Trauerarbeit im Hospizdienst: So läuft die Arbeit einer Kindertrauergruppe in Reutlingen
Es gibt wohl keinen Menschen auf der Welt, der den Verlust einer geliebten Person einfach so verkraftet. Doch der Trauerprozess ist dann ein anderer, wenn Kinder einen Menschen verlieren, der ihnen nahestand. Das hat die Trauergruppe für Kinder beim Ambulanten Hospizdienst im Kreis Reutlingen längst erkannt. Seit zehn Jahren gibt es dort nun schon eine Trauergruppe für Kinder ab acht Jahren.
Heike Schneider ist von Anfang an dabei: Sie machte ihre Weiterbildung zur Kinder- und Jugendtrauerbegleiterin im Hospiz in Degerloch. Der Aufbau der Gruppe in Reutlingen war mit einer Lernkurve verbunden: Schneider und die Kollegin, die ebenfalls die Weiterbildung absolvierte, stellten beispielsweise schnell fest, dass der Montagnachmittag vielleicht nicht der beste Termin für die monatlichen Gruppentreffen ist. Vor allem dann nicht, wenn ein Elternteil verstorben ist und der oder die Hinterbliebene in Vollzeit arbeiten muss.
Inzwischen ist die Organisation der jährlichen Gruppen allerdings eine eingespielte Sache: Etwa zwölf Teilnehmende werden es in diesem Jahr sein, vom März bis einschließlich Oktober werden sich die Kinder ein Mal im Monat treffen – und auch die Eltern sind eingebunden: Sie können sich in der Zeit des Treffens in einem sogenannten Elterncafé bei einer Tasse Kaffee austauschen.
Bei der Trauergruppe geht es aber nicht nur um solche Fälle, in denen Kinder ihren Vater oder ihre Mutter verloren haben. „Betroffen sind ganz einfach Kinder, die einen geliebten Menschen verloren haben“, erklärt Dietmar Stooß als Trauerbegleiter und Koordinator im Bereich Kinder - und Jugendtrauer beim Hospizdienst.
Das können auch Oma oder Opa, ein Nachbar oder eine gute Freundin sein, um die getrauert wird.
Die Aktivitäten der Trauergruppe orientieren sich dabei an der Art und Weise, wie Kinder trauern. „Kinder springen beim Trauern sozusagen von Pfütze zu Pfütze.“ Stooß beschreibt damit, dass Kinder bei diesen Emotionen sprunghaft sind: „Vermisst ein Junge etwa im einen Moment den verstorbenen Opa und weint deswegen, springt er im nächsten dann lachend auf, wenn der beste Kumpel mit dem Fußball unterm Arm an der Haustür klingelt.“
Früher habe es deshalb geheißen, dass Kinder gar nicht trauern. Dabei hat die beschriebene Sprunghaftigkeit etwas Gutes: Sie sorgt dafür, dass die Seele des Kindes gesund bleibt.
Was oft ebenfalls nicht erkannt wird, ist der „doppelte Verlust“, der dann zum Tragen kommt, wenn in einer Familie etwa ein Geschwisterkind stirbt. Dann bleibt der Bruder oder die Schwester zurück – und die Eltern verändern sich durch den Verlust. „Das kann sich dann für das Kind anfühlen wie ein doppelter Verlust, auch wenn sich das nach einem harten Begriff anhört“, sagt Stooß.
Kerzenritual und Kreatives
In der Gruppe wird den Kindern Raum für alles gegeben – etwa um bei jedem Treffen eine Kerze anzuzünden und vor den anderen anzusprechen, wen sie verloren haben. Das Alter der teilnehmenden Kinder liegt zwischen acht und 15 Jahren. Einige machen auch mehrere Durchläufe in den Gruppen und können so mit anderen gezielter ihre Erfahrungen austauschen. Dietmar Stooß spricht dann vom Schaffen von „Trittsteinen“, die wieder Halt bieten können.
Doch trauernde Kinder müssen vollends umsorgt werden – das komplettiert sich dann im zweiten Teil der Trauerarbeit, wenn es um kreative Arbeit zur Trauerbewältigung geht. „Das Thema vom Anfang wird kreativ umgesetzt – mithilfe von Ton, Speckstein, mit Holz oder als Gemälde auf der Leinwand“, sagt Gruppenleiterin Heike Schneider.
Ihr ist es wichtig zu erwähnen, dass es beim Trauern kein richtig oder falsch gibt: „Man muss dem Kind vermitteln: So wie du trauerst, ist das immer in Ordnung.“ Genau das sei vor allem früher nicht der Fall gewesen.
Deswegen merken Schneider und ihre Kolleginnen und Kollegen bei ihrer Arbeit oft, dass bei Eltern eine unverarbeitete Trauer, ein verdrängter Verlust, zutage gefördert wird. Dietmar Stooß spricht von einem „plötzlichen Zeitsprung, der dann 30 Jahre in die Vergangenheit zurückgeht“ und erklärt, dass so etwas früher oft verbreitet war, weil es dann etwa hieß, ein Kind würde bei einer Beerdigung nur stören.
Auf Spenden angewiesen
Es wird doch schnell deutlich: Die Arbeit des Ambulanten Hospizdienstes ist wichtig, denn sie betrifft eigentlich alle Menschen in der Gesellschaft. Die Geschäftsführerin Katja Badstöber weist darauf hin, dass diese wichtige Tätigkeit allerdings komplett ehrenamtlich abläuft. Die Zahl der Spenden sei momentan solide, aber: „Das Niveau muss eben gehalten werden, deshalb freuen wir uns natürlich über jede Spende.“
Termine der Gruppe und Spenden
Der Infonachmittag für die Trauergruppe für Kinder ab acht Jahren findet am Samstag, 2. März, ab 14 Uhr statt. Eine Anmeldung ist telefonisch über 07121/27 84 63 oder per Mail an info@hospiz-reutlingen.de möglich. Die Trauergruppentermine sind immer samstags von 14 Uhr bis 16.30 Uhr: am 16. März, 20. April, 11. Mai, 8. Juni, 20. Juli, 21. September und am 19. Oktober.
Spenden können an die IBAN DE19 6405 000000000865 74 unter dem Verwendungszweck „Kindertrauer“ überwiesen werden.




