Schule als Staat
: Unterwegs auf den FriedSchi-Inseln: So lief das Megaprojekt

ReportageDas Friedrich-Schiller-Gymnasium in Pfullingen übt Demokratie in der Praxis: Es hat sich zu einem eigenen Staat umfunktioniert. Die SÜDWEST PRESSE war vor Ort.
Von
Lea Irion
Pfullingen
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Leckere Cocktails gab's auf der Rooftop-Bar.

Leckere Cocktails gab's auf der Rooftop-Bar.

Lea Irion

Andreas Reinert wird heute überall gebraucht. „Herr Reinert, wir haben einen Stromausfall“, beklagt Luis. Er hilft beim Technik-Team mit, sein Walkie-Talkie steht seit Stunden nicht still. Er hat einen kleinen Notfall: Eine Stromleitung ist überlastet. Jetzt muss entschieden werden: Läuft der Pizzaofen hinter dem A-Bau weiter, oder muss das Unternehmen, das die Pizzen vertreibt, etwa schließen?

Es ist viel los an diesem Dienstagvormittag. Das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Pfullingen gibt es nicht mehr, zumindest für die nächsten Tage. Wer jetzt auf das Gelände der Schule tritt, taucht ein in die Welt der „FriedSchi-Inseln“: ein souveräner Staat mit eigener Währung, eigener Flagge, eigener Regierung – eben allem, was ein Staat so braucht, um zu funktionieren.

Gezahlt wird mit QR-Codes

„Wir haben 3865 Karten machen lassen“, sagt Andreas Reinert, er ist sowas wie der Dreh- und Angelpunkt des Megaprojekts. Reinert meint die Bezahlkarten, die es auf den FriedSchi-Inseln gibt. Wer den Staat betritt, kann einen beliebigen Eurobetrag auf die Karten laden und dann mit „FriedSchis“ zahlen. Ein Euro entspricht zehn FriedSchis. Das Bezahlsystem programmiert haben drei Schüler aus der Kursstufe. Damit sind die FriedSchi-Inseln der erste Staat der Welt, der eine rein digitale Währung hat.

Reinert kauft sich bei einem Stand nahe der Strandbar einen Obstbecher. „Und jetzt muss ich nur die Karte hinhalten, damit der QR-Code gescannt werden kann“, erklärt er. Sein Schüler gegenüber – besser gesagt, ein Jungunternehmer auf Zeit – scannt den Code mit seinem Smartphone. Reinert muss nur noch seine PIN eingeben, dann hat die Transaktion funktioniert. Ein Teil davon fließt direkt in die Zentralbank der FriedSchi-Inseln.

So sieht eine Bezahlkarte auf den FriedSchi-Inseln aus.

So sieht eine Bezahlkarte auf den FriedSchi-Inseln aus.

Lea Irion

„Die Unternehmen zahlen 10 Prozent Einkommensteuer“, sagt Reinert, „wie es in einem Staat eben üblich ist“. Er läuft rechts am A-Bau vorbei und zeigt auf einen Pavillon, wo der Zoll sitzt, unweit der großen Bühne und einer Essensmeile. Der Zoll lädt die Bezahlkarten auf Wunsch auf, alles auf den FriedSchi-Inseln ist genaustens geregelt. Ein Auge darauf hat Dominik, er wurde zum Wirtschafts- und Finanzminister gewählt. Gegen Mittag hat er bereits erste Neuigkeiten. „Es läuft super. Wir haben schon 5000 FriedSchis eingenommen.“ Andreas Reinert staunt nicht schlecht. „Wie geil!“

Seit 18 Monaten ist das Projekt „Schule als Staat“ in Planung. Es fand zuletzt 2013 statt, damals noch zu Ehren des 250. Jubiläums des Friedrich-Schiller-Gymnasiums. 50 Sitzungen hat die Vorbereitungsgruppe für die Organisation abgesessen, immer abends, immer ehrenamtlich. „Wir wollen versuchen, ‚Schule als Staat‘ künftig jedem Schüler mindestens einmal in seiner Schulzeit zu ermöglichen“, sagt Reinert, nachdem er sich einen Sunrise-Cocktail auf der Rooftop-Bar bestellt hat. Selbstverständlich ohne Alkohol.

Heiraten und wieder scheiden lassen – an einem Tag

Wie sehr die Schülerinnen und Schüler von ihren FriedSchi-Inseln profitieren, zeigt allein die Vielfalt der insgesamt 75 Unternehmen. Da wäre zum Beispiel das „Reptiseum“, einem Museum mit Reptilien, geleitet und geführt von einer fünften Klasse, die über ihre Lehrerin sogar echte Schildkröten und Schlangen zeigen und erklären dürfen. Oder der Friseursalon im Keller des A-Baus, in dem Zehntklässler mit Schneidetalent und Erfahrung neue Frisuren zaubern. Am ersten Tag zählte der Salon bis zur Mittagsstunde schon fünf Kunden.

  • Plakate und Flyer waren überall zu sehen.

    Plakate und Flyer waren überall zu sehen.

    Lea Irion
  • Echte Schildkröten waren im "Reptiseum" zu sehen.

    Echte Schildkröten waren im "Reptiseum" zu sehen.

    Lea Irion
  • Die Schülerinnen und Schüler, die eine Strandbar bewirteten.

    Die Schülerinnen und Schüler, die eine Strandbar bewirteten.

    Lea Irion
  • Yara (rechts) und ihre Mitschülerinnen aus der Kursstufe boten Sushi an, das in wenigen Stunden ausverkauft war.

    Yara (rechts) und ihre Mitschülerinnen aus der Kursstufe boten Sushi an, das in wenigen Stunden ausverkauft war.

    Lea Irion
  • Tim jobbt neben der Schule als Barkeeper. Er geht in die erste Kursstufe.

    Tim jobbt neben der Schule als Barkeeper. Er geht in die erste Kursstufe.

    Lea Irion
  • Leckere Cocktails gab's auf der Rooftop-Bar.

    Leckere Cocktails gab's auf der Rooftop-Bar.

    Lea Irion
  • Kostprobe gefällig? Der Sunrise-Cocktail ist sehr empfehlenswert.

    Kostprobe gefällig? Der Sunrise-Cocktail ist sehr empfehlenswert.

    Lea Irion
  • So sieht eine Bezahlkarte auf den FriedSchi-Inseln aus.

    So sieht eine Bezahlkarte auf den FriedSchi-Inseln aus.

    Lea Irion
  • Upcycling gab's auch: Aus alten Atlanten und Chemie-Gläschen wurde Neues geschaffen.

    Upcycling gab's auch: Aus alten Atlanten und Chemie-Gläschen wurde Neues geschaffen.

    Lea Irion
  • Ibo (links) geht in die zehnte Klasse und kennt sich mit Haarschnitt bestens aus.

    Ibo (links) geht in die zehnte Klasse und kennt sich mit Haarschnitt bestens aus.

    Lea Irion
  • Khaled geht in die siebte Klasse und holte sich direkt am ersten Tag eine neue Frisur ab.

    Khaled geht in die siebte Klasse und holte sich direkt am ersten Tag eine neue Frisur ab.

    Lea Irion
  • Ayden geht in die zehnte Klasse und traute gleich am Dienstag sein erstes Paar.

    Ayden geht in die zehnte Klasse und traute gleich am Dienstag das erste Paar.

    Lea Irion
  • Ayden (schwarzer Pulli) bei der ersten Hochzeit auf den FriedSchi-Inseln.

    Ayden (schwarzer Pulli) bei der ersten Hochzeit auf den FriedSchi-Inseln.

    Lea Irion
  • Die Ringübergabe.

    Die Ringübergabe.

    Lea Irion
  • So sieht ein Pass auf den FriedSchi-Inseln aus.

    So sieht ein Pass auf den FriedSchi-Inseln aus.

    Lea Irion
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Einen kurzen Fußmarsch entfernt läuten derweil die Hochzeitsglocken, denn zu einem Staat gehört ja auch ein Standesamt. Für 30 FriedSchis kann man dort heiraten, Ringe darf man sich für 10 FriedSchis aussuchen, die Namensänderung auf dem FriedSchi-Pass kostet 15 FriedSchis und wer blaues Blut in seinen Adern vermutet, kann sich sogar einen Adelstitel geben lassen. Falls sich die Heirat später doch als Fehlentscheidung entpuppt, gibt's auch eine schnelle Scheidung für nur fünf FriedSchis.

Das Herzblut, das in dieses Megaprojekt geflossen ist, lässt sich kaum erahnen. Die Schülerinnen und Schüler laufen umher, probieren die anderen Unternehmen aus oder werben für ihr eigenes, haben Logos entworfen und Stände gebastelt, sich Namen ausgedacht und Outfits besorgt. Andreas Reinert grüßt sie alle mit Vornamen. Der Stolz über diese jungen Menschen steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Es ist wirklich so besonders.“

Ibo (links) geht in die zehnte Klasse und kennt sich mit Haarschnitt bestens aus.

Ibo (links) geht in die zehnte Klasse und kennt sich mit Haarschnitt bestens aus.

Lea Irion

Am Mittwochnachmittag soll es ein Länderspiel geben. Denn, wie es der Zufall so will: Das Albert-Einstein-Gymnasium in Reutlingen hat sich in diesem Jahr auch zu einem Staat umfunktioniert. „Da war es naheliegend, passend zur Europameisterschaft ein Fußballspiel auszutragen“, sagt Reinert, er erwartet etwa 1000 Menschen im Pfullinger Stadion. Es ist nur eines von so vielen Highlights der FriedSchi-Inseln, die es noch bis Donnerstagabend geben wird.

Erwirtschaftetes Geld soll im kommenden Jahr verteilt werden

Das Geld, das der Staat einnimmt, ist übrigens bereits verplant. Auf den Euro genau 11.686 Euro haben die Unternehmen für ihre Gründung gebraucht, unterstützt wurden sie von zahlreichen Sponsoren. „11.500 Euro kamen dadurch zusammen. Der Rest wurde vom Förderverein der Schule übernommen“, rechnet Andreas Reinert vor. Und das Geld, das jetzt in die Staatskassen fließt, wird im kommenden Schuljahr nach einer demokratischen Abstimmung verteilt. 25 Prozent kommen dem Förderverein zugute, 25 Prozent einer karitativen Stiftung, und die restlichen 50 Prozent bleiben den Schülerinnen und Schülern für ihre Schule.

Luis hat derweil Neuigkeiten. „Herr Reinert, der Bauhof kommt gleich und hilft uns“, sagt der junge Techniker sichtlich erleichtert. Der Pizzaofen muss also vielleicht doch nicht weichen. In einer Stunde könnte schon eine neue Leitung liegen. Es ist kein Weltuntergang, dieser Stromausfall. Andreas Reinert nimmt es gelassen. „Auch das sollen die Schüler lernen: Es wird nicht immer alles so laufen, wie es geplant war.“