Projekt in Pfullingen: Das Friedrich-Schiller-Gymnasium wird sein eigener Staat

Das Friedrich-Schiller-Gymnasium (FSG) in Pfullingen.
Lea IrionSoll mal noch einer sagen, Schule sein langweilig: Die Schülerinnen und Schüler des Friedrich-Schiller-Gymnasiums in Pfullingen verwandeln ihre Schule in einen eigenen Staat. Die Idee ist keine neue: Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt wurde das FSG schon mal zu einem Land umgewandelt, damals noch zu Ehren des 250. Jubiläums der Schule. „Seit dieser Zeit und aufgrund der vielen positiven Erfahrungen war der Wunsch bei unseren Schülerinnen und Schülern groß, mal wieder Schule als Staat organisieren zu können“, sagt Andreas Reinert, seinerseits Teil der Schulleitung am FSG.
Doch wie funktioniert das? Im Grunde wird das Gymnasium für wenige Tage in einen richtigen Staat umfunktioniert. Schülerinnen und Schüler übernehmen dabei zusammen mit den Lehrkräften dieselben Aufgaben, die ein Land zu stemmen hat: das Parlament, die Polizei, die Gerichtsbarkeit, das Standesamt, ein Staatsorchester und so weiter. Eine Verfassung ist bereits geschrieben, die Hymne wurde komponiert und selbstverständlich braucht ein Staat auch eine eigene Flagge.
Hommage an den Namensgeber der Schule
Die ist in drei verschiedenen Blautönen gehalten, links prangt eine Palme auf einer kleinen Sandbank. Die sommerliche Aufmachung ist dem Namen des Staates geschuldet: die „FriedSchi-Inseln“, eine sprachliche Komposition mit Augenzwinkern. Enthalten ist dabei, natürlich, Dichter und Philosoph Friedrich Schiller als Namensgeber der Schule, und eben die Fidschi-Inseln, ein Land im Südpazifik, was wiederum die Gestaltung der Flagge erklärt.

Die FriedSchi-Flagge des Friedrich-Schiller-Gymnasiums in Pfullingen.
FSGZu einem Staat gehören auch eigene Parteien, die gegründet wurden, ein Parlament mit Präsidentin und eine Regierung samt Regierungschef wurden ebenfalls demokratisch gewählt. Doch ein Staat besteht natürlich aus viel mehr als nur Politik: Am 12. April 2024 gab es einen Projekttag am Friedrich-Schiller-Gymnasium, bei dem die Schülerinnen und Schüler zusammen mit der IHK Reutlingen 75 eigene Unternehmen gegründet haben. Seither laufen Vorbereitungen hinsichtlich des Sponsorings, der Unternehmensorganisation, der Einrichtung von Kommunikationskanälen – eben alles, was richtige Unternehmen so leisten müssen.
Das Angebot ist dabei sehr vielfältig: Pizzeria, Bars und Restaurants, Wellness-Tempel, Nagelstudio, Fahrrad-Werkstatt, Outdoor-Adventure – die Schülerinnen und Schüler sind bei der Firmengründung kreativ unterwegs gewesen. Der Staat ist natürlich nicht exklusiv unter sich: Die Tore der FriedSchi-Inseln stehen während der Projektzeit allen offen, die mal einen Blick erhaschen wollen. Teilnahme ist dabei explizit erwünscht.
Die FriedSchi-Inseln haben im Übrigen nicht einfach den Euro übernommen, sondern die rein digitalen „FriedSchis“ ins Leben gerufen – als erster Staat weltweit, der eine exklusiv digitale Währung hat. Wer also vorbeischauen möchte, tauscht einen beliebigen Euro-Betrag in FriedSchis um und kann es sich auf den FriedSchi-Inseln gut gehen lassen.
Nicht nur zu regulären Schulzeiten ist im (zeitweise ehemaligen) Friedrich-Schiller-Gymnasium Programm geboten. Es gibt eine eigene Nationalmannschaft, die am Mittwochnachmittag während der Projektwoche ein Länderspiel austrägt. Abends kann es auch Konzerte, Wettbewerbe, Filme oder musikalische Aufführungen geben. Man merkt: „Schule als Staat“ ist beileibe keine Idee, die in zwei Wochen Vorbereitungszeit umgesetzt werden konnte.
Zwei Jahre sind seit erstem Impuls vergangen
Bei allem Spaß, den das Projekt am Ende sicherlich beschert, erhofft sich die Schulleitung natürlich auch Lerneffekte seitens der Schülerinnen und Schüler. „Wir glauben, dass unsere Schülerinnen und Schüler schon durch die Planung dieser Projektwoche viel lernen“, sagt Reinert. Allein durch die Gründung von Parteien, den Wahlkampf, die Wahlen zur Bildung des Parlaments und der Regierung, durch die Wahl einer Staatspräsidentin und so weiter würden die Schülerinnen und Schüler erleben, wie ein Staat funktioniert, was erforderlich ist für den Bestand und die Organisation eines demokratischen Staates.
Auch das Gründen und Führen eines Unternehmens würde ja ideal mit den Inhalten der Fächer Wirtschaft und Gemeinschaftskunde korrelieren, wie Andreas Reinert findet. Und der soziale Zusammenhalt an der Schule würde ebenso in besonderem Maße von „Schule als Staat“ profitieren. Zwei Jahre sind seit dem ersten Impuls für das Projekt vergangen, vor einem Jahr fand die Auftaktveranstaltung statt und jetzt ist es bald endlich so weit.
Schule erhofft sich großen Lerneffekt
Ein glücklicher Zufall waren dabei auch die jüngsten Europa- und Kommunalwahlen, an denen die Schülerinnen und Schüler teilhaben konnten, die bereits 16 Jahre alt waren. „Dadurch, dass unsere 16-jährigen Schülerinnen und Schüler ja auch wählen durften und die Europa-Wahl im Gemeinschaftskundeunterricht vorbereitet wurde, entstand speziell unter unseren Kursstufen-Schülerinnen und -Schülern eine Klarheit über die Bedeutung von demokratischen Wahlen“, erinnert sich Reinert.
Als dann noch die Gefährdung der Demokratie im medialen Rampenlicht stand, sei ihnen erst so recht bewusst geworden, was es eigentlich bedeutet, in einem demokratischen Staat zu leben. „Unsere Schülerinnen und Schüler konnten sich klarmachen: Demokratie ist nicht selbstverständlich, man muss sie hegen und pflegen, damit sie weiter besteht. Dass unsere Schülerinnen und Schüler jetzt selbst Demokratie einüben können, ist deshalb umso wertvoller.“


