Sieben Straßen in Reutlingen
: NS-Vergangenheit auf dem Straßenschild

Nähe zum Nationalsozialismus: Für sieben Straßen, die nach Persönlichkeiten benannt sind, hat die Reutlinger Stadtverwaltung Hinweistafeln und ausführliche historische Einordnungen erarbeitet.
Von
Maik Wilke
Reutlingen
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Ludwig-Finckh-Straße Reutlingen Straßennamen Straßenschild

Der 1876 in Reutlingen geborene Arzt, Dichter und Naturschützer Ludwig Finckh wird heutzutage sehr kritisch bewertet.

Maik Wilke
  • Reutlingen ergänzt sieben Straßenschilder um Hinweise zur NS-Nähe der Namensgeber.
  • Kurztexte auf den Schildern ordnen Personen wie Carl Diem, Ludwig Finckh, Ina Seidel ein.
  • Online bietet die Stadt ausführliche Biografien – mit positiven Taten und kritischen Aspekten.
  • Beispiel August Lämmle: Lob des NS, Zitate zu Nürnberger Gesetzen und Hitler-Reden dokumentiert.
  • Finckh gilt als umstritten, Gaienhofen benannte einen Weg um, Reutlingen informiert nun vor Ort.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Straßennamen sind mehr als eine bloße Orientierungshilfe. Sie prägen das Stadtbild, erinnern an Menschen und Ereignisse und vermitteln damit ein bestimmtes Geschichtsbild. Viele Straßen, auch in Reutlingen, sind nach historischen Persönlichkeiten benannt, deren Wirken eine solche Ehrung verdient – die Person an sich heutzutage jedoch differenziert betrachtet werden muss.

Vor allem die Nähe zum Nationalsozialismus wird dabei häufig thematisiert. In Reutlingen hatten bereits vor Jahren zunächst der Jugendgemeinderat, anschließend die Fraktion der Linken und aktuell die SPD-Fraktion des Gemeinderats darauf aufmerksam gemacht. Nun mit einem konkreten Ergebnis: An sieben Straßen hat die Stadtverwaltung Hinweistafeln angebracht, bei denen zumindest in einem kurzen Satz eine kritische Einordnung Passanten über die Vergangenheit der Person informiert.

NS-Vergangenheit der Personen darstellen

Ein Beispiel: In der August-Lämmle-Straße stehen nun nicht mehr nur das Geburts- und Todesdatum auf dem Straßenschild, sondern auch der Satz: „Straßenbenennung 1950 nach dem Lehrer, Volkskundler und schwäbischen Mundartdichter. Wegen verklärender Äußerungen zum Nationalsozialismus heute umstritten.“ Ähnliche Sätze machen auf die Verbindung von Carl Diem, Ludwig Finckh, Ina Seidel und Agnes Miegel zum Nationalsozialismus aufmerksam.

Reutlingens Stadtverwaltung geht damit wohl einen Kompromiss ein. Statt die betroffenen Straßennamen aufgrund der Nähe der Persönlichkeiten zum NS-System zu ändern, wird die Geschichte der Personen nicht verschwiegen, sondern differenziert vermittelt. „Mit dem Wandel historischer Perspektiven verändert sich vielfach die Bewertung einzelner Persönlichkeiten, nach denen in der Vergangenheit Straßen, Wege und Plätze benannt wurden“, erklärt Stadtplaner Stefan Dvorak in der schriftlichen Mitteilungsvorlage.

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Neue Homepage mit ausführlicheren Beschreibungen

Eine deutlich umfassendere historische Einordnung finden Interessierte auf der Homepage www.reutlingen.de/straßennamen. Mit Unterstützung des Stadtarchivs und des Geschichtsvereins veröffentlicht die Verwaltung dort ausführliche Beschreibungen der Personen – sowohl deren positives Wirken auf Sport, Kultur oder Politik als auch die kritischen Aspekte.

Wie schwierig eine differenzierte Erinnerungskultur sein kann, zeigt das Beispiel August Lämmle. Der Lehrer, Mundartdichter und Volkskundler war zu seiner Lebzeit hoch angesehen, viele Straßen und Schulen sind nach ihm benannt. Oder waren nach ihm benannt. In Leonberg und Kusterdingen haben die politischen Gremien beschlossen, dortige Schulen umzubenennen. Der Grund: Mehrere Historiker untersuchten die NS-Vergangenheit Lämmles genauer.

Als Mitglied der NSDAP lobte der Mundartdichter das System des Nationalsozialismus überschwänglich. Auf der Homepage der Stadt Reutlingen wird erklärt: „Die Nürnberger Rassengesetze bezeichnete er als ‚Dienst am Volkstum‘, eine Rede Hitlers als ‚politische Worte von so hohem Geiste und so edler Sprache‘ wie man sie ‚seit den Tagen Arndt und Fichtes nicht mehr gehört‘ habe.“

Finckh-Weg in Gaienhofen wurde umbenannt

Der 1876 in Reutlingen geborene Arzt, Dichter und Naturschützer Ludwig Finckh wird heutzutage sehr kritisch bewertet. Der Jugendfreund Hermann Hesses hatte laut Homepage der Stadt eine „positive Einstellung zur Eugenik“ und eine „unkritische Sicht auf den Nationalsozialismus“. Die Gemeinde Gaienhofen, in der Finckh 1964 starb, hat den nach ihm benannten Weg 2026 umbenannt. In Reutlingen trägt die Straße unterhalb der Achalm, nahe der Panoramastraße in der Oststadt, seit 1926, damals anlässlich Finkhs 50. Geburtstags, den Namen des Dichters. 1961 wurde sogar eine Grundschule im Neubaugebiet Storlach nach Finckh benannt, die Schule existiert heute nicht mehr.

Erinnerungskultur aktiv und reflektiert gestalten

Ob überhaupt noch Straßen nach Persönlichkeiten mit Sympathien für das NS-Regime benannt werden sollten, polarisiert. Auch das greift die Homepage der Stadt Reutlingen in einzelnen Beiträgen auf. Die Webseite bietet einen guten Service, um sich ein umfassendes Bild der Persönlichkeiten zu machen. Sie soll „historische Hintergründe einordnen, unterschiedliche Bewertungen sichtbar machen und dazu beitragen, Erinnerungskultur aktiv und reflektiert zu gestalten“, erklärt die Verwaltung.

Diese Erläuterungen enthalten neben den Lebensdaten und Berufen der Namensgeber in knapper Darstellung Zeitpunkt und Hintergrund der Straßenbenennungen. Zudem wird auf „vertrauenswürdige Internetressourcen“ verlinkt, die zu weiteren Beiträgen zur Person führen. „Wobei versucht wurde, unterschiedliche Ansätze und Sichtweisen zur Geltung zu bringen.“