Schmotziger Donnerstag: Trotz Wind und Regen – närrisches Treiben in der Rottenburger Innenstadt

Bunte Damen auf dem Marktplatz – sie arbeiten im Alltag alle in einer Rottenburger Praxis.
Rebecca FelchleDie Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Mit der Schülerfasnet startet das närrische Rottenburg am späten Vormittag langsam in den Schmotzigen Donnerstag. Bei Nieselregen von oben muss Oberbürgermeister Stephan Neher in seinem herzigen Kostüm die Jugendlichen auf dem Marktplatz gleich dreimal mit „Narri!“ wachrütteln, aber selbst beim dritten „Narro!“ antworten sie noch verhalten. Sind die jungen Närrinnen und Narren etwa schon so früh müde von der Fasnet? Außer der musikalischen Beschallung mit Ballermann-Hits und den üblichen Fressständen gibt es jedenfalls kein Programm.
Mehr Party, weniger Programm?
Das bedauert Dorothea Rieger, die ihre von Narren befreiten Schüler vom Paul-Klee-Gymnasium bis vors Rathaus begleitet hat: „Ich finde, wir müssen die Jugendlichen für dieses positive Brauchtum begeistern.“ Um die Kostüme zu würdigen, schlägt sie einen Wettbewerb vor – den gab es in der Vergangenheit auch schon. Vielleicht kann sich die Jugendvertretung, die die Schülerfasnet organisiert, das fürs kommende Jahr merken? Rieger findet jedenfalls, die Veranstaltung müsse „weg von Fressen und Saufen“.
Programmpunkte beim Schmotzigen in Rottenburg
Los geht’s traditionell am Donnerstagmorgen mit der Schülerbefreiung (auch viele Kindergartenkinder). Üblicherweise ziehen schon vormittags verschiedene Laufgruppen und Kapellen durch die Gassen.
Etwa um 10 Uhr beginnt die Schülerfasnet auf dem Marktplatz (für Achtklässler aufwärts). Ab 13.30 Uhr (diese Uhrzeit hat sich landauf, landab als närrischer Tagesanfang etabliert) geht es dann über in die allgemeine Straßenfasnet: Je nach Wetterlage füllen sich Rathausfoyer, Marktplatz und Altstadtgassen mit buntem Treiben.
Wie in jedem Jahr wird „Gräfin Mechthild“ am Donnerstag um 19 Uhr die „Narrenfreiheit“ proklamieren: „Narri, Narro: Jetzt isch’s halt so.“ Pompele-Kellerspuk, Hexentanz und Ahlandtanz auf dem Marktplatz, anschließend geht’s hinauf zur Festhalle zur Hallenfasnet.
Die Geschichtslehrerin ist als das deutsche Grundgesetz verkleidet, auf ihrem Rücken steht Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das sei ihr wichtig, sie wolle sich mit dem Kostüm nicht über das Gesetz lustig machen, sondern seine Bedeutung darstellen. Die Jugendlichen sind zum Beispiel als Tiere verkleidet, ganz subtil, mit Rehgeweihen als Haarreifen oder mit Mauseohren. Ob die Schülerinnen und Schüler sich auch so viele Gedanken über ihre Kostüme gemacht haben wie Rieger?
Eine junge Frau sticht jedoch heraus: In Knallorange steht die Gymnasiastin bei ihren Freundinnen. Sie ist als Lorax verkleidet, die Figur aus dem gleichnamigen Animationsfilm. Mit einem Kissen als Polster hat sie sich einen runden Bauch verpasst. Ihr gelber Bart und die genauso gelben, buschigen Augenbrauen verdecken ihr halbes Gesicht. „Der Lorax ist gerade überall im Internet, eigentlich hätte ich mehr davon erwartet“, sagt die Schülerin. Und woher kommt das Kostüm? „Alles von Amazon, kein Problem.“

Aus Engstlatt sind diese Wischmopps zum närrischen Großputz nach Rottenburg gekommen.
Uschi HahnGegen Mittag ziehen die Jugendlichen so langsam weiter. Jetzt verlagert sich die Party ins Rathaus zum Narrengericht. Währenddessen ist auf dem Marktplatz tote Hose. Die Narren scheinen bislang nicht sonderlich regenfest zu sein. Ein Mutter-Tochter-Paar schlendert Arm in Arm unterm Regenschirm in Richtung Rathaus. Sie sind als Pilze verkleidet, passen also in das Regenwetter. Rote Bäckchen und viele weiße Punkte mit Make-up aufgemalt, rote Fellhüte mit weißen Flecken und ein paar Blümchen auf die Westen gestickt – fertig ist der Look. Die Tübingerinnen sind nur ausnahmsweise am Schmotzigen in Rottenburg unterwegs: „Eigentlich sind wir immer am Bodensee.“ Wegen des Wetters hätten sie sich für einen kürzeren Ausflug entschieden.
Kurz vor 14 Uhr hat das Narrengericht im Historischen Sitzungssaal des Rathauses fertig getagt. Es kommt immer noch nass vom Himmel. Eine Gruppe Rottenburger Altstadtteufel hat unterm Vordach des Pizzawagens vorm Dom Schutz gesucht. Das Wetter sei ihnen piepsegal, behaupten sie. „Wir lassen uns den Schmotzigen nicht vom Regen vermiesen.
Immer wieder blitzt am Nachmittag die Sonne für wenige Sekunden aus den dunklen Regenwolken. Aber sie scheint wenig begeistert von der Narretei auf dem Marktplatz. So macht sie schnell wieder Platz für den nächsten Regenguss. Wo sonst am Schmotziga das närrische Volk dicht an dicht feiert, stehen dieses Mal nur vereinzelte Grüppchen herum. Viele Leute verziehen sich ins Rathausfoyer, wo fröhlich gezecht und geschunkelt wird.
Vorsicht, Rutschgefahr!
Wer trotz des miesen Wetters im Kostüm auf der Gass ist, hat trotzdem Spaß. Zum Beispiel drei Frauen aus Engstlatt, die sich als Wischmopps verkleidet haben und mit Warnschild übers Marktplatzpflaster schlendern: „Vorsicht Rutschgefahr“.
Oder eine siebenköpfige Gruppe mit bunten Röcken, genauso bunten Perücken und blauen Stulpen. Sie sind Mitarbeiterinnen einer Praxis aus Rottenburg. „Wir haben heute Morgen noch gearbeitet“, sagt eine der gut gelaunten Regenbogenfrauen. Bis 12.30 Uhr seien sie in der Praxis gewesen und hätten in den Kostümen gearbeitet. Dann noch schnell die Glitzerschminke aufgefrischt und ab zum Marktplatz.
Im Rathausfoyer sind indes blau-goldene Zauberer angekommen. Sie haben goldene Zauberstäbe mit Sternchen an der Spitze und schimmern blau im Gesicht. Es ist die Gruppe der Kindertagesstätte St. Remigius, die sich dieses Jahr das zauberhafte Motto ausgedacht hat. Der Narrensamen sammelt sich auf der Treppe im Foyer und wartet ungeduldig darauf, das Publikum zu unterhalten. Als alle bereit sind, geht es los: Auf die Melodie von „Eine Insel mit zwei Bergen“ singen die Kinder einen neuen Text über ihre Zauberei. Das Publikum im Foyer klatscht verzaubert.
Es ist Spätnachmittag geworden. Zeit zum Durchschnaufen. Denn erst am Abend geht's weiter auf dem Marktplatz. Erst wenn um 19 Uhr Gräfin Mechthild vom Rathausbalkon die Fasnet proklamiert hat, geht's wirklich dagega. Erst dann führen die Pompele ihren Kellerspuk auf, tanzen die Stadthexen ums Feuer und hoppen die Ahlande. Dann isch's halt so in Raudeburg.














