Rottenburger Stadtgeschichte
: 85 Häftlinge starben durch Gewalt, an Hunger und Erschöpfung

Auch ein Teil der Rottenburger Stadtgeschichte: Kriegsverbrechen im Gefängnissteinbruch und die bislang unerzählten Geschichten der Ermordeten.
Von
Benigna Schönhagen
Rottenburg
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Häftlinge bei der Arbeit im Rottenburger Steinbruch noch vor dem Projekt Jaspis, 1937; Justizvollzugsanstalt Rottenburg a. N.

Schon vor dem Projekt Jaspis arbeiteten Häftlinge im Rottenburger Steinbruch. Dieses Bild entstand im Jahr 1937.

JVA Rottenburg
  • Zwischen 1943 und 1945 starben 85 Häftlinge im Rottenburger Gefängnissteinbruch durch Gewalt, Hunger und Erschöpfung.
  • Aleksas Krumplys, ein litauischer Zwangsarbeiter, starb dort vor seinem 23. Geburtstag.
  • "Unternehmen Jaspis" von Daimler-Benz nutzte Häftlinge für kriegswichtige Arbeiten; viele starben.
  • 1947 wurden Gefängnismitarbeiter verurteilt, Daimler-Benz blieb straflos.
  • Forschung deckt mehr Details zu den Verbrechen auf.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Aleksas Krumplys war gerade 21 Jahre alt, als ihn seine Familie in Litauen das letzte Mal sah. Der junge Mann wurde 1943/44 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Seine Eltern und seine fünf Jahre jüngere Schwester Teodora, die heute in Vilnius lebt, haben nie mehr etwas von ihm gehört. Erst jetzt, gut 80 Jahre später, hat der Großneffe Domas Rinkevičius in Erfahrung gebracht, dass Aleksas auf dem Gräberfeld X, dem Anatomiegräberfeld der Universität Tübingen, begraben liegt. Als er starb, war er keine 23 Jahre alt, er wurde durch Zwangsarbeit im Rottenburger Gefängnissteinbruch zugrunde gerichtet.

„Unternehmen Jaspis“

Als im Spätsommer 1943 die Rüstungsindustrie begann, aus Luftschutzgründen ihre Produktion in Bergwerke und Tunnel zu verlagern, erlangte Rottenburg kriegswichtige Bedeutung. Die Daimler-Benz AG hatte den Steinbruch beim Hammerwasen als Produktionsstätte für Flugzeugmotoren, die bis dahin in Sindelfingen gefertigt wurden, ausgewählt. Das Areal am Neckardurchbruch war für die Pläne ideal, die Bahnstrecke nach Horb ermöglichte eine direkte Gleisanbindung, Wasser gab es ebenfalls und die erforderlichen Arbeitskräfte rekrutierte das Unternehmen im nahen Gefängnis, das den Steinbruch seit 1894 betrieb.

Im Sommer 1944 wurde mit dem „Unternehmen S 2“ begonnen, das den Tarnnamen „Jaspis“ erhielt. Für einen raschen Produktionsbeginn sollten sechs Tunnel gleichzeitig in das Gestein getrieben werden. Doch als französische Soldaten am 18. April 1945 in die Stadt einmarschierten, war die Anlage noch nicht fertiggestellt. Zur Produktion von Flugzeugmotoren ist es in Rottenburg nie gekommen; das „Unternehmen Jaspis“ aber kostete etwa 85 Häftlingen das Leben.

Zugrunde gerichtet

Wie hunderte andere Strafhäftlinge musste Aleksas Krumplys in Rottenburg unter menschenunwürdigen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Einige waren in den örtlichen Fabriken eingesetzt, die meisten aber im Gefängnissteinbruch. Im November 1944 waren dort 277 Strafgefangene, 96 Stammarbeiter der beteiligten Firmen und 82 Mann der Organisation Todt beschäftigt.

Aleksas Krumplys, hinten links, mit Schwester und Eltern, um1940; Häftling und Zwangsarbeiter, JVA Rottenburg, Foto: Privatbesitz

Aleksas Krumplys (hinten links) mit Schwester und Eltern, um1940.

Privat

Die Daimler-Benz AG konnte sich ganz auf die Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge konzentrieren. Denn für Bewachung, Kleidung, Unterkunft und Essen hatte das Gefängnis zu sorgen. Auch dessen Direktor Hermann Schwarz sah in den Strafhäftlingen nur eine wirtschaftliche Ressource, die er bis zu ihrer völligen Erschöpfung ausbeuten konnte. Als sich im Januar 1945 die Frau eines entlassenen Häftlings über die Zustände im Gefängnis beschwerte, erklärte Schwarz: „Die selbstverständliche Pflicht eines jeden Strafanstaltsbeamten ist, die Einnahmen in einer Strafanstalt so günstig wie möglich zu gestalten und die Ausgaben ebenfalls so günstig wie möglich zu halten“.

Den im Steinbruch eingesetzten Häftlingen fehlte es an allem: Arbeitskleidung und -schutz, ausreichendes Essen und medizinische Versorgung. Bei Luftangriffen waren sie den Bomben schutzlos ausgeliefert, mindestens sieben Häftlinge kamen so ums Leben. Andere verhungerten, erfroren, starben an völliger Erschöpfung oder durch die grausamen Strafen des Gefängnispersonals. Mindestens zwei Häftlinge wurden von den Wachen erschlagen. Profitorientierte Zwangsarbeit und hemmungslose Unmenschlichkeit ließen die Todesrate von Jahr zu Jahr steigen. Gab es 1941 einen Toten, so waren es 1944 dann 33 und in den fünf ersten Monaten des letzten Kriegsjahres noch einmal 39. Weitere starben nach Kriegsende an den Folgen der Misshandlungen.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

1947 zog das französische Militärtribunal in Rastatt die Gefängnismitarbeiter zur Verantwortung, die Daimler-Benz AG wurde nicht belangt. Die Anklage lautete auf „Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Der Staatsanwalt warf den dreizehn Angeklagten vor, die „Ausrottung der politischen Häftlinge“ systematisch betrieben zu haben. Zeugen bezeichneten das Rottenburger Gefängnis als „camp de concentration“, ihre verstümmelten Gliedmaße bezeugten die körperliche Gewalt der Wachen. Über den Gefängnisdirektor und den für die Krankenstube zuständigen Sanitäter Adolf Walter wurde die Todesstrafe verhängt, später wurden beide Strafen zu 15 Jahre Gefängnis mit Zwangsarbeit bei Schwarz und lebenslanger Haft für Walter revidiert, Gefängnisarzt Dr. Heinrich Büttgen erhielt drei Jahre Haft, weitere fünf Mitarbeiter wurden zu Strafen zwischen 18 Monaten und zehn Jahren verurteilt. Nur ein Angeklagter wurde wegen erwiesener Unschuld freigesprochen.

Die groben Umrisse des Rottenburger Verbrechens sind bekannt. Dem Tübinger Forschungsprojekt Gräberfeld X ist es gelungen, weitere Details herauszufinden. Sie helfen, die Rottenburger Verbrechen in das NS-Unrechtssystem einzuordnen und die weitreichende Verwicklung des Strafvollzugssystems darin aufzuzeigen. Einige Biografien konnten rekonstruiert werden. Denn nicht alle Toten erhielten ein Grab in Rottenburg. Ab Dezember 1944 ließ das dortige Bürgermeisteramt 22 Tote in das Anatomische Institut der Universität Tübingen transportieren mit der Bemerkung: „Ein Sarg kann von uns nicht zur Verfügung gestellt werden“. Die Biografien sind unerzählte Geschichten. Sie verdeutlichen die lokale Dimension des Massenverbrechens Zwangsarbeit, in das die Strafanstalt eingebunden war.

Schon seit 1938 hatte der Daimler-Benz Konzern Justizhäftlinge zur Zwangsarbeit eingesetzt, um seine im Zuge der Aufrüstung rasant ausgeweitete Produktion zu bewältigen. Die meisten waren Opfer einer rigiden Verurteilungspraxis, die sich im Verlauf des Krieges noch radikalisierte und für billige Arbeitskräfte sorgte. 1944 waren 90 Prozent aller rund 200 000 in deutschen Gefängnissen einsitzenden Häftlinge „im Kriegseinsatz“. Die meisten arbeiteten in Rüstungsfabriken, wo die Bewachung einfacher zu bewerkstelligen war als bei den zivilen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in Privathaushalten, Kommunen oder der Landwirtschaft.

„Nacht- und Nebel-Gefangene“

Spätestens seit 1941 waren im Rottenburger Gefängnis auch politische Gefangene inhaftiert, wie der Spanier Benito Blasco aus der Provinz Saragossa. Er gehört zu der halben Million Republikspanier, die nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs über die Pyrenäen nach Frankreich flohen. Sein weiterer Weg ließ sich nur lückenhaft rekonstruieren. Vermutlich gelang es ihm zusammen mit seiner Frau Louisa, eines der Lager zu verlassen, die der französische Staat in Eile für die Bürgerkriegsflüchtlinge erstellt hatte. Denn als Louisa Blasco nach Kriegsende nach dem Verbleib ihres Mannes forschte, gab sie als Wohnort Neuvy-en-Beauce an, einen Weiler im Departement Eure-et-Loire. Vermutlich ist Benito Blasco beim vorgeschriebenen Arbeitsdienst im besetzten Frankreich mit den Besatzern in Konflikt gekommen. Denn im September 1942 wurde er vom berüchtigten Pariser Militärgefängnis Cherche-Midi in ein Gefängnis nach Karlsruhe und einen Monat später weiter nach Rottenburg verlegt. Das spricht dafür, dass er unter den „Nacht- und Nebel-Erlass“ fiel.

Mit diesem Geheimerlass hatte Adolf Hitler im Dezember 1941 angeordnet, dass im besetzten Ausland wegen „Straftaten gegen das Reich oder die Besatzungsmacht“ Verurteilte „spurlos“ in einem Gefängnis im Reich „verschwinden“ sollten. Etwa 7000 des Widerstands Verdächtige aus Frankreich, den Beneluxländern und Norwegen wurden daraufhin nach Deutschland verschleppt, ohne dass ihre Angehörigen etwas davon erfuhren. Starben die Häftlinge in deutschen Gefängnissen, verschwanden auch ihre Leichen an unbekanntem Ort. Anatomien eigneten sich dafür besonders gut.

Wie Benito Blasco und Aleksas Krumplys kamen viele der Rottenburger Justizhäftlinge aus dem besetzten Ausland. Denn zur Lösung des Arbeitskräftemangels hatte das Oberkommando der Wehrmacht im Mai 1942 angeordnet, Gefangene, die im Ausland zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt worden waren, in deutsche Gefängnisse zu überstellen. Diese Vorgabe zur Strafdauer sank kontinuierlich, bis schließlich sogar Untersuchungshäftlinge einbezogen wurden. Auf Wunsch der Daimer-Benz AG kamen die ausländischen Strafgefangenen in Rottenburg „aus Geheimhaltungsgründen“ nach ihrer Haft nicht frei, sondern wurden bei beteiligten Subfirmen dienstverpflichtet.

Im Verlauf des Krieges wuchs die Belegung des Rottenburger Gefängnisses von ca. 300 auf 1000 Häftlinge an. Manche hatten schon mehrere nationalsozialistische Zwangseinrichtungen hinter sich, als sie in Rottenburg eintrafen, oft das berüchtigte Emslandlager Bürgermoor oder/und das Straflager Esterwegen. Meist waren es Bagatelldelikte, die zu ihrer Einweisung geführt hatten. Der Gefängnisdirektor aber sah in ihnen nur Faulenzer, „Nörgler und Meckerer“. Im September 1944 versuchten drei Litauer auf dem Weg zur Arbeit zu fliehen. Die Wachmänner haben ihnen „unverzüglich nachgeschossen“ und zwei der Flüchtenden dabei getötet. Zufrieden berichtete Schwarz nach Stuttgart, dass sich seine zuvor durchgeführte „Schießübung auf stehende Figuren“ gelohnt habe. Er zwang alle litauischen Häftlinge, sich um ihren erschossenen Landsmann Peter Moisejev im Steinbruch aufzustellen, wo er ihnen eine Strafrede hielt.  Der zweite Erschossene, Leonas Asiranas, war im Neckar untergegangen.

Wie Aleksas Krumplys und Benito Blasco „verschwanden“ elf weitere Litauer spurlos in der Tübinger Anatomie, zudem zwei Holländer, ein Pole, ein Tscheche und zwei Franzosen. Aleksas Großneffe erzählt, dass der Vater das Verschwinden seines Sohnes nie überwinden konnte. Als sich die Sowjetunion nach Kriegsende Litauen wieder einverleibte, wollte er nicht ohne den Sohn das Land verlassen. Daraufhin wurde die Familie für Jahre nach Sibirien deportiert.

Gräber der Zwangsarbeiter der JVA auf dem Sülchenfriedhof Rottenburg

Gräber der Zwangsarbeiter der JVA auf dem Sülchenfriedhof Rottenburg

Benigna Schönhagen

Kein Erinnerungszeichen

Es waren an die 85 Justizhäftlinge, die zwischen 1943 und April 1945 in Rottenburg getötet wurden. Die Namen von 73 hat Wigbert Schuberth in seinem Buch „Der Schlüssel zum Schloss“ überliefert. Doch bis heute erinnert in Rottenburg nichts an die Ermordeten, weder am Gefängnis noch am Steinbruch, wo die Stollen nach dem Krieg gesprengt wurden. Nur am Rande der zwei Friedhöfe findet man noch einige Gräber. Am Steinbruch führt heute der Neckarradweg vorbei und der Deutsche Alpenverein betreibt dort eine Kletterwand. Über das Schicksal der Ermordeten an dieser Stelle zu erinnern, würde die bislang verborgene Geschichte sichtbar machen und sie im Gedächtnis der Stadt verankern.

Forschung zum Gräberfeld X

Weitere Informationen über das Gräberfeld X, Forschungsprojekte und zur Ausstellung in der Tübinger Alten Anatomie, Österbergstraße 3 (bis September 2025) gibt es unter www.graeberfeldx.de