Rottenburg · Wirtschaft: Rottenburger Maschinenbauer MAG Corcom: Die Transformation eingeleitet

Mit einer Menschenkette protestierte die Corcom-Belegschaft im September 2020 gegen die Schließungspläne.
Martin ZimmermannEs war ein „langes und tiefes Tal“. Diese Formulierung fiel gleich mehrfach bei einer Pressekonferenz am gestrigen Mittwochnachmittag in der Werkskantine der Maschinenbaufirma Corcom an der Siebenlindenstraße. Im September 2020, also vor zweieinhalb Jahren, war bekannt geworden, dass der Mutterkonzern MAG IAS die Produktion nach Ungarn verlagern und den Rottenburger Betrieb schließen wollte. Im März 2021 einigten sich Geschäftsführung, IG Metall und Betriebsrat auf ein neues Konzept und den (vorläufigen) Weiterbetrieb. Nochmal zwei Jahre später ist die Wende geschafft und der Standort Rottenburg ist auf absehbare Zukunft gesichert. Das verkündeten Geschäftsführer und Gewerkschafter gestern freudestrahlend.
Schon seit dem vergangenen Sommer ist der Betrieb an der Siebenlindenstraße wieder voll ausgelastet. Die Belegschaft arbeitet im Drei-Schicht-Betrieb - nach drei Jahren Kurzarbeit. Man hat viele neue Kunden an Land gezogen. Und nach jahrelangen Verlusten rechnet MAG-Geschäftsführer Sebastian Schöning für 2023 erstmals wieder mit einem „ausgeglichen positiven Ergebnis“ in Rottenburg: also mit einem kleinen Gewinn.
Schöning kennt das Rottenburger Werk gut, weil er 2008/09 hier einmal Betriebsleiter war. Später wechselte er zu einer anderen Firma und kehrte im Mai 2021 zur FFG- und MAG-Gruppe zurück - als Europa-Chef. „Rottenburg ist ein sehr, sehr wichtiger Standort“ für die gesamte Gruppe, betonte er. Hier werden einzelne Komponenten (zum Beispiel Spindeln) entwickelt, getestet und in kleinen Stückzahlen produziert, die dann im Hauptwerk Eislingen und in anderen Fabriken in Werkzeugmaschinen eingebaut werden. Das Rottenburger Know-How habe eine „ganz wichtige Funktion im gesamten Firmenverbund“, sagte Schöning.
Externe Kunden gewonnen
In den vergangenen zwei Jahren habe MAG IAS knapp eine Million Euro in das hiesige Werk investiert; zuletzt in eine neue Software für die Produktionsplanung. Das sei zwar nicht übermäßig viel, räumte Schöning auf Nachfrage ein, aber es sei zunächst darum gegangen, den Standort Rottenburg „nachhaltig zu stabilisieren“. Das sei nun gelungen - auch dank vieler neuer externer Kunden. Dieses „Drittgeschäft“ mache bereits mehr als ein Drittel des Umsatzes aus.
Dass Rottenburg nicht mehr nur als Zulieferer für den eigenen Konzern produzieren, sondern externe Kunden an Land ziehen sollte (vor allem auch aus der E-Auto-Branche), das war einer der zentralen Punkte im „Alternativkonzept“ von IG Metall und Betriebsrat. Damit wollten sie die Schließung abwenden und die „Transformation“ (weg vom Verbrenner-Motor) einleiten.
Mit dem „Alternativkonzept“ war freilich eine befristete Lohnkürzung verbunden: Im Jahr 2021 wurden Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld ganz gestrichen (das entsprach grob einer zehnprozentigen Lohnkürzung), 2022 gab es immerhin die Hälfte. Die Belegschaft habe diesem Rettungsplan einstimmig zugestimmt.
Sowohl der Betriebsratsvorsitzende Firmin Mauch als auch Geschäftsführer Schöning lobten den Zusammenhalt in der Belegschaft. Trotz ungewisser Zukunftsaussichten hätten vor zwei Jahren nur wenige Leute die Firma verlassen. Vor der Krise arbeiteten noch 130 Beschäftigte im Rottenburger Werk, zwischenzeitlich sank die Zahl auf 94. Zehn weitere Beschäftigte wurden zeitweise an andere Firmen verliehen.
Mittlerweile ist Corcom Rottenburg wieder bei 109 Leuten angelangt, und Schöning kündigte an: „Wir bauen weiterhin moderat Personal auf.“ Die vier Industriemechaniker-Azubis, die im Januar ihre Ausbildung abschlossen, wurden alle fest eingestellt.
Einst einer der größten Betriebe in Rottenburg
Das kugelrunde Jubiläumsjahr spielte beim gestrigen Pressegespräch keine Rolle: Im Jahr 1923 hatte der Fabrikant Karl Hülle in Ludwigsburg den Vorläuferbetrieb gegründet.
1961 startete das Zweigwerk an der Rottenburger Siebenlindenstraße und wurde als „Hüller Hille“ bald zu einem der größten Industriebetriebe in der Stadt, mit mehr als 500 Beschäftigten.
Nach mehreren Eigentümerwechseln gehört das heutige Corcom-Werk seit 2015 zum MAG IAS- Konzern (Hauptsitz in Eislingen), und der wiederum gehört zur Fair Friend Group mit Sitz in Taiwan.