Stromausfall, Hagel und Pandemien: Wie gut ist der Kreis Reutlingen auf Katastrophen vorbereitet?

Der Anschlag auf das Umspannwerk Reutlingen-West hat deutlich gemacht, wie sensibel die kritische Infrastruktur ist. Bei der Katastrophenschutzbedarfsplanung des Landkreises Reutlingen sind Stromausfälle daher ein wichtiger Aspekt.
Eibner/Dimitri Drofitsch- Kreis Reutlingen plant ein „krisenfestes System“ für den Katastrophenschutz.
- Auslöser war ein Brandanschlag: Tausende Haushalte hatten stundenlang keinen Strom.
- Risikomatrix: Höchste Priorität bei Pandemien, Stromausfällen und Hagelschlag.
- Starkregen nimmt zu – maximale Mengen und Mittelwerte stiegen deutlich an.
- Priorität 1: Stabsdienstordnung, Warnsystem, Übungen, Trinkwasser und Kraftstoffreserve.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Etwa 10.000 Haushalte und somit mehr als 30.000 Menschen hatten über Stunden keinen Strom. In manchen Bezirken der Stadt blieben Lichter, Kühlschränke und Co. tagelang aus. Der Brandanschlag Anfang Juni auf das Umspannwerk Reutlingen-West hat verdeutlicht, wie sensibel und angreifbar die Infrastruktur ist. Das Krisenmanagement von Stadt, Fair-Netz und auch der Kreisverwaltung hatte gut funktioniert – doch Verbesserungsbedarf gibt es immer. „Der Stromausfall in Reutlingen hat uns im gesamten Landkreis gezeigt, wie wichtig funktionierende Strukturen in solchen Notsituationen sind“, sagte Christof Dold (FWV) vor Kurzem in der Sitzung des Reutlinger Kreistags.
Anlass war die Vorstellung der Katastrophenschutzbedarfsplanung im Kreis Reutlingen. Frank Herrmann, im Landratsamt für den Brand- und Katastrophenschutz zuständig, führte unter anderem auf, welche Ereignisse das größte Risiko beinhalten. In einer „Risikomatrix“, in der sich das „Schadensausmaß“ und die „Eintrittswahrscheinlichkeit“ gegenüberstehen, wird deutlich: Pandemien, Stromausfälle und Hagelschläge bergen im Kreis Reutlingen die mit Abstand größten Risiken.
Diese Erkenntnis kommt nicht unbedingt überraschend, ist aber die wichtige Grundlage für das weitere Vorgehen beim Katastrophenschutz. Denn logischerweise ergibt es Sinn, die vorhandenen Kapazitäten für den Schutz vor den Ereignissen einzusetzen, die mit höherer Wahrscheinlichkeit eintreten. Beispiel Starkregen und Hagel. Allein in diesem Sommer gab es in Reutlingen mehrere heftige Unwetter, die für Schäden sorgten. Herrmann belegt diese gefährliche Entwicklung mit eindrucksvollen, erschreckenden Daten.
Starkregen viermal so heftig wie früher
Von 2001 bis 2005 gab es laut den Daten 14 Starkregen-Ereignisse mit einer maximalen Niederschlagsmenge von 136,2 Litern pro Quadratmeter. Zwischen 2011 und 2015 deren 19 Starkregen mit maximal 147,6 Litern pro Quadratmeter und zwischen 2021 und 2024 gab es 14 Starkregen-Ereignisse. Also sogar weniger. Aber: Die Menge des Regens ist das Problem. Die maximale Niederschlagsmenge wurde in diesem Zeitraum mit 237 Litern pro Quadratmeter gemessen. Die durchschnittliche Menge hat sich vervierfacht und lag bei den Starkregen 2021 bis 2024 bei 170,88 Litern. Zum Vergleich: Zwischen 2005 und 2011 lag dieser mittlere Wert bei 39,7 Litern und 2011 bis 2015 bei 50,9 Litern.
Für den Kreis Reutlingen bedeuten die vermehrten Unwetter mit schweren Schäden ebenso wie die Gefahr von Stromausfällen, dass man auf diese Ereignisse gut vorbereitet sein muss. Beim Katastrophenschutz geht es dabei vor allem um den Umgang mit den Situationen, nicht um die Vorbeugung. Herrmann und seine einzige Kollegin im Team des Katastrophenschutzes stehen aufgrund einiger Personalwechsel auf wichtigen Positionen im Landratsamt ganz am Anfang der Bedarfsplanung. Daher gilt es, „gezielt die Themen aufzugreifen, die im Ereignisfall den größten Unterschied machen“, betont Herrmann.
Unterschiedliche Führungsstäbe unter ein Dach bringen
Ein entscheidender Aspekt ist die Kommunikation und die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. Auch dafür sei der Brandanschlag auf das Umspannwerk in Reutlingen ein gutes Beispiel. Das Landratsamt, die Stadt Reutlingen, die Polizei, die Fair-Netz, die Feuerwehr: alle hatten ihre eigenen Krisenstäbe. Diese standen zwar dauerhaft in Kontakt zueinander, doch wie kann man diese Krisenstäbe künftig noch effektiver bündeln?
Der Katastrophenschutz beim Landratsamt möchte diese Funktion übernehmen. „Das ist gesetzlich so festgelegt“, sagt Herrmann. Ab einer „außergewöhnlichen Einsatzlage“ sollte die Kreisverwaltung der Hauptplayer sein. Ist eine Katastrophe eingetreten, ist das Landratsamt auf jeden Fall in der Hauptverantwortung. „Wir werden daher in den nächsten Wochen und Monaten auf die anderen Kommunen und Akteure zugehen und streben einen Austausch an“, sagt Herrmann. Eine effektive Abstimmung und klare Zuständigkeiten sind im Extremfall entscheidend.
Trinkwasser, Vorrat an Kraftstoffen: Was hat Priorität?
Im Maßnahmenpaket des Katastrophenschutzbedarfsplans mit 25 Punkten hat die „Stabsdienstordnung“ daher die Priorität 1 erhalten. Ebenso wichtig ist es, ein kreiseinheitliches Warn- und Informationssystem zu entwickeln, Katastrophenschutzübungen zu konzipieren und umzusetzen sowie Alarm- und Einsatzpläne zu erstellen. Zudem sind in der Prio 1: die Trinkwassernotversorgung sicherzustellen und einen Vorrat von Kraftstoffen und Notlogistik zu konzipieren.
„Wir werden für diese Maßnahmen mit der Priorität 1 etwa drei bis vier Jahre benötigen“, sagt Frank Herrmann. Danach ginge die Umsetzung weiterer Punkte schneller, „weil viele Maßnahmen aufeinander aufbauen“.
Weitere Gefahren: Cyber-Terrorismus hoch eingestuft – Waldbrand nicht
In der Risikomatrix des Katastrophenschutzbedarfsplans des Landkreises Reutlingen belegen Pandemien, Stromversorgung und Hagelschlag die drei „Top“-Plätze. Es folgen: Cyber-Terrorismus, Desinformation und Propaganda, Erdbeben und Hitzewellen. Auf Platz 15 steht Waldbrand. Angesichts der vielen Warnungen und der Bilder aus anderen europäischen Ländern überrascht das.
Frank Herrmann erklärt: Die Wahrscheinlichkeit eines Waldbrands sei auch hier im Landkreis hoch. Aber das Schadensausmaß wird als niedrig eingestuft. Bei einer Bewertung von Waldflächen werden Bäume oft mit 1 Euro oder 1,50 Euro bewertet. „Da ist ein Vegetationsbrand, also wenn beispielsweise ein Getreidefeld abbrennt, höher zu bewerten. Ebenso wenn Firmengebäude oder sogar Menschenleben in Gefahr sind.“



