Reutlingen
: Mutscheln ohne Mutschel? Das geht doch nicht!

Sigrid Jenatschke backt Mutscheln selbst.
Von
Britta Meyer
Reutlingen

Eine Mutschel.

Ulrich Metz

In Reutlingen wird traditionell am Donnerstag nach dem Dreikönigstag gemutschelt, also nach bestimmten Spielregeln um eine Mutschel gewürfelt. Bevor ich mit einem Reutlinger liiert war, war mir dieser Brauch gänzlich unbekannt. Doch inzwischen lebe ich seit etlichen Jahren in der Achalmstadt, habe die Tradition lieben gelernt und backe unsere Mutschel zum Mutscheln für den heutigen Spieleabend sogar selbst. Das ist eigentlich ganz einfach. Die Zutaten sind auf der Homepage der Stadt Reutlingen unter dem Stichwort „Mutscheltag“ zu finden. Man benötigt ein Kilo Mehl, einen halben Liter Milch, 150 Gramm Butter, 15 Gramm Salz, 10 Gramm Zucker und 80 Gramm Hefe. Das alles zu einem glatten Teig vermischen und zugedeckt 30 bis 40 Minuten gehen lassen.

Sogar das Formen der Mutschel ist letztendlich nicht schwer. Das sternförmige Gebäck hat acht Zacken und eine Erhöhung in der Mitte. Hierfür den Großteil des Teigs zu einem Kreis formen, den Rand gleichmäßig achtmal einschneiden und zu Zacken gestalten. Die Mitte des Kreises entsprechend zu einem Hügel formen (oder einen weiteren Teigklumpen als Berg oben aufsetzen). Um die Erhöhung gehört noch ein Kranz, je nach Gusto zwei-, drei- oder viersträngig. Wer sich mit dieser Variante zufrieden gibt, kann seine Mutschel nun mit Ei bepinseln und 35 bis 40 Minuten bei 180 Grad backen. Wer möchte, kann zuvor auch noch Verzierungen auf den acht Zacken anbringen.

Um die Bedeutung der Form ranken sich zwei Geschichten. Die einen sagen, die acht Zacken stehen für die acht Reutlinger Teilgemeinden. Die anderen sagen, die acht Zacken stellen die acht Zünfte der Achalmstadt dar. Die Erhöhung in der Mitte symbolisiert den Reutlinger Hausberg: die Achalm.

So besonders ist die Mutschel im Raum Reutlingen gar nicht mehr, denn gab es sie früher tatsächlich nur rund um den Mutscheltag, so ist das goldgelbe Gebäck inzwischen fast das ganze Jahr über erhältlich - zumindest in der kleinen Variante. Klassisch handelt es sich um einen mürben Hefeteig, doch immer öfter gibt es auch süße Varianten mit Hagelzucker oder Zuckerguss oben drauf. Zum Mutschelabend bevorzuge ich aber die herzhafte Variante, denn da gibt es traditionell einen deftigen Wurstsalat dazu - oder eine fleischfreie Variante für Vegetarier.

Früher wurde am Mutscheltag ein Preisschießen veranstaltet, bei dem die besten Schützen Mutscheln gewannen. Heute wird um die Mutscheln gewürfelt. Die Spieler brauchen dafür mindestens drei Würfel, einen Würfelbecher, Papier und Stifte. Die bekanntesten Mutschel-Würfelspiele sind die große und kleine Hausnummer, Nacket’s Luisle, Langer Entenschiss und Der Wächter bläst vom Turme. Die Anleitungen hierfür sind ebenfalls im Internet und auch in manchen Mutschel-Bäckereien zu finden. Also an die Würfel, fertig, los!