30 Jahre Montessorizug in Steinbach: „Teamgeist statt Konkurrenz“

Hiltrud Schäfer und Markus Wurster stehen voll hinter dem Montessorikonzept.
Thumilan SelvakumaranWas wird am 28. Juni in Steinbach genau gefeiert und mit welchen Aktionen?
Hiltrud Schäfer: An der Grundschule Steinbach gibt es alle zwei Jahre ein großes Schulfest. Am 28. Juni feiern wir dieses Jahr im Besonderen gemeinsam mit dem Montessoriverein das 30-jährige Bestehen des Montessorizuges in Steinbach und außerdem noch 50 Jahre Grundschule in unserem schönen Gebäude, dem „Samenbau“. Das Programm beginnt um 10.30 Uhr mit einem Festakt in der Turnhalle, einem Vortrag unseres ehemaligen Rektors Thomas Helmle und einer Talkrunde. Danach wird rund um die Schule gefeiert – bei Regen in der Max-Kade-Halle. Der Förderverein der Grundschule Steinbach und der Montessoriverein laden zum gemütlichen Zusammensein ein, es gibt unter anderem Pizza aus dem Schul-Holzbackofen, Kaffee und Kuchen, viele Spiel- und Kreativstationen für die Kinder, Musik und Clownstheater. Unsere jetzigen und ehemaligen Schulfamilien sind eingeladen, aber auch alle, die sich für unsere Schule interessieren und engagieren.
Wie kam es dazu, dass ausgerechnet in Steinbach ein Montessorizweig entstanden ist?
Markus Wurster: Dass die Grundschule Steinbach 1995 der Standort für einen Montessorizug wurde, verdankt sich zum einen dem Umstand, dass hier noch freie Räume für zusätzliche Klassen zur Verfügung standen. Zum anderen stieß die Montessoriinitiative bei der dortigen Schulleiterin auf großes Interesse. Heidrun Schaumann empfand inhaltlich eine große Nähe zum vorgestellten Konzept.
Wie viele Schüler lernen dort in wie vielen Klassen?
Markus Wurster: Beide Züge umfassen jeweils vier Klassen. Im Klassischen Zug, dem „Steinbacher Zug“, sind die Klassenstufen eins/zwei und drei/vier zusammengefasst. Im Montessorizug sind jeweils alle vier Klassenstufen in einer Art „Familienklasse“ zusammen. Insgesamt gibt es an der Grundschule derzeit zirka 170 Schülerinnen und Schüler in acht Klassen.
Warum wurde die Schule an eine staatliche Schule angegliedert und nicht etwa als eigenständige Montessorischule etabliert?
Markus Wurster: In der Gründungsphase Anfang der 90er-Jahre zeichnete sich ab, dass es in Baden-Württemberg sehr schwierig war, eine private Schule zu gründen. Die Eigeninitiative der Montessorigruppe wurde von der Stadt Schwäbisch Hall als modernes kommunales Infrastruktur-Element begrüßt und auch finanziell unterstützt. Auch das Staatliche Schulamt wollte, dass der Montessorizug erfolgreich startet. Es fällt auf, dass aktuelle neue Initiativen, wie zum Beispiel aus der Waldpädagogik, viel weniger Akzeptanz in der oberen Schulverwaltung erfahren.
Welche Nachteile und welche Chancen ergeben sich daraus?
Hiltrud Schäfer: Wir finden dieses Konzept charmant, auch wenn es Kompromisse mit sich bringt. In der Montessoripädagogik bekommen die Kinder viel Selbstverantwortung und Mitbestimmung übertragen, im staatlichen System müssen wir aber dennoch dafür sorgen, dass der Lehrplan beachtet wird. Es ist schon ein Kunststück, beidem gerecht zu werden. Die „Freie Arbeit“ nach Montessori mit individuellem Lernen findet jeden Tag ungefähr den halben Vormittag statt. In der anderen Hälfte wird die Klasse gemeinsam unterrichtet, Ziele und Themen werden verankert. Für Eltern ist die staatliche Form eine gewisse Sicherheit, dass die Kinder nach der 4. Klasse gut auf die weiterführenden Schulen vorbereitet sind und sie müssen kein Schulgeld bezahlen.
Färbt die Montessoriarbeit auch auf die Struktur der herkömmlichen Klassen ab?
Hiltrud Schäfer: Durchaus, auch in unserem Steinbacher Zug gibt es individuelles Lernen in Form von zum Beispiel Wochenplan-Arbeit und die Altersmischung von zwei Jahrgängen. Einige der Lehrerinnen haben ebenfalls ein Montessoridiplom, was den gemeinsamen Geist stärkt. Für Eltern ist die Wahlmöglichkeit zwischen dem klassischen Zug mit mehr Struktur und dem Montessorizug mit mehr Freiheit ein tolles Angebot.
Was sind die Eigenschaften der Montessoripädagogik?
Hiltrud Schäfer: In der Montessoripädagogik lernen die Kinder viel selbstverantwortlicher und selbstständiger, denn Maria Montessori ging davon aus, dass jedes Kind natürlicherweise von sich aus lernen will und eigene Vorstellungen und Interessen verwirklichen kann, wenn man ihm den Raum, die Zeit und die Voraussetzungen dafür ermöglicht. Sie hat für alle Fächer und Inhalte Materialien entwickelt, mit welchen die Kinder sehr anschaulich und handelnd in ihrem Tempo lernen können, in der sogenannten „vorbereiteten Lernumgebung“. Wir verstehen uns mehr als Lernbegleiter. Die heterogenen, altersgemischten und inklusiven Klassen bieten dafür einen unverzichtbaren Rahmen. Teamgeist statt Konkurrenz: Ohne Druck wächst die gegenseitige Wertschätzung und eine nachhaltigere Lernkultur entsteht. Die Kinder lernen sehr viel mit- und voneinander. Oft ist es richtig beflügelnd, zu beobachten und mitzuerleben, wie gut und sinnvoll sich Kinder organisieren können und mit welcher Freude und Konzentration sie miteinander arbeiten können. Montessoripädagogik bedeutet im Kern, für die Gemeinschaft, für Frieden und Schutz der Welt und Umwelt Verantwortung zu tragen und zu leben.
Wenn ich mein Kind nach Steinbach auf die Montessorischule schicken will und wo ganz anders wohne, wie kann ich das machen?
Markus Wurster: Der Montessorizug hat einen Angebotscharakter. Er kann von Kindern aus dem gesamten Stadtgebiet besucht werden. Eltern melden ihr Kind am besten mit dem Formular, das auf der Homepage zu finden ist, an. Auch die Termine stehen auf der Homepage. Ein Infoabend Anfang des Jahres kann Elternfragen beantworten und die pädagogische Entscheidung für Eltern klären.
Die Entscheidung über eine Aufnahme trifft die Schule. Weil die Aufnahmekapazität im Montessorizug begrenzt ist, müssen wir bei der Auswahl meistens bestimmte Kriterien anlegen. Geschwisterkinder und Kinder aus dem Montessorikinderhaus werden zuerst berücksichtigt.
Ist der Besuch eines Montessorikindergartens zuvor zwingend nötig?
Markus Wurster: Erfahrungsgemäß stammt etwa die Hälfte der Kinder aus dem Montessorikinderhaus. In jüngerer Zeit zeichnete sich ab, dass viele Familien aus den Waldkindergärten sich für die Grundschulzeit die Montessoripädagogik wünschen.

Schüler lernen in einer Montessoriumgebung.
Thumilan SelvakumaranWas bedeutet die „inklusive Beschulung“ konkret?
Hiltrud Schäfer: In unseren Klassen lernen ganz unterschiedliche Kinder gemeinsam, das ist sehr schön! Zu einem Teil haben wir in jeder Klasse Plätze für Kinder mit besonderem Förderbedarf, das kann eine körperliche Behinderung, ein Förderbedarf für Lernen oder für sozial-emotionale Entwicklung oder ein Autismus-Hintergrund sein. Jedes Kind lernt auf seinem individuellen Niveau und ist dennoch in einer Gemeinschaft beheimatet, die bunt gemischt ist, wie in unserer Gesellschaft. Es bekommt im Falle eines Förderbedarfs oft Unterstützung durch eine Unterrichtsbegleitung, eine pädagogische Assistenz. Das damit verbundene phasenweise „Teamteaching“ erleben wir als sehr bereichernd und hilfreich. Stundenweise kommen auch noch sonderpädagogische Fachkräfte dazu. Die Entscheidung, ob ein Kind bei uns inklusiv beschult werden kann, liegt nicht allein am Elternwunsch, sondern wird vom Schulamt organisiert.
Gibt es eine weiterführende Montessorischule?
Hiltrud Schäfer: Ja, es gibt eine Fortsetzung mit zwei Montessoriklassen an der Gemeinschaftsschule, mit Möglichkeit bis zum Abitur. Die Klasse M7-9 lernt und arbeitet an zwei Tagen die Woche projektorientiert im Freilandmuseum Wackershofen.
Wie ist die Schulleitung in Steinbach strukturiert?
Hiltrud Schäfer: Wir haben ein Schulleitungsteam, das aus Simone Harport, kommissarische Schulleiterin, Markus Wurster, ehemaliger kommissarischer Schulleiter und mir als Stellvertretung für die Schulleitung besteht. Die Aufgaben haben wir verteilt, was gut funktioniert und nötig ist bei den vielen Aufgaben.
Sie gehen bald in den Ruhestand, Herr Wurster, wie wird die Lücke hinter Ihnen geschlossen?
Markus Wurster: Die Antwort auf diese Frage ist ein Zitat von Carl-Heinz Schroth: „Die Lücke, die wir hinterlassen, ersetzt uns vollkommen.“ In den letzten Jahren durfte ich mit Donna Tonne als Team in der Klasse zusammenarbeiten. Sie übernahm schon die „Leitungsfunktion“ und macht nun einfach so weiter. In der Schulleitung wurde ich von Simone Harport stark unterstützt und schließlich auch abgelöst. Beide Bereiche sind somit bestens „versorgt“. Ich erfülle mir jetzt den Wunsch und lasse mit Ablauf des Schuljahres den Arbeitszusammenhang hinter mir.
Zwei engagierte Pädagogen
Markus Wurster, 63 Jahre alt, Grundschullehrer zuerst sechs Jahre „auf dem Land“ in Oberaspach. In dieser Zeit die Auseinandersetzung mit der Montessoripädagogik. Im Gründungsteam des Montessorizugs, ab 1996 Klassenlehrer der zweiten Montessoriklasse in Steinbach. Dort 29 Jahre in dieser Funktion. Von 2020 bis 2024 kommissarischer Schulleiter.
Hiltrud Schäfer, 51 Jahre alt, ein Jahr nach dem Referendariat nach Steinbach gekommen und dort seit 23 Jahren Lehrerin, Montessoridiplom 2006, lebt mit ihrer Familie in Steinbach
