Städtepartnerschaften: Gastgeschenke mit ziemlich viel Geschichte

Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck zeigt die traditionellen Insignien aus Bouaké: Kopfbedeckung, Halskette, Stoff und Fliegenwedel stehen für Würde, Autorität und Gastfreundschaft.
Mathias Grimm- Reutlingens Rathaus zeigt Gastgeschenke – Zeichen gelebter Städtepartnerschaften.
- Bouaké übergab Insignien der Baoulé: Textil, Kopfbedeckung, Halskette und Fliegenwedel.
- Austausch lebt von Menschen: Schulen, Vereine, Künstler und persönliche Freundschaften.
- Konkrete Projekte: Schulungscontainer nach Bouaké, zwei Ausbildungen bei einer Bäckerei ab September.
- Weitere Geschenke: Glas-Schlüssel aus Reading, Skulptur aus Roanne, Kanalboot-Modell aus Ellesmere Port.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Ein mundgeblasener Schlüssel aus Glas, ein goldener Elefant auf der Kopfbedeckung, eine Weltkugel aus miteinander verbundenen Menschen: Wer im Reutlinger Rathaus genauer hinschaut, findet dort nicht nur Verwaltungsakten. Auch die Beziehungen der Stadt in alle Welt haben ihre Spuren hinterlassen. Geschenke aus den Partnerstädten werden dort aufbewahrt und dokumentiert – und manches unscheinbare Stück erzählt eine erstaunlich große Geschichte.
„Kunst wird gerne geschenkt“, sagt Ulrich Track von der Abteilung Städtepartnerschaften. Gemeint sind dabei nicht persönliche Präsente für den Oberbürgermeister, sondern offizielle Geschenke von Stadt zu Stadt. Die Palette ist breit. Aus Reading kam ein Stadtschlüssel, aus Bouaké ein goldener Elefant, aus Roanne eine Skulptur des Künstlers Gabriel Diana. Vor dem Rathaus erinnert außerdem ein roter englischer Briefkasten an Ellesmere Port.
Was verschenkt Reutlingen im Gegenzug? Das hängt alleine Anlass und von den Beschenkten ab. „Man muss auch unterscheiden, wer es ist und wie gut man sich persönlich kennt“, sagt Oberbürgermeister Thomas Keck. Häufig macht Track einen Vorschlag, anschließend wird innerhalb der Verwaltung beraten. Nach Bouaké gingen beispielsweise Reutlinger Bierkrüge. Ellesmere Port erhielt jüngst einen Ahornbaum aus der Achalmstadt. Bei einem Besuch in Reading zum 250-Jahr-Jubiläum der USA am 4. Juli brachte Keck eine Reutlinger Stadtbrandmappe nach Pennsylvania mit. „Man macht sich Mühe“, sagt der Oberbürgermeister. Ein solches Geschenk sei eben auch eine Form der Wertschätzung.

Ein Schlüssel aus Glas aus der Partnerstadt Reading: Das mundgeblasene Stück stammt aus der dortigen ehemaligen Glasfabrik GoggleWorks.
Mathias GrimmBesonders symbolträchtig sind die Stücke aus der ivorischen Partnerstadt Bouaké. Die Stadt gilt als Zentrum der Baoulé-Kultur mit einer jahrhundertealten Textiltradition. Bei einem Besuch erhielten Keck und seine Begleiter traditionelle Insignien: einen gewebten Pagne Baoulé, eine königliche Kopfbedeckung, eine goldene Halskette und einen Fliegenwedel beziehungsweise ein Zepter aus Pferdehaar. Die Ausstattung steht für Würde, Autorität, Macht und Führungsstärke. Wer sie erhält, wird symbolisch als Häuptling geehrt – eine besonders hohe Form der Gastfreundschaft.
Die Beziehungen nach Bouaké reichen bis 1970 zurück. Heute gehen sie weit über Delegationsreisen hinaus. Es gibt Kontakte zu Hochschule und Schulen, in Bouaké wird Deutsch unterrichtet. Für eine Berufsschule wurde ein Container mit Schulungsmaterial, Werkbänken und Bauteilen für Photovoltaikanlagen zusammengestellt. Was gebraucht wird, sei zuvor mit Lehrkräften abgestimmt worden, berichtet Track. Ein zweiter Container ist bereits in Vorbereitung. Der Empfang bei der Übergabe sei beinahe „staatstragend“ gewesen, erinnert sich Keck.

Aus Reutlingens Partnerstadt Bouaké stammt diese goldene Halskette der Baoulé. Sie gehört zu den traditionellen Insignien und steht für Reichtum, Macht und Ausstrahlung.
Mathias GrimmAb September soll die Verbindung noch konkreter werden: Zwei junge Menschen aus Bouaké beginnen nach Angaben Kecks eine Ausbildung bei der Reutlinger Bäckerei Berger. „Die Leute dort wollen raus aus der Armut“, sagt der Oberbürgermeister. Die Partnerschaft könne dabei ganz praktische Brücken schlagen.
Auch hinter anderen Geschenken stecken solche Geschichten. Die Skulptur aus Roanne zeigt miteinander verbundene Figuren und steht für die Einheit der Menschen. Eine größere Version mit einigen Metern Durchmesser befindet sich in der französischen Partnerstadt. Das Reutlinger Exemplar wurde 2022 übergeben und steht heute im Büro des Oberbürgermeisters.
Aus Ellesmere Port wiederum erinnert ein Modell eines Kanalboots an die Industriegeschichte der englischen Stadt. Dort prägten Hafen und Kanäle die frühe Industrialisierung. Die Partnerschaft selbst hatte zwischenzeitlich schwierigere Jahre. Inzwischen sei sie „auf ein neues Gleis gestellt“, sagt Keck. Eine Friendship Group in England pflegt die Kontakte und kommt regelmäßig zum Reutlinger Weihnachtsmarkt. Der Stand mit englischem Christmas Pudding sei mittlerweile zu einem Knotenpunkt dieses Netzwerks geworden, sagt Track. Eine ähnliche Gruppe soll auch in Reutlingen entstehen.

Aus Reutlingens Partnerstadt Roanne stammt diese Skulptur des Künstlers Gabriel Diana. Die miteinander verbundenen Figuren stehen für die Einheit der Menschen.
Mathias GrimmDenn genau dort entscheidet sich für Keck, ob eine Städtepartnerschaft funktioniert. „Verwaltungskontakte können eine Partnerschaft nicht mit Leben füllen“, sagt er. Entscheidend seien Schüler, Vereine, Künstler und persönliche Freundschaften. Aus einem Schüleraustausch mit Ellesmere Port entstand sogar eine Familie: Ein Mann aus Wannweil lebt heute mit seiner früheren Austauschbekanntschaft in England – sie spreche inzwischen fließend Schwäbisch.
Wie lebendig solche Kontakte sein können, zeigt auch Roanne. Für den Schüleraustausch habe es in diesem Jahr rund 100 Bewerbungen aus Reutlingen und etwa 50 aus Frankreich gegeben. Das Interesse junger Menschen sei enorm.
Für Keck steckt darin mehr als kommunale Folklore. Internationale Beziehungen veränderten sich, politische Verhältnisse könnten schnell kippen. Bei Reisen erhalte man Eindrücke „unmittelbar und unverfälscht“ von den Menschen vor Ort. Gerade deshalb brauche es solche Verbindungen „mehr denn je“.
„Ich glaube, der Aufwand lohnt sich“, sagt Keck. Städtepartnerschaften seien „wertvolle Basisarbeit für die Verständigung der Völker“. Oder, noch kürzer: Völkerverständigung von der Graswurzel an.

