Ex-Straftäter will anderen helfen: Felix Eschrich: „Ich hatte keine Hemmschwelle“

Felix Eschrich (37) handelte früher mit Kokain, war selbst stark abhängig und extrem gewalttätig. Dreimal saß er im Gefängnis, danach folgte der Maßregelvollzug. Heute will er anderen helfen.
Mathias Grimm- Felix Eschrich, früher gewalttätiger Dealer, ist heute clean und will Jugendliche vor seinem Schicksal bewahren.
- Er verkaufte früher Koks, heute Kleidung. Noch immer muss er seine Abstinenz nachweisen.
- Pandemie und Gefängnis führten zur Wende; jetzt lebt er gewaltfrei und ohne Drogen.
- Er plant Workshops in Schulen, um junge Menschen zu unterstützen.
- Maßregelvollzugseinrichtungen in Baden-Württemberg sind oft überfüllt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Heute steht Felix Eschrich früh auf. Eine Tasse Kaffee reicht ihm – dann macht er sich auf den Weg zur Arbeit: Im Outlet in Metzigen verkauft Eschrich Klamotten – früher war es Koks, das er vertickte. Doch das ist vorbei. Noch immer muss er durch Urinproben seine Abstinenz nachweisen und sich mit einem Suchtberater treffen, aber der 37-jährige Reutlinger sagt: „Selbst wenn es nicht so wäre, würde ich nicht mehr mit den Drogen anfangen.“
Vor ein paar Jahren noch war sein Leben alles – nur kein Alltag. Als Jugendlicher: jeden Tag kiffen. In die Schule? Wenn überhaupt, dann breit. Danach Rucksack in die Ecke, raus, mit seinen Kumpels – Leute abziehen. Handys, Jacken, Bargeld. Mit dreizehn folgt der erste Joint - später nimmt Eschrich fast alles: Ecstasy, Amphetamine, Ritalin – und mit 17 schließlich Koks. Nur Crack und Heroin probiert er nicht, er habe damals gedacht: „Ein Junkie will ich nicht sein.“ Cannabis und Koks waren seine Hauptdrogen. Trotzdem schafft er seinen Hauptschulabschluss, es folgt eine erste Lehre zum Verkäufer, später macht er in Haft eine zweite Ausbildung zum Bäcker.
Die erste Haftstrafe folgte mit Anfang 20. Dann ist Felix Eschrich wieder draußen – und bald darauf wieder drin. Dreimal Haft. Einmal Maßregelvollzug. Körperverletzung, bewaffneter Drogenhandel, Einbrüche. Einmal schlägt er in der Notaufnahme mit dem Teleskopschlagstock auf zwei Männer ein. Ein anderes Mal rammt er jemandem einen Schraubendreher in den Oberarm. „Ich war empathielos. Und ich hatte keine Hemmschwelle.“
Heute spricht der Reutlinger ruhig, offen und ausführlich über die Probleme seiner Vergangenheit. Vielleicht auch, weil er will, dass das alles herauskommt. Dass man versteht, wie man so wird. Fast zwei Meter ist Eschrich groß – und sagt heute mit tiefer Stimme: „Ich hab mich früher nie gespürt. Nie wahrgenommen. Gefühle? Keine Ahnung. Mit 13 hab ich angefangen zu kiffen. Da fangen andere an, sich zu entwickeln. Ich hab konsumiert.“ Er wächst in einer Arbeiterfamilie auf, Gewalt erfährt er nicht. Seinen Eltern würde er „nie Vorwürfe machen“, betont er. Mit elf kommt Felix Eschrich auf eine Reutlinger Hauptschule. „Ich kam aus einer ruhigeren Ecke. Auf einmal waren da andere Jungs, ein anderer Ton. Ich hab mich angepasst.“ Er stiehlt. Klaut Parfüms aus Regalen, lässt Handys mitgehen. Später dealt er. „Erst Grammweise, dann Kilos.“
Wendepunkt in der Pandemie
Den Anstoß für eine Änderung bringt ausgerechnet die Corona-Pandemie. 2021 ist Eschrich draußen unterwegs, will einen „Kunden“ treffen – mit 90 Gramm Koks in der Tasche und einer umgebauten Schreckschusswaffe. Die Polizei greift ihn auf, weil niemand zu der Uhrzeit unterwegs sein darf – zu der Zeit galt Sperrstunde. Er rennt, wirft die Drogen in eine Hecke. Und wird trotzdem erwischt. Schon vorher, so räumt er heute ein, waren da Zweifel, ob es ewig so weitergeht. Geht es nicht: Fünfeinhalb Jahre soll diesmal er ins Gefängnis – doch er wird auch zum „64er“, nach dem Artikel im Strafgesetzbuch: Eschrichs langjährige Suchterkrankung war mitverantwortlich für die Taten, und das Gericht sah Therapiechancen. Felix Eschrich hatte bereits zehn Monate abgesessen – zu viel, um weiter auf einen Therapieplatz zu warten. Der Gesetzgeber sah Handlungsbedarf, Eschrich stellte einen Antrag auf Entlassung – und bekam ihn. So kam er in den Maßregelvollzug nach Zwiefalten. „Ab da hab ich nicht mehr gekifft und sonst nichts mehr genommen. Das war der Cut.“

Botschaft aus seiner Vergangenheit: Die Tätowierung zeigt deutlich, was Felix Eschrich früher von Polizeibeamten hielt.
Mathias GrimmDer Maßregelvollzug ist härter als Knast: Kontrolle und Therapie bestimmen den Alltag. Reden über Gefühle, über Gewalt, über Selbsthass. „Ich musste lernen, dass nicht jede Kritik ein Angriff ist“, sagt Eschrich.
Dass das kein leichter Weg ist, weiß Nathalie Dennenmoser. Sie ist Leiterin der Jugend- und Drogenberatung des Landesverbands für Prävention und Rehabilition (bwlv) in Reutlingen.
„Die Sucht ist eine chronische Erkrankung. Auch Rückfälle gehören dazu“, sagt sie. Der Schritt in ein stabiles, abstinentes Leben sei möglich – aber es brauche mehr als reine Abstinenz: Strategien, um in Krisen standzuhalten, Menschen im Umfeld, die man im Notfall anrufen könne, und eine neue Art, mit Stress umzugehen. Joggen, kalte Duschen, Musik. „Jede suchtkranke Person muss ihre eigenen Werkzeuge finden.“
Felix Eschrich hat seine Werkzeuge gefunden, konnte eine Hemmschwelle aufbauen und Empathie entwickeln. Heute lebt er anders. Wohnung, Arbeit, Kontakt zur sechsjährigen Tochter. Keine Gewaltexzesse, keine Drogen. „Ich war mal Wirtschafter in einem Bordell. Habe den Damen Frühstück gemacht, Gummis aufgefüllt, Typen rausgeschmissen, wenn sie Stress gemacht haben. Das war mein Alltag.“ Heute hat dieser Alltag deutlich mehr Struktur. Er hat zwei Ausbildungen, einen Hauptschulabschluss. Da ist kein Glanz, aber auch kein Drama, als Eschrich sagt: „Ich hab Scheiße gebaut. Jetzt will ich aber etwas zurückgeben.“
Das geht nicht allen so. Nathalie Dennenmoser kennt die Hürden: Stigmatisierung und Vorurteile. Und immer der Satz: „Einmal Junkie, immer Junkie.“ Der Eintrag im Führungszeugnis, der Bewerbungen scheitern lässt. Die Angst, nicht zu genügen – die viele so weit antreibe, dass sie sich selbst vergessen. „Viele sind überengagiert. Sie wollen es allen beweisen – und verlieren manchmal das Gespür für die eigenen Grenzen“, sagt die Reutlinger Suchtexpertin.
Deshalb brauche es langfristige Nachsorge. Nicht nur in Form von Therapie oder Gesprächen – auch Strukturen, sagt Dennenmoser: Selbsthilfegruppen, Programme wie das Ehrenamtlichenprojekt EMI des BWLV, ambulant betreutes Wohnen, die Möglichkeit, auch nach dem Maßregelvollzug Rückhalt zu finden. Auch Da Capo in Reutlingen oder das Jobcenter seien Anlaufstellen, je nach Situation.
Workshops in Schulen geplant
Felix Eschrich will niemanden bekehren. Aber vielleicht verhindern, dass einer denselben Weg geht wie er. Er sucht Kontakt, um anderen zu helfen – schreibt Schulen in der Region an, fragt, ob er Workshops halten kann. Eine Tübinger Schule habe bereits Interesse bekundet. Denn zwei Dinge sind ihm jetzt wichtig: Er will ein guter Vater für seine Tochter sein – und verhindern, dass andere dort landen, wo er einst war.
Maßregelvollzug in Baden-Württemberg
An acht Standorten der sieben Zentren für Psychiatrie im Land gibt es Einrichtungen für den Maßregelvollzug: Bad Schussenried, Calw, Emmendingen, Reichenau, Weinsberg, Weissenau, Wiesloch und Zwiefalten. Die Maßregelvollzugseinrichtungen haben den Auftrag zur Therapie und Sicherung von psychisch kranken oder suchtkranken Straftätern. Viele Einrichtungen sind überfüllt – teils müssen Straftäter, die eigentlich verlegt werden sollen, monatelang im Gefängnis auf ein freies Bett warten – oder sogar vorübergehend entlassen werden. 2023 gab es in Baden-Württemberg 25 solcher Fälle. 2025 waren die Maßregelvollzugseinrichtungen laut Sozialministerium durchschnittlich mit 1.605 Menschen belegt.

