Verein Sonnenstrahlen in Pfullingen
: Wie dieser Verein den Kindern von schwerkranken Eltern hilft

Der Verein Sonnenstrahlen betreut Kinder schwerkranker Eltern, um psychischen Erkrankungen vorzubeugen. Wie der Verein arbeitet, wie er sich finanziert und welche Ziele er hat.
Von
Lea Irion
Pfullingen
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Reittherapie gehört zum Angebotsspektrum des Vereins Sonnenstrahlen. ⇥

Thomas Kiehl

Oskar war drei Jahre alt, als sein Vater den Kampf gegen einen aggressiven Hirntumor verlor. Der Kleine war bis zu jenem Tag ein quirliges Kind, ging gerne zu seinen Freunden in den Kindergarten und brabbelte vergnügt alles nach, was er in seinem Umfeld aufschnappen konnte. Dann war plötzlich Papa nicht mehr da, und von heute auf morgen hörte Oskar auf zu reden, so als ob der Tod seines Vaters alle Lebensfreude mit sich gerissen hatte, die der damals Dreijährige in sich trug.

Dann lernte Oskar Paula kennen. Paula war kein Mensch, sondern ein Pferd. Oskar konnte Paula alles erzählen, was er den Menschen nicht erzählen wollte. Er streichelte Paulas Nase und sprach über Papas Tod und seine Sorge um Mama, und auch darüber, ob er vielleicht Schuld hat an Papas Tod. Stück für Stück lernte Oskar, mit seinem Schmerz umzugehen. Nach fast vier Monaten suchte er wieder das Gespräch zu seinem richtigen Umfeld. Er sprach sogar wieder so viel, dass er eines Tages in den Kindergarten ging und seine Freunde zu Paula einlud.

RKI geht von großer Dunkelziffer betroffener Kinder aus

Oskars Schicksal ist kein Einzelfall. Das Robert-Koch-Institut geht von grob geschätzt 50.000 Kindern und Jugendlichen in Deutschland aus, deren Eltern pro Jahr an Krebs erkranken. Doch die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen – auch deshalb, weil die Zahl nicht jene Familien einberechnet, die schon länger gegen den Krebs ankämpfen.

Ebenfalls nicht berücksichtigt sind alle anderen Krankheiten, die nichts mit Krebszellen zu tun haben, aber trotzdem tödlich enden (können), zum Beispiel amyotrophe Lateralsklerose, was unter der Abkürzung „ALS“ im Volksmund geläufiger ist und durch Muskellähmungen zum Tod führt.

Förderverein will helfen, bevor die Kinder krank werden

Als sei eine solche Diagnose an sich nicht schon schlimm genug, fallen in betroffenen Familien die Kinder oft durchs Raster, wenn ein Elternteil todkrank ist. Es gelingt dem Gesundheitssystem und schlichtweg nicht, sich gebührend um die Ängste der Kinder zu kümmern, die durch die psychischen Belastungen über kurz oder lang selbst krank werden. Damit das nicht erst passiert, gibt es seit 2010 den Verein Sonnenstrahlen in Pfullingen, gegründet von einer zweifachen Mutter, die selbst schwer an Krebs erkrankt war und zwischenzeitlich verstorben ist: Verena Stub.

Das Büro des Vereins liegt in der Daimlerstraße 11 in Pfullingen und fungiert als verwaltendes wie auch beratendes Herz des Vereins. Dort hocken an einem Freitagmittag drei besondere Mitglieder zusammen an einem Tisch: die Vorstandsvorsitzende Alexandra Stephan, Geschäftsstellenleiterin Lou-Ann Reumann und ihr Vater Thomas Reumann, seinerseits ehemaliger Landrat des Kreises Reutlingen.

Es ist ein bewegendes Gespräch über Kinder wie Oskar, deren Eltern viel zu früh aus ihrem Leben scheiden oder die lange mit der Ungewissheit zu kämpfen haben, wie lange Mama oder Papa noch am Leben sind. Für diese Kinder gibt es den Verein Sonnenstrahlen.

32 Kindern konnte der Verein im Jahr 2023 helfen

Zusammen mit verschiedenen Therapeutinnen bekommen sie durch Kunsttherapie, Erlebnispädagogik, Ergotherapie oder pferdegestützte Therapie einen Anker zurück, der ihnen durch die Erkrankung der Eltern genommen wurde. Oskar war eines dieser Kinder.

32 Kindern aus 23 Familien konnte der Verein Sonnenstrahlen im Jahr 2023 in über 140 Begleitstunden helfen. Doch der Bedarf wird damit nicht abgedeckt. „Wir wollen dafür sensibilisieren, dass Kinder wahrgenommen werden“, sagt Alexandra Stephan, und Thomas Reumann ergänzt: „Uns geht es darum, Kindern zu helfen, bevor sie krank werden.“

Kosten fallen für die Familien keine an, weil sich der Verein über Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert. Noch besser wäre eine Teilfinanzierung über die Kassen, woran der Verein im Moment arbeitet. „Studien haben den schulischen Leistungsabfall, die soziale Isolation und weitere Auffälligkeiten betroffener Kinder längst nachgewiesen“, weiß Reumann. Aber weil Krankenkassen bislang nur dann helfen, wenn die Kinder bereits erkrankt sind, erhält der Verein keine Zuschüsse – noch nicht zumindest.

Anrufe kommen aus vielen Ecken Deutschlands

Wie gut die prophylaktische Arbeit des Vereins wirkt, beweisen Schicksale wie das von Oskar oder einer jetzt jungen Frau, deren Mutter vor wenigen Jahren gestorben ist, als sie noch ein Teenie war. „Sie hat jetzt wieder das Gespräch zu unserer Therapeutin gesucht“, erzählt Lou-Ann Reumann.

Es werde niemand abgewiesen, der später im Leben noch mal Hilfe braucht. „Das ist ja nicht wie ein Lichtschalter, den man einfach umlegen kann“, sagt Alexandra Stephan. Trauer sei ein sehr individuelles Empfinden, womit jede und jeder anders umgeht – vor allem in jungen Jahren.

Lou-Ann Reumann bekommt manchmal Anrufe von weiters weg, zum Beispiel aus Dresden oder Düsseldorf, weil Vereine wie der in Pfullingen selten sind. „Wir können das Schicksal der Kinder nicht ändern, wir können die Mama nicht wieder lebendig machen“, sagt Thomas Reumann, „aber wir können dabei helfen, dass dieses Menschlein seinen Weg zurück ins Leben findet“.

Symposium am 12. Juli in Pfullingen geplant

Am Freitag, 12. Juli, veranstaltet der Verein Sonnenstrahlen in der Akademie der Kreiskliniken ein Symposium mit diversen Experten der Psychologie. Geladen sind unter anderem Prof. Tobias Renner, Leiter der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie, Prof. Dr. Bianca Senf, Expertin in Sachen Psychoonkologie, Kriseninterventionsexperte Georg Roth und Intensivpflegekraft Maria Brauchle. Schwerpunkt ist die Sensibilisierung für Kinder schwerkranker Eltern. Am Sonntag, 28. April, findet außerdem ein Benefizkonzert zugunsten des Vereins statt. Auftreten wird der Künstler Jay Alexander von 19 Uhr bis 20.30 Uhr in der Marienkirche in Reutlingen. Tickets gibt es noch im Web.

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