. Sie demonstrieren gegen die geplante Schließung des Automobilwerkes.

Mit einem Spruchband "Audi Neckarsulm muß bleiben" marschieren im April 1975 Arbeiter des Automobilherstellers Audi NSU untergehakt an der Spitze eines Protestmarsches auf der B 27 zwischen Neckarsulm und Heilbronn. Sie demonstrieren gegen die geplante Schließung des Automobilwerkes.

picture-alliance / dpa

Inwiefern?

Der Standort begann im 19. Jahrhundert mit Strickmaschinen. Daraus entwickelte sich die Fahrrad- und Motorradproduktion der späteren NSU-Werke, bevor schließlich Automobile hinzukamen. Das Entscheidende war also nie das Festhalten an einem bestimmten Produkt, sondern die Fähigkeit, vorhandene industrielle Kompetenz immer wieder auf etwas Neues zu übertragen. Genau diese Logik würde ich heute wieder anwenden. Dazu kommt ein Standortvorteil, den Neckarsulm heute hat: Mit dem Industrial Park Artificial Intelligence und dem KI-Ökosystem in Heilbronn entsteht unmittelbar in der Region ein relevantes Technologiecluster.

Welche Rolle könnte KI spielen?

Wir reden derzeit sehr viel über KI, aber gerade in der industriellen Wertschöpfung gibt es aus meiner Sicht noch erhebliches ungenutztes Potenzial. Neckarsulm könnte genau dafür ein interessanter Ort sein: jahrzehntelange Fertigungskompetenz auf der einen Seite, ein wachsendes KI-Ökosystem praktisch vor der Haustür auf der anderen.

Wie können daraus neue industrielle Produkte, Prozesse oder sogar neue Geschäftsmodelle entstehen?

Transformation darf viel breiter gedacht werden als nur als Wechsel vom einen Fahrzeugmodell zum nächsten. Es kann um Robotik, Automatisierung, Elektronik, intelligente Produktionssysteme oder ganz andere industrielle Felder gehen. Entscheidend ist, diesen Suchprozess früh zu beginnen und nicht erst dann, wenn wirtschaftlich kaum noch Handlungsspielraum vorhanden ist.

Die Diskussion sollte nicht damit beginnen, dass dort zwingend weiter Autos gebaut werden müssen.

An welche Vorbilder denken Sie dabei?

Ich glaube nicht, dass es das eine Vorbild gibt, das man einfach auf Neckarsulm übertragen kann. Jeder Standort und jedes Unternehmen hat andere Voraussetzungen. Interessant finde ich aber Beispiele, bei denen Unternehmen bereit waren, ihr bestehendes Geschäft wirklich grundsätzlich infrage zu stellen. Ørsted in Dänemark etwa. Das Unternehmen hieß früher Dong Energy und war stark von Öl, Gas und Kohle geprägt. Statt dieses Geschäftsmodell nur schrittweise anzupassen, hat man es grundlegend verändert: Das Öl- und Gasgeschäft wurde verkauft, Kohle schrittweise verlassen und massiv in erneuerbare Energien investiert.

Neuer Standort aus dem Nichts: Der IPAI-Campus soll das neue Drehkreuz für KI-Forschung in Deutschland und Europa werden.

Neuer Standort aus dem Nichts: Der IPAI-Campus soll das neue Drehkreuz für KI-Forschung und -Entwicklung in Deutschland und Europa werden.

Antonio De Mitri

Das heißt, es geht mitunter grundsätzlich ums Geschäftsmodell?

Transformation bedeutet manchmal nicht, das bisherige Produkt etwas besser oder effizienter zu machen. Manchmal muss man sich fragen, ob das bisherige Geschäftsmodell überhaupt noch das richtige ist. Tesla zeigt einen ähnlichen Gedanken auf Werksebene. In Fremont wurden 2026 die Produktionslinien für Model S und Model X stillgelegt, um Kapazitäten für die Produktion des humanoiden Roboters Optimus zu schaffen.

Also: Robotik als Zukunft für Neckarsulm?

Es geht mir ausdrücklich nicht darum zu sagen, Neckarsulm solle Roboter bauen. Spannend ist vielmehr das Prinzip: Eine vorhandene Fabrikfläche wird nicht zwangsläufig an ihr bisheriges Produkt gebunden, sondern für eine neue Wertschöpfung genutzt. Genau diese Offenheit halte ich für entscheidend. Wenn wir bei Neckarsulm nur fragen, welches andere Fahrzeugmodell dort künftig gebaut werden könnte, bleiben wir gedanklich sehr nah am Status quo.

Die bessere Form von Beschäftigungssicherung ist eine glaubwürdige Zukunftsperspektive.

Was soll aus den 15.000 Beschäftigten und ihren Familien werden?

Genau wegen dieser Menschen muss die Debatte geführt werden. Wir sprechen nicht über abstrakte Produktionskapazitäten, sondern über Beschäftigte am Standort, ihre Familien und viele weitere Arbeitsplätze bei Zulieferern und Dienstleistern in der Region. Das Ziel wäre ausdrücklich nicht, Beschäftigung abzubauen. Die Frage muss sein, wie möglichst viel industrielle Beschäftigung langfristig am Standort gehalten werden kann. Aber man muss unterscheiden zwischen dem Erhalt von Beschäftigung und dem Erhalt der heutigen Strukturen. Wenn sich Produkte und Märkte verändern, werden sich auch Tätigkeiten verändern. Dafür braucht es Weiterbildung, Qualifizierung, interne Wechsel und neue industrielle Aufgaben am Standort. Ich halte es für gefährlich, Beschäftigten zu suggerieren, man müsse nur stark genug am Status quo festhalten, dann könne alles bleiben wie bisher. Die bessere Form von Beschäftigungssicherung ist eine glaubwürdige Zukunftsperspektive.

Volkswagen AG: ARCHIV - 10.03.2026, Niedersachsen, Wolfsburg: Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, spricht bei der Jahrespressekonferenz der Volkswagen Group in der Autostadt. (zu dpa: «VW-Spardebatte spitzt sich zu - Werke bangen um ihre Zukunft») Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, spricht bei der Jahrespressekonferenz der Volkswagen Group in der Autostadt.

Julian Stratenschulte/dpa

Hätte der VW-Konzern die seit 2015 für Dividenden gezahlten knapp 40 Milliarden Euro besser in neue Wertschöpfung investieren sollen?

Ich halte Dividenden grundsätzlich nicht für falsch. Ein Unternehmen muss für Investoren attraktiv sein, und Eigentümer haben einen legitimen Anspruch auf eine Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg. Aber bei dieser Größenordnung darf man fragen, ob die Balance richtig war. Der Volkswagen-Konzern befand sich in den vergangenen zehn Jahren absehbar vor einem enormen technologischen Wandel. Elektrifizierung, Software, neue Wettbewerber und veränderte Märkte waren keine überraschenden Entwicklungen. Vor diesem Hintergrund ist es legitim zu fragen, ob ein größerer Teil der erwirtschafteten Mittel in neue Produkte, Technologien, Softwarekompetenz und die Zukunft der Standorte hätte fließen sollen.

Fehlentscheidungen entbinden ein Unternehmen nicht von der Verantwortung für die eigene Strategie.

Wären die Probleme gelöst, wenn VW keine Dividenden gezahlt hätte?

So einfach ist es nicht. Aber Kapitalallokation (Anm. d. Red.: die optimale Verteilung von Gewinnen) ist eine der zentralen Aufgaben des Managements. Wenn heute darüber diskutiert wird, dass Standorte unter Kostendruck stehen oder Produkte fehlen, dann gehört auch die Frage dazu, ob in den vergangenen Jahren ausreichend in die Zukunft investiert wurde. Fehlentscheidungen kann man kritisieren. Aber sie entbinden ein Unternehmen nicht von der Verantwortung für die eigene Strategie.