Der Angeklagte, ein 27-jähriger Somalier, erzählte vor dem Landgericht : Er sei von einem Gambier immer wieder beleidigt und angegangen und auch mit Pfefferspray besprüht worden. „Und wenn ich in der Küche war und kochen wollte, dann hat er den Feueralarm ausgelöst“, so der Angeklagte. So sei er nie richtig zum Kochen gekommen. Der 28-jährige Gambier hingegen sagte: „Ich arbeite, ich gehe morgens um 6 Uhr und komme abends um 6 wieder zurück – ich hab’ gar keine Zeit, so was zu tun.“
Vorgeworfen wird dem angeklagten Somalier, dass er am 2. Januar diesen Jahres in einer Reutlinger Flüchtlingsunterkunft dem Gambier mit Pfefferspray ins Gesicht gesprüht und anschließend versucht haben soll, seinen Kontrahenten mit einem Messer zu verletzen – oder ihm gar noch Schlimmeres zuzufügen. Schon zuvor habe er gerufen: „I will kill you.“
Vor dem Schwurgericht in Tübingen schilderte der Somalier sein Verhalten allerdings als eine Folge von Provokationen des 28-Jährigen ihm gegenüber: Der Gambier habe am 2. Januar an seine Zimmertüre geklopft und zu ihm gesagt, sie sollten nach draußen gehen. Dort habe er ihn dann angegriffen. Der Somalier habe sich also nur verteidigt – zuerst mit dem Spray, dann mit dem Messer.

Gönningen

Dem widersprach jedoch der gambische Staatsangehörige. Er habe nur kurz zum Supermarkt gehen wollen. Kaum habe er die Unterkunft verlassen, sei der Somalier hinter ihm her gerannt, habe gerufen „I will kill you“ und ihm Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. Mit seinem Rucksack habe der Gambier versucht, den Angriff abzuwehren, was ihm nur zum Teil gelang. Als dann die versuchten Messerstiche hinzukamen, habe er den Rucksack noch fester gepackt, um die Stiche abzuwehren.
Gleichzeitig sei es ihm gelungen, ein Auto zwischen sich und den Angreifer zu bringen. Die Jagd ging dann wohl wenige Minuten um das Auto herum, bis die alarmierte Polizei kam und den Somalier festnahm. Der beklagte sich vor Gericht darüber, dass der Version der anderen Zeugen geglaubt werde – ihn habe man aber gar nicht erst angehört.
Was so offensichtlich nicht stimmte, denn es gab ja schließlich ein Vernehmungsprotokoll, worin etwa geschrieben stand, dass der Somalier zugegeben habe, „I will kill you“ gerufen zu haben. „Ja, aber nur so“, habe der 27-Jährige daraufhin geantwortet. Vor dem Landgericht sagte er nun: Er könne doch eh kein Englisch und nur ganz wenig Deutsch. Und überhaupt: Sein Asylantrag sei abgelehnt worden. Seine Familie sei in einem Flüchtlingslager in Kenia gewesen, befinde sich nun aber in Norwegen. Er habe hier nicht arbeiten und zudem keinen Sprachkurs machen dürfen.
Grundsätzlich sei er aber ein sehr friedliebender Mensch. Und ein Einzelgänger. „Ich habe gesehen, was für Probleme im Umgang mit anderen entstehen können, deshalb bleibe ich am liebsten allein.“ Einmal sagte der 27-Jährige, dass er elf Jahre in Europa sei, ein anderes Mal, dass er 2015 von Somalia nach Deutschland gekommen sei. Vor der Unterkunft in Reutlingen sei er in einem anderen Gebäude gewesen, er habe aber um eine Verlegung gebeten – weil er befürchtet habe, von einem Magier verzaubert zu werden.
Aber auch in der neuen Unterkunft hätten andere Mitbewohner Kontakt zu dem Zauberer aufgenommen – und das sei nun wohl der Grund, warum der Gambier ihn nicht in Ruhe lasse. Als Beweis für den Einfluss des Magiers führte der Somalier an: Er sei jetzt in der Untersuchungshaft in einer Zelle mit der Nummer 3. In einer Flüchtlingsunterkunft habe er ebenfalls in Zimmer Nummer 3 gelebt. Das könne nur mit dem Zauber zusammenhängen.
In welcher Sprache sich denn die beiden Kontrahenten unterhalten oder auch beschimpft hätten, wollte Verteidiger Hans-Christoph Geprägs wissen. Sein Mandant, der Somalier sagte, er könne nur seine Muttersprache, der Gambier habe ihn auf Deutsch und Englisch beschimpft. Ob denn der Angeklagte schon mal in psychiatrischer Behandlung gewesen sei, wollten die Richter wissen. Nein, sagte der Somalier. Die Verhandlung wird am 2. Juli fortgesetzt.