Vorreiter des Klimaschutzes: Ein Unikat, nicht nur modisch

Hans-Jürgen Stede ist dankbar für seine Zeit beim Landratsamt Reutlingen – und dankbar für einen wunderbaren Abschiedsabend in der Eninger Grieshaber-Halle, der ihm „viele Sonnenstrahlen für schlechtere Zeiten“ geschenkt habe.
Maik WilkeDoch, er hat ein Exemplar davon im Schrank hängen. Aber genau dort bleibt er auch, zumindest die überwiegende Zeit: ein navyblauer Anzug. „Ich habe sogar einen schwarzen Anzug, aber ich ziehe beide so selten an wie möglich“, sagt Hans-Jürgen Stede und lacht. „Die Welt ist grau und traurig genug – da muss ich nicht auch noch meinen Beitrag leisten.“ Der Metzinger mag Farben, und deshalb erschien er zu seiner Abschiedsfeier am Montagabend so, wie man es vom scheidenden Ersten Landesbeamten im Kreis Reutlingen kennt: eine gelbe Hose, darüber ein grünes Hemd mit Streifen und ein lockeres blaues Sakko. Eine Kombination, die nicht viele Menschen tragen können – Hans-Jürgen Stede kann es.
Sein außergewöhnlicher Modestil war einer von vielen Aspekten, die die Verabschiedung des 63-Jährigen besonders machten. Die persönlichen Beiträge von Freunden, die lobenden Worte von langjährigen Wegbegleitern, immer gepaart mit Selbstironie und Humor: Es war ein Abend, sinnbildlich für 24 Jahre, in denen Hans-Jürgen Stede den Landkreis Reutlingen vor allem bei den Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz vorangebracht hat. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Die Beziehungen zu Menschen war mir immer wichtig und so war dieser Abend für mich unglaublich berührend“, sagt Stede im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE am Dienstagmorgen. Wenige Stunden zuvor, kurz vor Beginn seines Abschiedsabends, betonte Stede, dass er keine Wehmut spüre. Und doch: „Am Ende habe ich schon mit den Tränen gekämpft.“
Freundlich, herzlich, ehrlich und ein wenig pedantisch
Freundlich, offen, ehrlich, zuverlässig, herzlich; fachlich fundiert und detailversessen – in manchen Fällen pedantisch. So beschrieben mehrere Weggefährten Stede vor 150 Gästen in der Grieshaber-Halle. Dass man so offen über eine negative Eigenschaft spricht, zeigt: Alle Kolleginnen und Kollegen konnten mit ihm immer auf Augenhöhe reden. „Du warst und bist voller Überzeugung für deine Themen. Wir werden dich als Kollegen und als Menschen vermissen“, sagte Landrat Dr. Ulrich Fiedler. „Mit dir verlässt uns kein Mainstream-Manager, wie sie gerade überall auftauchen, sondern ein Unikat.“ Sein Vorgänger, Thomas Reumann, hat Stede in 16 gemeinsamen Jahren als treuen Sparringspartner empfunden. „Selbst, wenn wir nicht einer Meinung waren. Dann hast du intern Klartext gesprochen, aber nach außen warst du absolut loyal.“
Und dann muss Reumann lange durchschnaufen. Tief einatmen, Luft holen. Denn: „Aber puh, deine Gründlichkeit. Die war manchmal richtig anstrengend.“ Ja, Stede hat saubere Arbeit gefordert. Anträge auf Zuschüsse oder Vorlagen für den Kreistag drehten lieber eine Extraschleife, als nicht exakt formuliert zu sein. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter drehten diese Schleifen an seiner Seite – und wenn in langen Sitzungen die Kraft ausging, „hattest du zum Glück immer ausreichend Schokoladenvorräte in der Schublade. Mon Chéri zum Beispiel“, plauderte Julia Bernecker, Leiterin der Abteilung Nachhaltige Regionalentwicklung.
„Ebbes guad's“, „Expresso“ und das Biosphärengebiet
Hans-Jürgen Stede kam 2000 zur Reutlinger Kreisverwaltung. Als der Metzinger in Stuttgart gelesen hatte, dass die Stelle des Ersten Landesbeamten frei wird, „war mir noch in diesem Moment klar, dass ich mich darauf bewerben werde, und dass das mein weiterer beruflicher Weg sein soll“. Stede lebte Nachhaltigkeit, bevor das Wort richtig bekannt wurde. Von 2001 bis 2013 setzten er und seine Fachmitarbeiter über die Förderprogramme „Plenum“ und „Regionen aktiv“ mehr als 500 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 12,5 Millionen Euro um. 2003 folgte der „Expresso“, der Schnellbus zum Stuttgarter Flughafen. „In den Folgejahren war es im Kreistag ein hartes Ringen um Zuschüsse. Umso schöner ist es, dass die Förderungen heute selbstverständlich sind.“ Ebenfalls von Stede maßgeblich initiiert: „Ebbes guad's“, eines der bundesweit größten Apfelsaft-Aufpreis-Projekte. Und die Liste geht weiter: „Schwäbisches Hanami“, das Jagdimpulsprogramm „Wilde Wochen“, die Klimaschutzagentur und: das Biosphärengebiet. Mit der beantragten Erweiterung um 40.000 Hektar auf dann etwa 120.000 Hektar wäre das Unesco-Reservat halb so groß wie das Saarland. „Ich bin dankbar für die tolle Entwicklung dieser Projekte“, sagt Stede. „Es waren keine Strohfeuer, sondern die Projekte sind über die Jahre größer und stärker geworden.“
Lymphkrebs und legendäre Nussecken
Doch es gab auch schwere Zeiten im Leben des optimistischen und lebensfrohen Metzingers. 2015 und 2016 fiel Stede aufgrund einer Lymphkrebserkrankung aus, im vergangenen Jahr kämpfte er gegen Prostatakrebs. In der Belegschaft hat der 63-Jährige seine Erkrankung nicht verheimlicht. „Ich war offen und habe etwas Wertvolles zurückbekommen. Anteilnahme und Verständnis haben etwas Berührendes und es war beeindruckend, wie meine Kollegen meine Arbeit wie selbstverständlich mitgetragen haben.“ Für die Kollegen war dagegen beeindruckend, wie Stede mit dem Krebs umgegangen ist. „Du wolltest keine falsche Rücksichtnahme, sondern bist zum Vorbild für andere geworden“, sagte Rainer Mayer, Leiter der Geschäftsstelle Kreistag.
Mayer und Ordnungsdezernent Philipp Hirrle spielten am Klavier (Hirrle) und am Bariton ein wundervolles „Time to say Goodbye“. Für die Verpflegung sorgte unter anderem Hans-Jürgen Stedes Frau, Christel Plate-Stede – denn ihre Nussecken sind in der Kreisverwaltung legendär, wie mehrfach unabhängig voneinander bestätigt wurde. Für Hans-Jürgen Stede, der offiziell Ende August ausscheidet und übrigens noch immer mit einem Renault Kangoo Baujahr 2007 durch den Landkreis fährt, endet eine wunderbare Zeit im Landratsamt mit einem wunderbaren Abschiedsabend. Dieser habe ihm „viele Sonnenstrahlen für schlechtere Zeiten“ geschenkt.


