Vesperkirche in Reutlingen: Ein „Hauch von Magie“ in der Vesperkirche

Vier Wochen lang gibt es nun in der Reutlinger Vesperkirche wieder jeden Tag warmes Essen und Gemeinschaft.
Norbert Leister- Die 29. Reutlinger Vesperkirche bietet vier Wochen lang tägliches Essen und Gemeinschaft.
- Eröffnung am Sonntag mit Rinderbraten, Spätzle und Zauberei von Dr. Gernot Bohnenberger.
- Rekord: 350 Ehrenamtliche helfen dieses Jahr – Warteliste für Freiwillige eingeführt.
- Themenabende zu Armut und Podiumsgespräch zur Landtagswahl geplant.
- 170.000 Euro benötigt, Benefizkonzerte und Spenden sichern den Betrieb.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Die Reutlinger Vesperkirche setzt ein sichtbares Zeichen dafür, dass jeder Mensch wertvoll ist“, betonte Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck am Sonntag in seinem Grußwort zum Start der 29. Vesperkirche. Eine leicht nervöse Vorfreude war bei den Ehrenamtlichen kurz vor dem Beginn deutlich zu spüren. Ob alles so funktioniert wie geplant, fragte sich Klaus Ege aus dem Leitungskreis.
Um 11 Uhr sollte der Gottesdienst vorbei sein, zeitgleich wurde das Essen von der Bruderhaus-Diakonie-Küche angeliefert. „Der Umbau muss dann ganz schnell gehen“, so Ege. Und der Umbau ging extrem schnell – während die Honoratioren noch ins Gespräch miteinander vertieft waren, wussten die Freiwilligen genau, wo sie anpacken mussten, um den Rinderbraten, Spätzle, Soße und Karottengemüse servierbereit in die Wärmetruhen zu bringen. Innerhalb von nicht einmal einer Viertelstunde war alles bereit für die Essensausgabe.
Ein Nicht-Theologe hält die Predigt
Vorher hatte es allerdings eine Neuerung in der Vesperkirche gegeben: „Noch nie hat mit Dr. Gernot Bohnenberger ein Nicht-Theologe die Predigt beim Eröffnungsgottesdienst gehalten“, sagte Vesperkirchen-Pfarrer Jörg Mutschler, der sich das Amt in den kommenden vier Wochen mit Birgit Hövel teilt.
Einen „Hauch von Magie“ hat Bohnenberger – der Arzt und Weltmeister-Zauberer, Sozialarbeiter, Koordinator und Ermöglicher im Ringelbach-Projekt „Hallo Nachbarn“ – in der Vesperkirche ausgemacht. Er hatte das Gleichnis von der Speisung der 5000 mit fünf Broten und zwei Fischen aus der Bibel entnommen und die Frage gestellt: „In einer hochkomplexen Welt suchen die Menschen nach Orientierung und Sinn, während gleichzeitig Menschen in der Welt hungern.“
Bohnenberger „zaubert“ ein Brot aus der Schüssel
Es gebe, auch in der Stadt Reutlingen, „weniger zu verteilen“ – allerdings zeige das Beispiel Vesperkirche (und auch das Projekt „Hallo Nachbarn“) eindeutig, dass viele Menschen gemeinsam „mit Fantasie und mutigen Entscheidungen Wunder bewirken können“, so der Zauberer und Arzt. „Dann reicht das Brot, es ist sogar mehr als genug“, sagte er und zauberte kurzerhand aus einer brennenden Schüssel ein fertiges Brot.
Wenn die einen, die mehr haben, etwas abgeben an die anderen, dann reiche es für alle. Das zeige sich in der Vesperkirche, wenn Menschen Zeit geben, offene Ohren und Herzen mitbringen oder Geld in Form von Spenden für den Betrieb der Vesperkirche.
350 Ehrenamtliche helfen in diesem Jahr bei der 29. Vesperkirche mit – ein Rekordwert, wie Dr. Joachim Rückle als Geschäftsführer des Diakonieverbands ausführte. „Wir mussten sogar eine Warteliste einführen und den einen oder die andere auf das nächste Jahr vertrösten“, sagte Sabine Steinkühler als Ehrenamts-Koordinatorin. „Das Wunder der Speisung der 5000 wiederholt sich in der Vesperkirche“, schlussfolgerte Gernot Bohnenberger. Und das jetzt noch vier Wochen lang, in der Reutlinger Vesperkirche, am Rand der Fußgängerzone.

Nach knapp 15 Minuten war die Essensausgabe servierbereit.
Norbert Leister„Lass uns den Weg der Gerechtigkeit geh’n“, sangen die Anwesenden im Gottesdienst vor dem Start des besonderen Gasthauses. „Hier erfahren die Menschen Würde und Respekt“, lobte OB Keck die riesige Zahl der Ehrenamtlichen, die sich vier Wochen lang in den Betrieb in der Nikolaikirche und im Gerber-Café einbringen. „Hier wird ein Beitrag geleistet, dass Hoffnung ganz konkret wird.“
Vesperkirche benötigt 170.000 Euro
Rund 170.000 Euro würden nach den Worten von Rückle mittlerweile für die Vesperkirche benötigt. Für Tante Friedas Jazzkränzchen, das am kommenden Donnerstag in der Nikolaikirche abends ab 19 Uhr spielt, wird allerdings kein Geld benötigt – die Musiker geben eine Benefiz-Vorstellung.
Thematisch wird in der Vesperkirche ein neues Format ausprobiert: Am Mittwoch, 21. Januar, 19 Uhr, steht ein Gesprächsabend auf dem Programm: In kleinen Gruppen kommen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Wort, und zwar mit ihren persönlichen Erfahrungen zu „Wie geht‘s mir beim Thema Armut.“
Armut steht auch am Mittwoch, 28. Januar, 19 Uhr, in der Nikolaikirche im Zentrum: An diesem Abend werden sich Kandidatinnen und Kandidaten zur Landtagswahl im Podiumsgespräch äußern. Am Donnerstag, 5. Februar, 19 Uhr, geht es hingegen eher vergnüglich zu, wenn Helge Thun und Sandra Müller den Abend gestalten.
