Theater in Pfullingen
: „Krabat“: Eine Parabel über den Kampf zwischen Gut und Böse

An der Wilhelm-Hauff-Realschule gab es jüngst viel zu erleben: „Krabat“ von Otfried Preußler wurde aufgeführt. Am Ende flossen Tränen – und davon reichlich.
Von
Lea Irion
Pfullingen
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Die Lehrlinge, verzaubert zu Raben, darunter Krabat selbst.

Die Lehrlinge, verzaubert zu Raben, darunter Krabat selbst.

Lea Irion

Es gelingt nicht vielen Theatergruppen, eine Inszenierung so zu gestalten, dass aus möglichst wenig möglichst viel entsteht, dass bloße Textzeilen in Emotionen übersetzt werden und am Ende ein Publikum den Saal verlässt, das sich Gedanken über das macht, was es eben erlebt hat. Noch viel seltener gelingt das denen, die Theater nur in ihrer Freizeit machen, die freitags nach der Schule noch eine Stunde länger bleiben und 60 Seiten Skript einstudieren. Und doch gibt es eine Handvoll Schülerinnen und Schüler in Pfullingen, die dieses Kunststück vollbracht haben.

Es war ein schwüler Mittwochabend in der Mensa der Wilhelm-Hauff-Realschule. Die Hitze stand förmlich in den vier Wänden. Noch unbequemer wurde es für etwas mehr als ein Dutzend junger Menschen, die auf die Bühne mussten und vor Aufregung sicherlich schon ohne Zutun des Sommers und der Scheinwerfer ins Schwitzen gekommen wären. Jochen Wandel saß im Publikum, Schulleiter und bekennender Fan all dessen, was seine Schützlinge so auf die Beine stellen.

Wandel sagte, es seien nicht immer nur die Gymnasien, die tolle Dinge machen. Seine Wilhelm-Hauff-Realschule könne das nämlich zum Beispiel auch sehr gut. „Krabat“ hieß das Stück, das seine Schülerinnen und Schüler gleich aufführen würden. Ein Jugendroman von Otfried Preußler aus dem Jahr 1971, für die Bühne adaptiert von Nina Achminow. „Das ist so wertvoll. Das müsste man noch sehr viel mehr machen“, schickte Wandel voraus. „Hier kommen Kinder zum Zug, die sonst vielleicht nicht auffallen.“ Und dann ging der Vorhang auf.

Jedes Jahr muss einer sterben

Krabat (Amelia Konietzny, 8e) ist ein Waisenjunge, ohne Geld und ohne Essen, dafür mit großem Herz. Seine Träume locken ihn eines Tages zu einer Mühle in Schwarzkollm, ostsächsische Oberlausitz. Er beginnt dort als Lehrling zu arbeiten. Alleine ist Krabat nicht: Der Meister der Mühle (Malea Kohler, 8a) unterhält eine Handvoll junger Lehrlinge, die er für sich schuften lässt. Und nicht nur das.

Tonda (Lena Göbel, 9d) führt Krabat nach und nach in die Geheimnisse der Mühle und des Meisters ein: Er ist in Wahrheit ein mächtiger Zauberer und lehrt seinen Lehrlingen die schwarze Magie. Das hat seinen Preis: Jedes Jahr muss einer der Jungen sterben, damit der Meister seine Macht behält. Und schon bald beginnt eine dramatische Zuspitzung der Geschichte.

Links Tonda, rechts Krabat, in einer schicksalhaften Nacht.

Links Tonda, rechts Krabat, in einer schicksalhaften Nacht.

Lea Irion

Amelia Konietzny brillierte in ihrer Rolle als Krabat. Als dessen treuer Weggefährte Tonda zum nächsten Todesopfer des Meisters wird, beginnt in dem Waisenjungen der innere Konflikt zwischen ewiger Macht und Gerechtigkeit. Konietzny übersetzte diesen in passende Mimik, sie transportierte ihre aufrichtige Trauer vor allem, als Krabat nach Tondas Tod von ihm aufgefordert wurde, einfach loszulassen. Ein Satz, simpel und mitten ins Herz: „Dich will ich aber nicht vergessen, Tonda.“

Krabat lernt, dass Liebe der einzige Weg ist, um die dunklen Mächte des Meisters zu durchbrechen. Dessen autoritäre Ausstrahlung verkörperte Malea Kohler spielend, ihr langer Sakko samt großer Statur vermittelte die glaubhafte Strenge eines Chefs, der seine Lehrlinge um keinen Preis in die Freiheit entlassen würde.

Vorgespielte Einfalt oder wahres Genie?

Kurz darauf verliebt sich Krabat in die schöne Kantorka (Zsófia Varga, 7c). Zusammen mit ihr und Juro (Hanna Kimmich, 8e), Krabats neuem Verbündeten, schmieden sie einen Plan, den Meister zu überlisten und aus dem Weg zu räumen. Doch dieser macht Krabat ein unmoralisches Angebot: Seinen Posten und damit auch seine Mächte übernehmen zu dürfen. Krabats innerer Konflikt kommt auf, doch scheint im Gedanken an Kantorka und die anderen Lehrlinge schnell zu verfliegen.

Besonders hilft ihm dabei Juro, der von Hanna Kimmich trotz seiner anfänglichen Nebenrolle schnell in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Juro, ein eigentlich blitzgescheiter Lehrling, stellt sich vor den anderen und dem Meister dumm, um nicht ins Fadenkreuz der schicksalhaften Silvesternächte zu geraten, in denen einer der Lehrlinge sein Leben lassen muss. Hanna Kimmich meisterte ebendiesen Spagat: die vorgespielte Einfalt und das eigentliche Genie dahinter.

Der Meister (im Hintergrund) und seine Lehrlinge.

Der Meister (im Hintergrund) und seine Lehrlinge.

Lea Irion

Die Klimax der Handlung, Krabats entscheidende letzte Nacht, ließ das Publikum noch ein Mal zittern: Würde es Kantorka nicht schaffen, Krabat unter allen Lehrlingen zu erkennen, würde der Meister sowohl sie als auch Krabat umbringen. Die Lehrlinge müssen sich dafür in Raben verwandeln, der eine grauer als der andere, und in einer Reihe stehen. Kantorka läuft diese entlang, zögert kurz, und, erkennt, natürlich, ihren Krabat. Der Meister stirbt, die Mühle kollabiert, die Lehrlinge sind frei. Ein für alle Mal.

Der Applaus, der danach folgte, war kein bloßer Beifall. Es waren jubelnde Zurufe, teils übertönt von Gepfeife und immer lauter werdendem Geklatsche. Die Begeisterung des Publikums war da, und das sollten die jungen Laiendarsteller ruhig wissen. Als wäre das Stück nicht schon tiefgründig, nicht schon emotional genug gewesen, ergriff Hanna Kimmich das Wort und dankte Lena Göbel und Dalia Bomparola, die an diesem Abend zum letzten Mal auf der großen Bühne standen.

Der Weg war das Ziel

Kimmich konnte die Tränen nicht zurückhalten. „Wir haben jeden Freitagnachmittag geprobt. Das lässt einen zu einer Gruppe gehören, die dasselbe Ziel verfolgt“, sagte die Schülerin demütig. Man merkte schnell: Diese Theatergruppe war mehr als nur ein Ensemble junger Laiendarsteller. Dahinter steckte mehr Herzblut und Zusammenhalt, als für das Publikum auf den ersten Blick ersichtlich war.

Vielleicht hatte Jochen Wandel genau das gemeint. Das Wertvolle war nicht das Stück an sich, sondern der Weg dorthin, den die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihrer Lehrerin Annika Messerschmidt bestritten hatten. Und was diese Truppe ebenso bewiesen hat: Tolle Dinge passieren auch an einer Realschule.

Die Besetzung im Einzelnen

Amelia Konietzny (8e): Krabat
Malea Kohler (8a): Meister
Zsófia Varga (7c): Kantorka
Lena Göbel (9d): Tonda
Hanna Kimmich (8e): Juro
Hannah Sorg (7e): Lyschko
Lara Märzweiler (6e): Andrusch
Eslem Cengiz (7b): Staschko
Laila Fischer (8b): Petar
Clarissa Messina (7e): Merten
Hanna Motzer (7e): Lobosch
Emma Lotterer (5a): Pumphutt
Dalia Bomparola (9d): Blaschke
Cahit Eraslan (6e): Leuschner

Elisa Wütz (9b): Souffleuse
Annika Messerschmidt: Regie

Dominik Sándor: Technik
Bennett Fast (9c): Technik
Pia Brändle (9d): Technik
Emma Messerschmidt (9d): Technik