Beim Eisessen entwischt: Polizei fahndete in Rottenburg mit Hunden und Hubschrauber nach zwei Männern

Ein Polizeihubschrauber kreiste am Mittwoch über Rottenburg.
SommerRottenburg. Viele Polizisten, manche davon mit Mantrailer-Hunden an der Leine, prägten auch noch am Donnerstagvormittag das Rottenburger Stadtbild. Aus „taktischen Gründen“, so ein Polizeisprecher am Morgen, habe man sich nicht zur Öffentlichkeitsfahndung entschlossen. Darum veröffentlichten die Ermittler also auch keine Personenbeschreibung des Gefangenen, der sich am Mittwochnachmittag bei einem Ausgang auf dem Rottenburger Marktplatz aus dem Staub gemacht hatte.
In der Kernstadt wimmelte es anschließend zeitweise nur so von Polizeistreifen auf der Suche nach dem Flüchtigen. Gegen Mittwochabend kreiste lange Zeit ein Polizeihubschrauber über der Rottenburger Innenstadt sowie über den Feldern hinterm Kreuzerfeld. In den verschiedenen sozialen Medien sorgten sich Hunderte Rottenburger um ihre Sicherheit. Auch am Donnerstag war wieder viel Polizei auf den Straßen. Die Fahndung blieb jedoch bislang ohne Erfolg.
Laut Matthias Weckerle, dem Leiter der Rottenburger Justizvollzugsanstalt (JVA), handelt es sich bei dem Entflohenen um einen 30-jährigen Mann, der seit 2015 wegen Eigentumsdelikten in Rottenburg einsaß. Im September 2017 hätte er seine Haftstrafe verbüßt. Es handle sich weder um einen Sexualstraftäter noch um einen Gewaltverbrecher, beruhigt auch Weckerle.
Der Mann, der nicht aus dem Landkreis Tübingen stammt, habe innerhalb der Rottenburger JVA in einer Wohngruppe für Insassen mit Drogenproblemen gelebt. Zur Suchttherapie gehören dort auch Ausgänge in die Stadt. Gegen Ende eines solchen Ausgangs sei der 30-Jährige am Mittwoch in Begleitung eines anderen Häftlings und zweier JVA-Bediensteter auf dem Rottenburger Marktplatz Eisessen gewesen. Dann sei er aber nicht von der Toilette zurückgekommen.
Weckerle betont, dass seine JVA-Mitarbeiter bei diesen sogenannten milieu-therapeutischen Ausgängen nicht dafür verantwortlich seien, die Gefangenen auf Schritt und Tritt zu begleiten. Die Ausgänger sollten sich vielmehr frei bewegen und dabei zeigen, dass sie sich auch an Weisungen halten. Das klappt jedoch nicht immer. Weckerle sagt aber, dass nur sehr selten Sträflinge die Gelegenheit zur Flucht ergreifen. Meist handle es sich dann um „Kurzschlussreaktionen“.
In der Nacht zum Donnerstag sorgten Einsatzkräfte dann wegen eines weiteren Falls in der Rottenburger Innenstadt für Aufsehen.
Gegen 23.20 Uhr am Mittwochabend war ein Mann – laut Polizei nicht zum ersten Mal – um ein Wohngebäude in der Niedernauer Straße geschlichen. Als eine Streife vorfuhr, flüchtete er über die Hagenwörtstraße in ein Gebüsch am Neckarufer. Ein Polizist hörte es platschen, die Beamten fanden den Mann aber weder am Ufer noch im Wasser. Eine Polizeihubschrauberbesatzung suchte vergeblich den Neckar bis zum Kraftwerk ab. Auch die Wasserrettung der Feuerwehr wurde hinzugezogen. Parallel fahndete die Polizei mit bis zu 45 Leuten nach dem Flüchtigen. Auch am Donnerstag setzte die Wasserschutzpolizei die Suche zwischen oberer und mittlerer Brücke mit Schlauchbooten und Sonar fort.
Bereits in der Nacht hatten sich konkrete Hinweise ergeben, dass es sich bei dem Gesuchten um einen 21-jährigen Mann handelt. Am Donnerstag bestätigten dann zwei Zeugen unabhängig voneinander, diesen Mann an unterschiedlichen Orten in Rottenburg gesehen zu haben. Nach letztem Erkenntnisstand der Polizei ist der 21-Jährige wohlauf. Er halte sich aber weiterhin aus unbekannten Gründen vor der Polizei verborgen.
Ausgänge, Freistellungen und Nichtrückkehrer
Bei den sogenannten
vollzugsöffnenenden Maßnahmen wird zwischen Ausgang und Freistellung unterschieden.
Ausgang an einem Tag haben Gefangene meist in Begleitung von Verwandten, anderen Bezugspersonen, JVA-Bediensteten oder externen Betreuern. Bei einer Freistellung darf der Gefangene eine oder gar mehrere Nächte zu Hause, meist bei der Familie, verbringen. Ob ein Insasse reif für Ausgang oder Freistellung ist, entscheiden in der JVA Vollzugsbeamte, Psychologen und Sozialpädagogen gemeinsam.
Im Jahr 2015 hatten bei der JVA Rottenburg 160 Gefangene insgesamt 778 Mal Ausgang. Alle kehrten wieder ins Gefängnis zurück. 2014 kam von 177 Gefangenen bei 927 Ausgängen einer nicht wieder, ebenso 2013 einer von 184 Gefangenen bei 999 Ausgängen.
Bei 1306 Freistellungen von 121 Gefangenen kam 2015 einer nicht wieder. 2014 waren es vier Nichtrückkehrer von 143 Gefangenen bei 1372 Freistellungen. 2013 kam von 135 Gefangenen bei 1271 Freistellungen einer nicht zurück in die JVA.
