Neues Gruppenangebot: Raum für Trauer nach Suizid in Reutlingen

Susanne Haid (46) leitet ab dem 30. Januar die neue Gruppe des Arbeitskreises Leben (AKL), die sich an trauernde Menschen, die einen nahestehenden Menschen durch Suizid verloren haben, richtet.
Mathias Grimm- In Reutlingen startet der Arbeitskreis Leben (AKL) am 30. Januar eine Trauergruppe nach Suizid.
- Die Gruppe richtet sich an Hinterbliebene, die Angehörige durch Suizid verloren haben, und ist auf 12 Personen begrenzt.
- Geleitet wird sie von Susanne Haid, Sozialpädagogin und Expertin für Krisenberatung und Suizidprävention.
- Deutschlandweit starben 2024 10.372 Menschen durch Suizid – die Mehrheit davon Männer (71,5 %).
- Kontaktmöglichkeiten: AKL-Krisenberatung unter 07071 / 19298 oder www.akl-krisenberatung.de.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Wenn ein Mensch das Leben nimmt, bleibt für die Hinterbliebenen oft mehr zurück als Trauer. Schuldfragen, Scham, Sprachlosigkeit – Gefühle, die sich deutlich von anderen Verlusterfahrungen unterscheiden. Allein im Jahr 2024 starben in Deutschland 10.372 Menschen durch Suizid. Das sind 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr und 7,1 Prozent mehr als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Rund 71,5 Prozent der Betroffenen waren Männer, 28,5 Prozent Frauen. Generell gilt es als gesichert, dass die Suizidzahlen in der Bundesrepublik steigen – trotz der Fälle, die zusätzlich als assistierter Suizid gelten. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland seit Anfang 2020 erlaubt.
Ab dem 30. Januar bietet der Arbeitskreis Leben (AKL) in Reutlingen deshalb erstmals eine begleitete Gruppe speziell für Menschen an, die einen nahestehenden Menschen durch Suizid verloren haben.
Geleitet wird die Gruppe im Tandem geleitet. Susanne Haid ist Diplom-Sozialpädagogin, systemische Beraterin und Supervisorin. Seit Ende 2023 arbeitet sie beim AK Leben in der Krisenberatung und Suizidprävention. Die Gruppe wird im Tandem geleitet. Neben Susanne Haid begleitet Franz Sebastian das Angebot. Er engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich beim Arbeitskreis Leben, ist ausgebildeter Krisenbegleiter und verfügt über umfangreiche Erfahrung in der Trauerarbeit. In der Gruppenarbeit bringt er diese Erfahrung unterstützend ein. Durch unterschiedliche biografische Hintergründe, Altersunterschiede und Perspektiven ergänzen sich beide.
Die Gruppe ist bewusst geschlossen und auf maximal zwölf Teilnehmende begrenzt. „Trauer nach einem Suizid folgt oft einem anderen Verlauf als bei anderen Todesarten“, sagt die 46-jährige Gruppenleiterin. Häufig stehe die Frage im Raum, ob man etwas hätte verhindern können. In der Gruppe gehe es deshalb nicht um Therapie, sondern um einen geschützten Rahmen, in dem ähnliche Erfahrungen aufeinandertreffen. „Hier muss sich niemand erklären oder entschuldigen. Die Gefühlswelt ist vielen sehr vertraut.“
Ob jemand bereit für eine Gruppe ist, klärt sich im Vorfeld teils in Einzelgesprächen. Manche Hinterbliebene suchen zunächst den geschützten Raum einer Einzelberatung, andere kommen erst Jahre nach dem Verlust. Auch mehrere Gruppendurchläufe sind möglich. „Es zeigt sich oft erst mit Abstand, dass jemand in einer anderen Phase steht – und dann kann der Austausch neue Perspektiven eröffnen“, sagt Haid. Menschen, die schon weiter sind, können dabei auch Hoffnungsträger sein.
Retraumatisierung vermeiden
Die Gruppe trifft sich insgesamt sechsmal im Abstand von jeweils zwei Monaten, jeweils für viereinhalb Stunden. Der Ablauf ist bewusst offen gestaltet. Zu Beginn stehen das Ankommen, informelle Gespräche bei Kaffee, erst dann der Stuhlkreis. Haid arbeitet moderierend, setzt Impulse, achtet darauf, dass niemand retraumatisiert wird. Dazu gehören auch Körper- und Atemübungen. „Viele Betroffene stehen dauerhaft unter innerer Spannung. Es geht darum, wieder im Hier und Jetzt anzukommen.“
Besonders herausfordernd sei der Umgang mit dem Umfeld. Was sagt man Nachbarn, Kolleginnen, Freunden? Welche Fragen helfen, welche verletzen? Haid wünscht sich auch ein Umdenken in der Öffentlichkeit. Statt eines schnellen „Wie geht’s dir?“ könne es hilfreicher sein, zu fragen: „Was brauchst du gerade?“ Oder: „Wie können wir uns gemeinsam an den Verstorbenen erinnern?“ Die Nachfrage sei noch überschaubar, sagt Haid. Vier verbindliche Anmeldungen liegen vor. Das Angebot wird regelmäßig evaluiert. Für sie ist klar: Suizid ist ein Tabuthema – eines, das nicht verschwindet, wenn man es meidet. „Offenheit, Aufmerksamkeit und das Stellen von Fragen können Leben schützen“, sagt sie. „Dafür wollen wir sensibilisieren.“
Hilfe annehmen: wichtige Stellen vor Ort
Wer merkt, dass die seelische Belastung zu groß wird oder sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befindet, sollte nicht zögern, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Hilfe bietet unter anderem der Arbeitskreis Leben (AKL) mit einer telefonischen Krisenberatung unter 07071 / 19298. Weitere Informationen gibt es unter www.akl-krisenberatung.de.
Auch in Reutlingen gibt es ein konkretes Hilfsangebot: Die Krisenberatungsstelle Reutlingen in der Karlstraße 28 bietet persönliche und telefonische Beratung an. Sie ist unter 07121 / 19298 erreichbar. Offene Sprechzeiten sind montags und mittwochs von 10 bis 13 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 14 bis 17 Uhr, zudem sind Termine nach Vereinbarung möglich. Eine Kontaktaufnahme per E-Mail und eine Anmeldung zur Gruppe für Trauernde nach Suizid ist unter akl-reutlingen@ak-leben.de möglich.
Wer selbst aktuell von Selbsttötungsgedanken betroffen ist, sollte umgehend versuchen, Hilfe suchen. Völlig anonyme und kostenfreie Unterstützung bietet die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter den Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222 sowie online unter der Adresse www.telefonseelsorge.de. Kinder und Jugendliche erreichen die sogenannte Nummer gegen Kummer unter 116 111 oder im Internet unter www.nummergegenkummer.de.


